Dessau

Torarolle aus Stein

Platz für bis zu 100 Beterinnen und Beter: die neue Synagoge neben dem ehemaligen Rabbiner- und Kantorenhaus Foto: Jüdische Gemeinde zu Dessau

Es vergehe keine Woche, in der Aron Russ, Verwaltungschef der Jüdischen Gemeinde zu Dessau, die Baustelle nicht besucht. »Die Bauarbei­ten liegen im Plan«, sagt er, sodass die Hoffnungen berechtigt seien, dass das neue Bethaus zwischen Pessach und Schawuot eröffnet werden kann. »Die Synagoge ist unser Traum«, betont Gemeindechef Alexander Wassermann. 60 Plätze für Männer und eine Empore für 30 Frauen soll es geben.

Das alte Bethaus, eröffnet 1908, war in der Pogromnacht 1938 von den Nazis zerstört und niedergebrannt worden. An derselben Stelle im Stadtzentrum wird nun neu gebaut. Es sei »ein Gebäude wie eine Torarolle«, sagt Architekt Alfred Jacoby aus Frankfurt, der bereits mehrere Synagogen entworfen hat, darunter in Aachen, Kassel und Chemnitz.

Rundbau In Dessau ist es ein moderner Rundbau aus Stein und Glas: »Der Dachstuhl wird getragen von einem Gebälk aus einem Davidstern.« Er bevorzuge die runde Form, da es so leichter sei, den Aron Hakodesch, den Toraschrank, aufzustellen, sagt Jacoby. In einem eckigen Gebetsraum gebe es immer Schwierigkeiten, den Aron Hakodesch so zu platzieren, dass er richtig stehe.

Der Rundbau wird an das ehemalige Rabbiner- beziehungsweise Kantorenhaus aus dem Jahr 1889 angeschlossen, das derzeit auch saniert wird. Es verfügt über drei Stockwerke mit insgesamt 220 Quadratmeter Fläche. Bis vor Kurzem fand hier das Gemeindeleben statt. Die Verwaltung, die Beträume, der Kidduschraum, die Versammlungsräume, die koschere Küche, die Räume der Sozialarbeiter und die Migrationsberatung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) waren hier alle untergebracht.

Kurt Weills Vater Albert war einst Kantor in der Dessauer Gemeinde.

Vor einigen Monaten mussten alle Mitarbeiter in ein Ausweichquartier umziehen, denn es traten Statikmängel zutage, die behoben werden müssen. »Das treibt die Kosten nach oben«, sagt Verwaltungsleiter Russ. Er rechnet damit, dass frühestens im August die Räume wieder bezogen werden können. Die Sanierung des Kantorenhauses wird von der Reemtsma-Stiftung finanziert.

ZERSTÖRUNG Dessau ist im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert worden. Dadurch hat sich der gesamte Grundriss der Stadt verändert – auch die Straße, an der einst die Synagoge stand. Der Neubau entsteht nun an einer mehrspurigen Zufahrtsstraße, an der eine katholische und eine evangelische Kirche stehen. »Es war spannend, sich dort einzureihen«, betont Architekt Jacoby. Das Kantorenhaus ist das einzige Gebäude, das zur alten Synagoge gehörte und in der Pogromnacht 1938 nicht komplett zerstört wurde. »Die Fassade und der Zwiebelturm stehen heute unter Denkmalschutz«, so Jacoby.

»Nun suchen wir noch einen Rabbiner«, sagt Verwaltungsleiter Russ. Denn der bis vor ein paar Monaten amtierende Rabbiner Elischa M. Portnoy ist ins Militärrabbinat gewechselt. Es wäre schön, wenn die Gemeinde einen neuen Rabbiner finden würde, der einmal im Monat amtiert, hofft Aron Russ.

Die Jüdische Gemeinde zu Dessau wurde 1994 wiedergegründet und zählt inzwischen knapp 300 Mitglieder. Der vorhandene Gebetsraum im Kantorenhaus sei schon seit geraumer Zeit viel zu klein. »Etwa 40 bis 50 Beter besuchen die Gottesdienste«, meint Russ. Die ursprünglich veranschlagten Kosten für den Neubau der Synagoge können allerdings nicht eingehalten werden. Grund dafür seien auch die Pandemie und die nun explodierenden Baukosten, so Architekt Jacoby.

Fenster Die Synagoge soll in Erinnerung an die jüdische Familie des Komponisten Kurt Weill (1900–1950) den Namen Weill tragen. Kurt Weills Vater Albert war einst Kantor der Dessauer Gemeinde. Kurt Weill sei in dem Kantorenhaus aufgewachsen. Ein Fenster soll nun nicht verbaut werden, sondern offen bleiben. »Die Musik Kurt Weills soll in die Welt hinaus gehen – und auch eine Verbindung zum Kurt-Weill-Festival schaffen.« Es gilt als das größte kulturelle Festival in Sachsen-Anhalt und findet einmal im Jahr statt. Der Vorsitzende der Kurt-Weill-Gesellschaft, Thomas Markworth, habe vor ein paar Jahren die entscheidende Initialzündung für den Neubau gegeben, erzählt Alfred Jacoby.

In einem Wettbewerb setzte sich Architekt Alfred Jacoby mit seinem Entwurf durch.

Bereits 2015 wurde der Architekt von der Kurt-Weill-Gesellschaft gebeten, eine Studie zu erstellen, wie eine neue Synagoge aussehen könnte. Danach kam es erst einmal zu einem Stillstand, denn es hätte keine finanziellen Zuschüsse gegeben, so Jacoby. 2017 wurde ein Wettbewerb ausgelobt, den Jacobys Architekturbüro für sich entscheiden konnte. Die folgenden Jahre wurden genutzt, um Gelder zu akquirieren. 2020 konnte der Bau beginnen.

Zwei Jahre zuvor hatte die Stadt der Gemeinde das Grundstück übertragen und auch einen Baukostenzuschuss bewilligt. Veranschlagt wurden damals rund 1,7 Millionen Euro. Den Neubau der Synagoge unterstützen Bund, Land und Stadt mit Fördermitteln. Darüber hinaus beteiligen sich unter anderem auch Stiftungen und private Geldgeber an den Baukosten.

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