14. September

Stress bis Sonntag

Um Flyer für die Kundgebung zu verteilen, sind auch freiwillige Helfer im Einsatz. Foto: Uwe Steinert

Die Telefone klingeln ununterbrochen: Wenige Tage vor der großen Kundgebung »Steh auf! Nie wieder Judenhass!« am Sonntag in Berlin haben die Mitarbeiter des Zentralrats der Juden im Leo-Baeck-Haus in der Berliner Tucholskystraße und in Frankfurt am Main alle Hände voll zu tun.

Und weil der Zentralrat – anders als viele glauben – keine große Organisation ist, arbeiten alle gemeinsam mit Hochdruck daran, dass die Demonstration mit Bundeskanzlerin Angela Merkel als Rednerin und Bundespräsident Joachim Gauck am 14. September am Brandenburger Tor nicht nur eine Premiere, sondern auch ein Erfolg wird. »Wir sind ein kleines Team, und wir haben eine große Aufgabe auf uns genommen. Aber das ist wichtig, denn in den vergangenen Wochen sind wir Zeugen von schlimmsten antisemitischen Hasstiraden geworden, die auf deutschen Straßen losgelassen wurden.

Dass der Zentralrat eine zentrale Kundgebung gegen Judenhass vor dem Brandenburger Tor organisiert, ist in den jüdischen Gemeinden auf sehr viel Zustimmung gestoßen. Die Leute sind begeistert, dass es eine so große Kundgebung geben soll«, sagt Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats.

Motiviert Weil der Zentralrat die Demonstration plant, organisiert und durchführt, »sind derzeit alle Abteilungen in unserem Haus mit der Kundgebung beschäftigt«, sagt Botmann. Das gilt auch für Michaela Fuhrmann in Frankfurt am Main, sie ist persönliche Referentin von Zentralratspräsident Dieter Graumann. »Diese Kundgebung ist uns wirklich ein Herzensanliegen, das spürt man auch im Team«, sagt die Politikwissenschaftlerin. »Alle stehen richtig motiviert dahinter, wir kennen keine Uhrzeiten mehr, wir schlafen wenig, und jeder macht das gerne.«

Ein Einsatz, den der Chef durchaus zu würdigen weiß: »Unsere Mitarbeiter schuften Tag und Nacht voller Begeisterung für dieses Mega-Event. Ich kann sie eigentlich gar nicht genug loben. Ich bin unendlich stolz auf unser Zentralrats-Team!«, sagt Graumann.

Koordinator des Organisationsteams in Berlin ist Marat Schlafstein. »Die gesamte Veranstaltung bedeutet für uns einen großen logistischen Aufwand«, räumt der Referent für Jugend und Gemeinden im Zentralrat ein: »Für die Busse muss es Parkmöglichkeiten geben, die Teilnehmer müssen wissen, wie sie zur Kundgebung kommen, und wir brauchen einen großen technischen Aufbau.«

Platzierung Nicht nur die Redner – Kanzlerin Angela Merkel, Zentralratspräsident Graumann, Vertreter der Kirchen sowie Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress – müssen platziert werden, sondern auch prominente Teilnehmer wie Bundespräsident Joachim Gauck, dessen Vorgänger Christian Wulff, der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach – alles unter hohen Sicherheitsvorkehrungen.

Daniel Botmann rechnet mit bis zu 50 Bussen, die aus ganz Deutschland nach Berlin kommen werden. Was die Fahrt für viele Demonstrationsteilnehmer bedeutet, weiß man in Berlin nur zu gut. »Einige Gemeinden aus dem südlicheren Teil Deutschlands, aus Baden-Württemberg, werden Anreisezeiten von bis zu neun Stunden haben – und am selben Tag ist die Rückfahrt. Wir wissen den großen Aufwand zu schätzen und werden uns selbstverständlich auch um das Wohlergehen unserer Gemeindemitglieder kümmern«, versichert Schlafstein. »Sie erhalten koschere Lunchpakete und werden mit Getränken versorgt, weil viele ja sofort nach der Kundgebung wieder zurückreisen.«

