Paul Spiegel

Sohn des Lebens

Paul Spiegel sel. A. (1937–2006) Foto: dpa

Paul Spiegel

Sohn des Lebens

Der ehemalige Zentralratschef wäre am 31. Dezember 80 geworden. Eine persönliche Würdigung

von Rabbiner Julian Chaim Soussan  18.12.2017 17:28 Uhr

Lieber Paul, wie gerne würde ich mit dir und deiner Familie deinen 80. Geburtstag feiern. Aber leider ist der 31. Dezember seit nunmehr elf Jahren nur ein stilles Gedenken an dich. Worüber würden wir uns wohl unterhalten? Natürlich über die neuesten geopolitischen Entwicklungen, aus dem uralten, uns eigenen Blickwinkel: Ist das gut für die Juden oder nicht?

Bestimmt würde ich dir vorwerfen, dass du mit »schuld« daran
bist, dass ich nun mein Leben als Rabbiner zu verbringen habe – und du würdest den Humor in der Bemerkung und meine tief empfundene Dankbarkeit verstehen, ohne dass ich es extra sagen müsste. Wir würden vielleicht über die Gemeinden sprechen, besonders über Düsseldorf und den Zentralrat, die du beide unvergesslich geprägt hast: mit deiner Art, auf Menschen zuzugehen, sie einzubeziehen, mit allen eine gemeinsame Basis zu finden und sie für deine Ziele zu begeistern.

Humor Und das immer mit dem gehörigen Schuss Humor, der dich ausgezeichnet hat. Ich könnte dir von deinem Enkel erzählen, der in meiner Gemeinde in Frankfurt aufwächst. Er hat so ein wunderbar verschmitztes Lächeln, das immer zum Mitgrinsen einlädt. Oft hat mich deine Tochter Leonie mit ihm auf dem Weg vom Kindergarten im Büro besucht, sodass die erste Scheu längst gewichen ist. Ich würde dir von seiner Nervosität an seinem ersten Schultag erzählen – und wie er nun mit all den anderen Kindern auf der Bühne so großartig und selbstverständlich die Chanukkafeier mitgestaltet hat. Alles Dinge, von denen wir uns so sehr wünschen, du hättest sie miterlebt. Bestimmt hättest du ihn längst unter Vertrag genommen!

Du bist uns immer präsent, wenn ich Gisèle sehe, die Delegierte im Zentralrat ist, oder wenn ich deine Töchter Dina und Leonie auf dem Gemeindetag oder bei ihren Besuchen in Frankfurt treffe. Auch folgende Petitesse würde dich freuen: Seit Jahren halte ich einen Vortrag zum jüdischen Humor.

Und der letzte Witz geht mit Einleitung so: »Mit diesem Witz, den Paul Spiegel – alaw haSchalom – erzählt hat, möchte ich schließen: Ein Engländer kommt auf den Golfplatz, aber sein Golfpartner hat abgesagt. Er geht zum Manager und fragt, ob es wohl eine andere Gruppe von Spielern gibt, die ihn mitnehmen würde.

Chassidim Der Manager zeigt auf eine Gruppe von drei Chassidim: ›Die da drüben vielleicht, wenn Sie damit kein Problem haben?‹ ›Nein, nein, gerne.‹ Auch die Chassidim sind einverstanden. Um es kurz zu machen, sie spielen ihn in Grund und Boden! Er ist äußerst überrascht und fragt: ›Entschuldigung, aber Sie machen mir nicht den Eindruck, als seien Sie Golfprofis. Darf ich fragen, warum Sie so gut spielen?‹

Einer der Chassidim antwortet: ›Nun ja, also, vielleicht haben Sie bemerkt: Wir sind Juden!‹ ›Äh, ja?‹ ›Und jeden Mozei Schabbat machen wir Hawdala – also am Ende des Schabbats sprechen wir ein Gebet für die kommende Woche. Und wir drei, wir beten dabei immer für eine gute Golfwoche!‹ ›Wie? Das ist alles?‹ ›Ja.‹ Der Engländer kommt nach Hause, und noch in der Tür ruft er seiner Frau zu: ›Schatz, wir werden Juden!‹ Drei Jahre später sind der Engländer und seine Frau in Laufnähe einer Synagoge umgezogen, haben die Küche auf koscher umgestellt, alle Gebote gelernt und sind zum Judentum konvertiert.

