Musik

Trauer und Hoffnung beim Solidaritätskonzert

Die Klänge des amerikanischen Pianisten William Goldstein drücken Gefühle aus, sie erzählen Geschichten, sie sind mal traurig – dem Anlass des Konzertes entsprechend –, und mal klingen sie hoffnungsvoll. Ihre Schönheit ist grenzenlos. Erhebend und manchmal majestätisch fallen diese Töne aus. Ihre Einzigartigkeit gehört zu den besonderen Aspekten des Abends: Keines der Stücke wurde zuvor jemals so gespielt wie am Samstagabend in der Synagoge Rykestraße – und keines wird jemals mehr so interpretiert werden.

Als der Amerikaner William Goldstein neun Jahre alt war, konnte er auf Anhieb Stücke oder Lieder nachspielen, die er gehört hatte. Jetzt, 72 Jahre später, bietet das heute 81-jährige Ausnahmetalent aus Amerika eine andere Spezialität, nämlich spontane Kompositionen. Goldstein spielt für den Moment.

Ausverkauftes Solidaritätskonzert in der Rykestraße

Jeder Platz in der Synagoge Rykestraße war besetzt, Stühle mussten zusätzlich aufgestellt werden. Das Publikum erlebte ein mehr als schönes Konzert, aber eben auch ein trauriges. Denn es handelte sich um einen Solidaritätsabend für Israel und gegen Judenhass, eine Veranstaltung mit Aussage, die von dem Journalisten Florian von Heintze initiiert wurde und mit einer Schweigeminute begann. Das Motto des Abends: »Wir sind bei euch.«

»Wir müssen etwas tun. Wir müssen handeln und nicht nur reden.« Dies war der Gedanke, den von Heintze sofort hatte, als er von dem Massaker palästinensischer Terroristen am 7. Oktober hörte. Wenig später gab es einen weiteren Aspekt, der ihn beschäftigte: »Wie es zu erwarten war, kippte dann auch noch die Stimmung. Plötzlich stand Israel am Pranger«, erklärte von Heintze vor dem Konzert. »So wurden aus Opfern Täter – und die Täter wurden zu Opfern gemacht.« Ihm war sofort klar: »Es ist Zeit, ein Zeichen zu setzen.«

Er kannte William Goldstein von einem Konzert in Los Angeles. »Ich wusste, dass er davon träumte, einmal im Leben in Berlin seine Instant Compositions zu spielen.« So kam es dann: »Bill sagte sofort zu.« In Kooperation mit Avi Toubiana, dem Intendanten der Jüdischen Kulturtage in Berlin, wurde das Event organisiert.

»Kein Wort der Anteilnahme« für Opfer der Massaker

Die Moderatorin des Abends, Andrea Sawatzki, hieß auch den israelischen Botschafter Ron Prosor willkommen, der dem Initiator und den Veranstaltern dankte: »Dass diese Solidarität nicht selbstverständlich ist, habe ich leider in den letzten Monaten immer wieder spüren müssen«, so der Diplomat. »Neben dem offen gezeigten Antisemitismus gibt es aber etwas, das noch beschämender und tragischer ist: das Schweigen.« Es sei gerade auch in der Kunst und im Kulturbereich zu beobachten – in dem sich Menschen sonst sehr schnell positionierten. Dies sei der Fall, »wenn es um ›Black Lives Matter‹ oder die Ukraine geht«. Aber diese Leute seien »jetzt ganz still«. In Bezug auf das Massaker der Hamas in Israel gebe es »kein Wort der Anteilnahme, kein Wort der Verurteilung«. Vertreter entsprechender Kulturinstitutionen müssten sich selbst fragen, »auf welchem moralischen Fundament sie stehen«, so der Botschafter.

Ein Klavierstück widmete Goldstein den festgehaltenen Geiseln.

Das Konzert selbst begann Goldstein mit einem Stück, das er den weiterhin in den Terrortunneln der Hamas festgehaltenen Geiseln widmete – während Bilder der Verschleppten an die Wand projiziert wurden. Trauer, Verzweiflung und die Dramatik der Situation konnte man deutlich heraushören – aber auch Hoffnung.

Spontane Kompositionen

Später spielte Goldstein im Duett mit dem in Berlin lebenden israelischen Violinisten Guy Braunstein. Auch zwei dieser Stücke wurden spontan – während des Spielens – komponiert. Diese Art von Improvisation im Bereich Neue Musik mit Klassik-Einschlag gelingt nur William Goldstein.

Etwas Chopin- und Debussy-Einfluss konnte in mehreren Kompositionen identifiziert werden, obwohl Goldstein Bach-Fan ist. In der zweiten Konzerthälfte erschien Tänzerin Hanna Korostelova auf der Bühne, deren Performance gut zu Goldsteins Sounds passte. Sie sprang für Alexander Abdukarimov ein, der aufgrund einer Verletzung nicht tanzen konnte.

Schließlich war noch mehr Einfluss aus ganz anderen Richtungen zu hören: Der Gast aus den USA interpretierte Sergej Rachmaninows »Vocalise« und einen Song, den seine frühere Kollegin Diana Ross 1975 aufgenommen hatte: »Do You Know Where Youʼre Going To«. Beide veröffentlichten damals Alben bei dem legendären Label Motown.

Schockierende Augenzeugenberichte

Nach der Pause sprach Tlalit Kitzoni, eine Überlebende des 7. Oktober aus dem Kibbuz Kfar Aza, über den schrecklichen Tag. Sie hatte sich während der Terrorattacke unter einem Bett versteckt und überlebte nur, weil die Terroristen davon absahen, ihre Tür aufzusprengen, obwohl sie dies im Nachbargebäude mit allen Türen taten. Fast einen ganzen Tag lang blieb sie in ihrem Versteck, bis die Armee endlich kam.

Von 800 Bewohnern in Tlalit Kitzonis Kibbuz wurden am 7. Oktober 63 ermordet und 18 verschleppt. Von den Geiseln aus Kfar Aza kamen einige im November frei. Weitere wurden versehentlich von israelischen Soldaten erschossen. Drei Tage dauerte der Kampf gegen den Terror im Kibbuz. Es war bewundernswert, wie Tlalit Kitzoni dreieinhalb Monate später mit dieser Erfahrung umging und offen darüber sprach. Neben der Trauer war ihr auch Wut anzumerken. Tapfer sprach sie von »einem enormen Trauma, zerrütteten Gemeinschaften, endloser Trauer und gebrochenen Herzen«. Auch machte sie klar: »Für uns ist die Hamas-Attacke noch nicht zu Ende. Wir leben dieses Ereignis weiterhin. Und wir werden nicht normal weiterleben können, bis alle Geiseln zurückkommen.«

Für Tlalit Kitzoni spielte Goldstein ein Drei-Noten-Porträt, dessen zentrale Töne sie zuvor ausgewählt hatte. Abschließend kam es zu einer Umarmung auf der Bühne: Goldstein – eigens angereist aus New York – tröstete die Überlebende aus Israel, 106 Tage nach der Attacke.

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