Gemeinden
Seit dem Moment des ersten Aufrufs zur Kundgebung, sagt Schlafstein, ist der Kontakt zu den Gemeinden sehr intensiv. »Viele wollen selbst sehr aktiv werden und mit eigenen Spruchbändern kommen – die bereiten sich auch intern explizit darauf vor.« Schlafstein hofft, dass die Kundgebung den Zusammenhalt stärkt: »In den Gemeinden laufen Jugendarbeit, Seniorenarbeit und andere Bereiche oft getrennt voneinander ab. Aber zu dieser Demonstration reisen alle Altersgruppen gemeinsam an.«

Die wichtigste Frage im Vorfeld ist natürlich: Wie viele Menschen werden kommen? Für die Werbung wurden alle Kanäle genutzt, sagt Daniel Botmann: »Dankenswerterweise bewirbt nicht nur der Zentralrat diese Kundgebung, sondern wir haben viele Unterstützer – sei es über Social Media, über Newsletter oder Zeitungen. Wir werben bei den jüdischen Kulturtagen, in der Stadt werden Flyer verteilt.« Dafür sind auch freiwillige Helfer im Einsatz.

Bürgeranfragen Jutta Wagemann, Pressereferentin des Zentralrats, sagt: »Wir haben auch Anfragen von Bürgern quer durch die Republik bekommen, von Privatpersonen, die gerne Plakate, Flyer oder unser Logo haben wollten, damit sie in Eigeninitiative Werbung machen können. Auch auf Facebook ist das Echo sehr positiv. Ich habe selten so viele ›Likes‹ und so viele Posts gesehen, die geteilt werden, wie bei dieser Kundgebung.«

Geschäftsführer Botmann freut sich über so viel zivilgesellschaftliches Engagement. »Es ist wichtig, dass wir nicht nur eine politische Elite, sondern auch die Basis für dieses wichtige Thema gewinnen.« Referentin Fuhrmann berücksichtigt noch unbeeinflussbare Unwägbarkeiten. »Ich checke immer, wie das Wetter wird – das ist ja auch nicht unwichtig. Aber selbst, wenn es nicht optimal sein sollte: Für unsere Sache, ein gemeinsames Zeichen gegen Judenhass und für Toleranz und Freiheit zu setzen, lohnt es sich doch allemal, auch ein paar Regentropfen zu ertragen. Wenn nicht dafür, wofür dann?!«

Konzert

Neue Klangwelten

Fünf Chöre laden zu einem Abend mit hebräischer, jiddischer, israelischer und synagogaler Musik. Dirigenten und Sänger erzählen, was sie mit ihren Ensembles verbindet

von Christine Schmitt  15.02.2026

Porträt der Woche

Die Gründerin

Gabriela Fenyes war Journalistin und engagiert sich in der Hamburger Gemeinde

von Heike Linde-Lembke  15.02.2026

Frankfurt

Ein Abend – trotz allem

Im Philanthropin sprachen die Schoa-Überlebende Eva Szepesi und Ella Shani, eine Überlebende des 7. Oktober, über Zeitzeugen, Schüler und Erinnerungen

von Raquel Erdtmann  12.02.2026

Karneval

Ganz schön jeck

Die Düsseldorfer Gemeinde lud zum traditionellen Prinzenpaarempfang. Sie will damit ein Zeichen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen

von Jan Popp-Sewing  12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Kultur

Ensemble, Schmäh und Chalamet: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. Februar bis zum 18. Februar

 11.02.2026

Erinnerung

Verantwortung lebt weiter

In Dachau fand kurz vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag erstmals ein »March of the Living« statt

von Esther Martel  09.02.2026

Lerntool

Timothée Chalamet, Batmizwa und eine Davidstern-Kette

»Sich be-kennen«: Der Zentralrat der Juden bietet einen interaktiven Onlinekurs über die Vielfalt des Judentums für Schulen und interessierte Gruppen an

von Helmut Kuhn  09.02.2026

Berlin-Neukölln

Kritik am Kandidaten

Ahmed Abed sorgte jüngst für einen Eklat, als er einen israelischen Gast als »Völkermörder« beschimpfte. Doch bei der Linkspartei steht der Politiker mit palästinensischen Wurzeln hoch im Kurs

von Imanuel Marcus  09.02.2026