Zentralrat

Sonntag ist Wahltag

Organigramm des Zentralrats der Juden in Deutschland Foto: Marco Limberg

Zentralrat

Sonntag ist Wahltag

Die Ratstagung in Frankfurt entscheidet über die neue Spitze

von Heide Sobotka  24.11.2014 23:37 Uhr

Nachdem Dieter Graumann angekündigt hatte, nicht mehr erneut für das Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland zu kandidieren, war der Schock groß. Es hätten keine noch so guten »Überredungskünste gefruchtet«, sagte sein designierter Nachfolger Josef Schuster, während in seiner Heimatgemeinde Würzburg gerade zwei junge Rabbiner ordiniert wurden. Er werde sich der Wahl stellen, sagte der Internist. Und schon sahen viele – auch die Medien – in ihm den selbstverständlichen Nachfolger des scheidenden Zentralratspräsidenten.

So selbstverständlich ist die Nachfolge allerdings nicht – wiewohl Schusters Wahl als allgemein sicher und vor allem von vielen Beteiligten als gewünscht gilt. Vorher ist jedoch ein durchaus differenziertes Wahlverfahren zu berücksichtigen.

neuwahl Da sich Dieter Graumann nicht nur als Präsident zurückzieht, sondern das oberste Entscheidungsgremium des Zentralrats ganz verlässt, muss auf jeden Fall ein oder eine Neue(r) ins Präsidium gewählt werden. Diese Exekutive des Zentralrats hat neun Mitglieder, von denen sechs aus den Reihen der Direktoriumsmitglieder und drei aus den Reihen der Delegierten der einmal jährlich stattfindenden Ratsversammlung gewählt werden.

Das Direktorium ist so etwas wie das Kontrollgremium, es überwacht die Tätigkeit des Präsidiums und wählt den Generalsekretär oder Geschäftsführer des Zentralrats. Großgemeinden und Landesverbände entsenden entsprechend ihrer Mitgliederzahl, das heißt pro angefangene 5000 Mitglieder, einen Gesandten in das Gremium. Da aus ihren Reihen sechs Vertreter ins Präsidium gewählt werden, haben sie einigen Einfluss auf die Geschicke des Zentralrats.

Die Ratsversammlung, die jeweils gegen Ende eines Kalenderjahres zusammentritt und den wirtschaftlichen wie gesamtpolitischen Rechenschaftsbericht des Zentralrats durch ihr Votum billigen muss, setzt sich aus Vertretern der Gemeinden zusammen. Je 1000 Mitglieder wird ein Delegierter zu der Versammlung entsandt und nimmt vor Ort die Interessen seiner Ortsgemeinde wahr. Alle vier Jahre, also für eine Legislaturperiode, wählen sie aus ihrer Mitte drei Mitglieder in die Exekutive.

Vizepräsidenten Die auf diese Weise ermittelten neun Mitglieder des Zentralratspräsidiums setzen sich in einer kurzen Konferenz nach der Ratstagung zusammen und bestimmen den neuen Präsidenten und seine beiden Vertreter. Derzeit gehören dem Präsidium Heinz-Joachim Aris (Dresden), Mark Dainow (Offenbach), Küf Kaufmann (Leipzig), Abraham Lehrer (Köln), Hanna Sperling (Dortmund) und Barbara Traub (Stuttgart) an. Sie vertreten die Landesverbände von Sachsen, Hessen, Westfalen-Lippe sowie Württemberg und darüber hinaus die Synagogen-Gemeinde Köln.

Noch offen ist, wer bei der kommenden Ratsversammlung aus dem 28-köpfigen Direktorium in das Präsidium gewählt wird. Auch ist nicht klar, ob sich möglicherweise weitere Mitglieder aus diesem obersten Leitungsgremium zurückziehen werden. Mit 60 Jahren ist Josef Schuster, Gemeindevorsitzender aus Würzburg und Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Bayern, in der jüdischen Community Deutschlands sehr bekannt und im besten »Präsidentenalter«.

