Dresden

Stimme der Aufklärung

Renate Aris und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer Foto: Nikolai Schmidt

Es ist die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl verleiht. Sie ist gut sechs mal sechs Zentimeter groß, intensiv rot und hängt an einem schwarz-rot-goldenen breiten Band: das Bundesverdienstkreuz. Am 3. März hat diesen Orden die Dresdnerin Renate Aris erhalten, und auf dem Foto, auf dem die 90-Jährige mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer zu sehen ist, strahlt sie. Aris ist eine von neun Bürgerinnen und Bürgern aus Sachsen, die das Verdienstkreuz bekommen haben.

Renate Aris, so hieß es in der Begründung der Sächsischen Staatskanzlei, »eine der letzten sächsischen Überlebenden des Holocaust, ist als Zeitzeugin eine wichtige Kämpferin gegen das Vergessen«. Ein zentraler Pfeiler ihres Wirkens sei ihre jahrzehntelange Tätigkeit als »Stimme der Aufklärung«. »Trotz ihres hohen Alters tritt sie sachsen- und bundesweit in Schulen und Bildungseinrichtungen auf, um jungen Generationen die Gräuel der NS-Zeit authentisch und fundiert zu vermitteln.

Als ›Brückenbauerin‹ und gefragte Ratgeberin in der gesellschaftspolitischen Jugendbildung, verleiht sie der Mahnung ›Nie wieder ist jetzt‹ eine starke, persönliche Stimme. Zudem widmete sie sich intensiv dem Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde Chemnitz und der Integration jüdischer Zuwanderer, insbesondere durch den von ihr mitbegründeten Jüdischen Frauenverein.«

Renate Aris und ihr Bruder Heinz-Joachim engagierten sich in der ehemaligen DDR für die jüdische Gemeinschaft.

Aris wurde 1935 in Dresden geboren. Gemeinsam mit ihren Eltern Susanne und Helmut und ihrem Bruder Heinz-Joachim musste sie die Entrechtung von Juden durch die Nazis erleiden. Am 16. Februar 1945 sollte die Familie in ein Konzentrationslager deportiert werden. Die alliierten Luftangriffe auf Dresden retteten der Familie das Leben und ermöglichten ihr die Flucht vor dem sicheren Tod. 20 Familienangehörige wurden in der Schoa ermordet. Renate Aris und ihr Bruder Heinz-Joachim engagierten sich in der ehemaligen DDR für die jüdische Gemeinschaft. Renate Aris war außerdem von 1988 bis 2003 stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz und Präsidiumsmitglied des Landesverbands Sachsen der Jüdischen Gemeinden.

Wie sehr Renate Aris das jüdische Leben in dem Bundesland geprägt hat, erläuterte Ekaterina Kulakova, die aktuelle Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden, in einer Pressemitteilung: »Renate Aris widmet ihre Kraft und ihre Zeit mit großem Engagement der Zukunft unseres Landes. Mit bewundernswerter Offenheit sucht sie das Gespräch mit den Menschen – ehrlich, zugewandt und stets im respektvollen Austausch.«

Diese Begegnungen mit der Holocaust-Überlebenden seien gerade für die junge Generation wichtig. Solche Gespräche schenkten Orientierung und stärkten das Bewusstsein dafür, »wie wichtig es ist, ein demokratisches, gerechtes und lebenswertes Deutschland zu bauen«. Aris sei »ein mutiger, warmherziger und zutiefst engagierter Mensch. Den Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden erfüllt es mit großer Freude und Stolz, dass Renate Aris mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wird.«

Renate Aris war in über 600 Schulklassen zu Gast, um aus ihrem Leben zu erzählen.

Die Dresdnerin Aris geht ihre Arbeit dabei ganz praktisch an: Ihr Motto: »Nicht warten, bis andere etwas machen, sondern selbst mittun.« Zurzeit setzt sie sich für den Wiederaufbau des Alten Leipziger Bahnhofs in Dresden als Erinnerungs-, Begegnungs- und Lernort ein. Außerdem ist sie eine engagierte Zeitzeugin, die bis heute mehr als 600 Schulklassen besucht und den Schülerinnen und Schülern über die NS-Zeit und die Vernichtung jüdischen Lebens in Nazideutschland berichtet hat.
Die Treffen mit jungen Menschen hielten sie in Bewegung: »Wichtig ist, dass dieses Zeugnis von ihnen weitergegeben wird.«

Das Bundesverdienstkreuz ist nicht die erste Auszeichnung für Renate Aris. Bereits 2016 erhielt sie den Sächsischen Verdienstorden, 2022 kam der Ehrenpreis des Chemnitzer Friedenspreises für ihre Lebensleistung dazu. Wohlverdient. ja

Berlin

Signale am Gleis 17

Aktivisten möchten aus dem ehemaligen Bahnwärterhaus eine Info-Werkstatt zur Schoa machen

von Christine Schmitt  15.03.2026

Porträt

Im Einsatz für andere

Jutta Josepovici arbeitete für die ZWST und die Frankfurter Jüdische Gemeinde

von Eugen El  15.03.2026

Leipzig

In sichere Hände

Die Israelitische Religionsgemeinde bekommt eine hebräische Bibel von 1906 geschenkt

von Thyra Veyder-Malberg  14.03.2026

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Hilfe

Gestrandet in Deutschland

Viele Israelis wurden im Ausland vom Beginn des Krieges mit dem Iran überrascht. Sie finden Unterstützung bei der israelischen und jüdischen Gemeinschaft vor Ort

von Joshua Schultheis  11.03.2026