Lange Nacht der Religionen

Tora am Gesundbrunnen

Benno Simoni läuft eilig hin und her. Von der Bima, um dort alles vorzubereiten, zur Eingangstür, um die Besucher zu begrüßen, und wieder zurück. »Wir müssen anbauen – der Platz reicht nicht«, ruft der Vorsitzende der Unabhängigen Synagogengemeinde Berlin – Bet Haskala (USB) lachend.
Mittlerweile stehen und sitzen die Interessierten und Beter auf den Treppenstufen im Lichtburgforum am Gesundbrunnen, mitten im Wedding, denn die Stühle sind schon eine halbe Stunde vor dem Einbringen der Torarolle belegt.

Unter den 150 Besuchern sind auch die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke), der Bezirksstadtrat von Mitte Carsten Spallek (CDU) sowie Pfarrer und Muslime.

offen Es ist die Lange der Nacht der Religionen. Neben Bet Haskala öffnen auch andere jüdische Betergemeinschaften ihre Synagogen und Beträume, darunter Sukkat Schalom, Kahal Adass Jisroel, Fraenkelufer und Chabad Lubawitsch. Die Beter der Unabhängigen Synagogengemeinschaft sind besonders glücklich an diesem Abend, denn sie bekommen eine Torarolle.

Während Kantorin Aviv Weinberg singt, trägt Isak Bård Kyrre Aasvestad, Rabbiner in der Ausbildung, die Tora schließlich herein. Beterinnen und Beter halten schützend einen Baldachin über sie. Vorsichtig begleiten sie die samtumhüllte Rolle zum Schrank, in den sie schließlich hineingelegt wird. Dann hat der Rabbinerstudent das Wort, der einen Gottesdienst mit Erläuterungen zum Judentum vorbereitet hat.

»Es ist wichtiger für die Beter, eine Torarolle zu besitzen als eine Synagoge«, sagt er. Das Beschreiben des kostbaren Pergamentpapiers erfolge per Hand und dauere meistens etwa ein Jahr, so der angehende Rabbi. Deshalb sei sie auch so teuer – und die Synagogengemeinde sei sehr dankbar für die Spenden, die den Kauf ermöglicht hat.

neujahr Bis zu diesem Abend hatte die Gemeinde keine eigene Torarolle, sondern eine geliehene aus Bielefeld. »Dass wir nun eine zu Rosch Haschana haben werden, war für uns bis vor Kurzem noch ein Traum«, sagt Benno Simoni.

Die USB wurde im März 2014 gegründet. Sie versteht sich als liberal-progressiver Zusammenschluss, ist nach eigenem Bekunden offen für alle Jüdinnen und Juden und an interkulturellem Austausch interessiert.

Zweimal im Monat feiern 15 bis 30 Beter die Gottesdienste abwechselnd im Lichtburgforum im Wedding oder am Hüttenweg in Zehlendorf. Dem Mitgliedsverein haben sich seit der Gründung etwa 30 Interessierte angeschlossen. Die Beter kommen aus den Bezirken Charlottenburg, Spandau, Steglitz und Kreuzberg.

Im vergangenen Dezember starteten die Beter eine Spendeninitiative zur Anschaffung einer Torarolle. »Wir hatten nicht erwartet, dass das ein so großes Echo findet und wir uns so rasch nach einer geeigneten Rolle umsehen können«, sagt Gross.

unterstützung Viele Abschnitte wurden gesponsert, etwa vom Erzbistum, der Evangelischen Kirchengemeinde an der Panke, dem Lions-Club Brandenburger Tor sowie von vielen Spendern, die kleine Summen hinzugegeben haben. Ebenso half das zinslose Darlehen einer Privatperson.

Ilan Ben-Schalom, Präsident des Lions-Club Brandenburger Tor und ehemaliger Repräsentant und Dezernent für Sicherheit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sagte in seiner Ansprache, dass er sich über die Weiterentwicklung jüdischen Lebens in Berlin freue: »Die Torarolle krönt jedes Gotteshaus.«

Sie kann nur mit einer speziellen Feder von eigens ausgebildeten Schreibern hergestellt werden. Wenn ein Fehler unterläuft, muss neu angefangen werden – das ist vor allem dann ärgerlich, wenn es beim letzten Buchstaben passiert. Das sei auch einer der Gründe, warum die Rolle so teuer ist, sagte Ben-Schalom. Da könne schon einmal ein Betrag in Höhe eines Mittelklassewagens zusammenkommen.

interreligiös Der Vertreter des Liberal-Islamischen Bundes, Jonas El Benni, betonte in seiner Rede, dass Juden, Christen und Muslime friedlich miteinander leben und voneinander lernen können. Der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde an der Panke, Andreas Hoffman, freute sich besonders, dass seine Gemeinde zu den jüdischen Festen eingeladen wird – was seine Gemeinde im Gegenzug versäumt habe. »Wir leisten nun auch einen kleinen Beitrag zum Erwerb der Tora«, meint er.

Doch Benno Simoni hat noch einen weiteren Wunsch: »Hier um die Ecke in der Prinzenstraße gibt es eine leerstehende Synagoge.« Sie sei in der Pogromnacht zwar geschändet, aber nicht zerstört worden. Nach dem Krieg diente sie einige Zeit als Möbellager. Simoni würde mit Bet Haskala gern dorthin umziehen. Bezirksstadtrat Carsten Spallek will der Sache nachgehen. Es sei ein guter Anlass, um mit dem Eigentümer der Immobilie zu sprechen, sagt er auf Nachfrage der Jüdischen Allgemeinen.

ausklang Nach dem Abendgottesdienst stellte Kantorin Aviv Weinberg zusammen mit dem Musikerensemble der Gemeinde Synagogalmusik verschiedener Komponisten als Jazzinterpretationen vor.

Beter und Besucher ließen die Lange Nacht der Religionen und den Schabbat auf dem Vorplatz des Lichtburgforums feierlich ausklingen und begrüßten den Beginn der neuen Woche. Die hat schon einmal gut begonnen – mit einer eigenen Tora für die Betergemeinschaft.

Alija

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