Literatur

Tür an Tür mit Anne

Es ist das Jahr 1936. Hans und Ruth Kohnstam hatten 1933 Nazideutschland verlassen und leben jetzt in Amsterdam, wo ihr Sohn zur Welt kommt. Sie nennen ihn Pieter, eine Reminiszenz an ihr Gastland Holland. Viele Juden leben in Amsterdam, in der Nachbarschaft bespielsweise die Familie Frank, die ein paar Türen weiter wohnt. Anne Frank gehört zur Flucht- und Überlebensgeschichte der Kohnstams. Als sich in Amsterdam die Lage 1941/42 dramatisch zuspitzt, beschließen die Franks, sich im Hinterhaus zu verstecken. Vater Otto Frank schlägt den Kohnstams vor, ebenfalls dort einzuziehen. Doch die Kohnstams entscheiden sich zur Flucht.

»Ich frage mich oft, warum wir Glück gehabt haben«, sagt Pieter Kohnstam. Er ist heute 80 Jahre alt und zusammen mit seiner Frau Susan, seiner Tochter und drei Enkelsöhnen von Florida nach Fürth angereist, um im Jüdischen Museum Franken sein Buch Mut zum Leben. Eine Familie auf der Flucht in die Freiheit vorzustellen.

Zukunft Pieter Kohnstam ist freudig aufgeregt, wechselt hier und da ein paar Worte, versprüht gute Laune und Energie. Später wird er in seiner kleinen Rede die Deutschen dafür loben, wie sie mit ihrer Vergangenheit umgehen. »Move on!«, appelliert er, weil er will, dass die nachkommende Generation wissend in die Zukunft geht und dass jüdisches Leben in Deutschland blüht.

Kohnstam macht es allen, auch den »Offiziellen«, wie dem Bezirkstagspräsidenten Richard Bartsch und dem Fürther Oberbürgermeister Thomas Jung, mit seiner heiteren Art leicht. Er spricht Englisch, versteht aber auch Deutsch, gibt sich bescheiden und witzig, dann ernst und gerührt, erzählt von den Fluchterfahrungen seiner Familie.

Er setzt denen, die damals geholfen haben, ein Denkmal und stellt fest: »Auf jede Person, die durch ihr Verhalten alle Vorurteile zu bestätigen scheint, trifft eine andere, die nicht dem gängigen Muster entspricht und ganz unerwartet handelt.« Die Gemeinsamkeit der Menschen, die ihnen beistanden, sei gewesen, »dass sie sich bewusst dafür entschieden haben, uns zu helfen«.

Erinnerungen Pieter Kohnstam hatte in den 70er-Jahren seinen Vater Hans Kohnstam, den es 1966 wieder zurück nach Deutschland, nach München, gezogen hatte, gebeten, seine Erinnerungen an die Flucht der Familie aus Deutschland aufzuschreiben, und er tat es. Auf diesen Aufzeichnungen basiert Pieter Kohnstams Mut zum Leben; dazu kamen Erzählungen der Mutter sowie eigene Erinnerungen. 2006 erschien das Buch auf Englisch.

Rechts von Pieter Kohnstam sitzt im Seminarraum des Museums Helmut Schwarz. Kohnstam klopft ihm immer wieder auf die Schulter, drückt ihm die Hand. Schwarz ist Anglist und Historiker. Er hat Kohnstams Buch übersetzt. Bis 2014 hatte er für zehn Jahre das Spielzeugmuseum Nürnberg geleitet. »Dann kam vor drei Jahren ein Anruf aus Florida. Ein mir unbekannter Mr. Pieter Kohnstam wollte wissen, ob mir sein Familienname etwas sage. Ich sagte, ja, das sei doch ein sehr bekanntes Fürther Exporthaus für Spielwaren gewesen.«

Spielwaren Kohnstam und Schwarz lernten sich kennen, die Arbeit am Buch begann, zu dem Helmut Schwarz noch einen ausführlichen »firmengeschichtlichen Anhang« schrieb. Der Band erinnere »exemplarisch daran, welchen großen Anteil jüdische Handelshäuser aus Nürnberg und Fürth an der Entwicklung der deutschen Spielwarenbranche hatten«, sagt Helmut Schwarz. Die Fürther Firma M. Kohnstam & Co., 1865 in Fürth gegründet, zählte bis zu seiner erzwungenen Liquidation zu den führenden deutschen Exporthäusern für Spielwaren. Nach dem Börsenkrach in New York 1929 kriselte es. Als dann 1933 eine Hausdurchsuchung der SA bevorstand, entschloss man sich, Hals über Kopf nach Amsterdam zu fliehen. Die Flucht bis Argentinien dauerte 13 Monate.

Anne Frank war sieben Jahre älter als er. Man traf sich zum Spielen, Anne passte auf den kleinen Pieter auf. Einmal packte sie ihn auf seinen Roller, stellte ihn vor sich aufs Trittbrett und flitzte los, schneller und schneller, bis das Rad des Rollers in einer Kurve auf dem Kies zur Seite wegrutschte. Pieter musste am Kinn genäht werden. »Die Wunde nenne ich mein Souvenir«, sagt Kohnstam.

Pieter Kohnstam: »Mut zum Leben. Eine Familie auf der Flucht in die Freiheit«. 10. Band der Reihe Franconia Judaica, Hrsg: Andrea M. Kluxen und Julia Krieger, Würzburg 2016, 267 S., 19 €

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