Auch Dieter Graumann und einige Präsidenten vor ihm waren bei ihrem Amtsantritt in ihren Sechzigern. Auf die längste Amtszeit konnte Werner Nachmann (1969–1988) verweisen. Dessen Nachfolger Heinz Galinski hatte den Zentralrat nicht nur von 1954 bis 1963 angeführt, sondern folgte Nachmann 1988 bis zu seinem Tod 1992 erneut im Amt des Vorsitzenden. Mit Charlotte Knobloch hat es bislang erst eine Frau in das Amt geschafft.

Zuwanderer Auch wenn die Wahl Josef Schusters als sicher gilt, sind Überraschungen möglich. Wird es aus den Reihen der Ratsdelegierten möglicherweise Vorschläge für neue Mitglieder des Präsidiums geben? Wird sich neben Küf Kaufmann vielleicht ein weiteres Mitglied aus den Reihen der Zuwanderer zur Wahl stellen? Werden die beiden einzigen Frauen im Präsidium, Hanna Sperling aus Dortmund und Barbara Traub aus Stuttgart, eine weitere Frau an ihre Seite bekommen? Werden jüngere Mitglieder den Sprung in die Exekutive wagen? Werden überhaupt alle Präsidiumsmitglieder wiedergewählt?

Josef Schuster wäre der achte Präsident des Zentralrats nach der Schoa und der zweite nach Graumann, der der Zweiten Generation angehört. Die 95 Mitglieder der Ratstagung des Zentralrats der Juden in Deutschland werden am 30. November abstimmen.

Kommentar

Ein Weckruf

Der AfD-Erfolg liegt vor allem im Scheitern jener Parteien, die die Bundesrepublik seit Jahrzehnten prägen. Verloren gegangenes Vertrauen muss nun schnellst möglich wieder zurückgewonnen werden

von Josef Schuster  08.09.2026

Viktoria Ladyshenski

Schleswig-Holstein

»Wir packen unsere Koffer«

Viktoria Ladyshenski, Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, warnt, dass die Gefahr durch linken und islamistischen Antisemitismus in Deutschland nicht ernst genug genommen wird

 08.09.2026

Kino

Wie ein Holocaust-Überlebender in Ostfriesland Frieden fand - Doku über die letzten Lebensjahre von Albrecht Weinberg

Albrecht Weinberg überlebte den Holocaust und wollte Deutschland für immer den Rücken kehren. Doch zum Ende seines Lebens fand er in seine Heimat Friedland zurück. Ein neuer Dokufilm zeigt seine letzten Jahre

von Kira Taszman  08.09.2026

Sachsen-Anhalt

»Viele haben unsere Sorgen einfach weggewischt«

JSUD-Präsident Ron Dekel über Sachsen-Anhalt, die AfD und die Frage, was die jüdische Gemeinschaft jetzt tun kann

von Leon Stork  08.09.2026

Kommentar

Und nun?

Bloße Empörung über den Wahlsieg der rechtsextremen AfD ist billig und wohlfeil. Es sollte endlich auch über die Gründe ihrer Popularität gesprochen werden. Die Parteien der Mitte müssen endlich aufwachen

von Philipp Peyman Engel  07.09.2026

Reaktion

Zentralrat der Juden schockiert über AfD-Ergebnis

Josef Schuster ist entsetzt über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Besondere Gefahren sieht der Präsident des Zentralrats der Juden in der Bildungspolitik

 06.09.2026

München

Bayern erhöht Staatsleistungen für israelitische Kultusgemeinden

Seit 1997 gibt es in Bayern einen Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden. Dieser muss immer wieder mal angepasst werden. Am Freitag war es wieder soweit. Ein Signal der Wertschätzung

 06.09.2026

Porträt der Woche

Meisterin des Spagats

Naama Freedman vereint Kunst, Musik, Film und Sprache jenseits der Genregrenzen

von Lorenz Hartwig  06.09.2026

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026