Gleich am Sonntag nach dem Übertritt geht der Engländer auf den Golfplatz und trifft die drei Chassidim, die ihn auch diesmal mitnehmen. Und sie spielen ihn in Grund und Boden! Der Engländer ist am Boden zerstört. Weinend erklärt er, dass er übergetreten ist: ›Ich hab’ Schabbes gefeiert, mit allem Drum und Dran, und bei der Hawdala habe ich mit voller Kawana (innerer Konzentration) für eine gute Golfwoche gebetet – und jetzt das! Ich verstehe das nicht!‹ Einer der Chassidim kratzt seinen Bart und sagt: ›Hm, ich auch nicht, aber sag mal, wo bist du übergetreten?‹ ›Wieso? In der Gemeinde Bet Emanuel.‹ ›Ah‹, sagt der Chassid, ›das tut mir leid, aber die sind nur für Tennis!‹«

Witzbuch Es mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen, einem Witz im Gedenken so viel Platz einzuräumen. Aber jüdischer Humor ist eben viel mehr als nur Witz. Wie ich in dem Vorwort zu dem Witzbuch, das Dina und Leonie in deinem Namen herausgebracht haben, schon geschrieben habe, war dein hebräischer Name Itzchak ben Chaim. Ins Deutsche übersetzt: der lachen wird, Sohn des Lebens.

Du hast mit deiner Mutter die Schoa in Belgien überlebt, während dein Vater im KZ war. Als du ihn das erste Mal wiedergesehen hast, war er ein Fremder für dich. Das hast du mir erzählt, als wir gemeinsam nach Warendorf, die Heimat deiner Eltern, gefahren sind, wo eine Gedenkveranstaltung für sie stattgefunden hat. Und dennoch hast du Deutschland nicht den Rücken gekehrt, sondern aktiv am Wiederaufbau der jüdischen Gemeinschaft mitgewirkt. Solange wir lachen, sind wir nicht besiegt!

Solange wir in deinem Namen lachen, bist du mit uns lebendig! »Tiheje Nischmato zarur biZror haChaim – Es möge seine Seele angebunden sein im Band des Lebens!« So steht es auf jedem Grabstein, auch auf deinem. Eben habe ich mit Leonie telefoniert, die mir erzählt hat, dass sie heute mit deinem Enkel an deinem Grab »Maos Zur« für Chanukka gesungen hat. Und er wollte dann auch gerne noch ein Lied für dich singen: »Happy Birthday!«

Verantwortung

Abschied und Neuanfang

David Beck übernimmt als Nachfolger von Andreas Franck das Amt des Zentralen Antisemitismusbeauftragten der Bayerischen Justiz

von Luis Gruhler  02.11.2026

München

20 Jahre Ohel-Jakob-Synagoge: Merz, Aigner und Söder beim Festakt

Am 9. November 2006 wurde die Synagoge Ohel Jakob eröffnet - als Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens ins Herz Münchens. Den 20. Jahrestag feiert die Kultusgemeinde mit einem Festakt. Erwartet werden prominente Gäste, etwa Bundeskanzler Merz

 02.11.2026

Feier

»Ein Zuhause«

Es war ein bewegender Moment: Nach langer Planung öffnete die bundesweit wirkende Jüdische Akademie in Frankfurt ihre Türen. Mit Prominenz, rabbinischem Segen - und eindringlichen Worten gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  02.11.2026

Frankfurt

»Raum geben für Differenzierung«

Zentralratspräsident Josef Schuster skizzierte in seiner Rede zur Eröffnung der Jüdischen Akademie, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen soll. Wir dokumentieren die Ansprache im Wortlaut

von Josef Schuster  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Es ist die erste Institution dieser Art in der Bundesrepublik. Was hat es damit auf sich?

 02.11.2026

Eine Akademie für Deutschland

Heute ist in Frankfurt die Jüdische Akademie feierlich eröffnet worden. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert

Universität

Angst auf dem Campus

Eine Studie zeigt, wie stark jüdische Studierende unter Antisemitismus leiden – und welche Folgen das für ihre psychische Gesundheit hat

von Alicia Rust  01.11.2026

Porträt der Woche

Reihe 9, außen

Diana Sims-Silbermann spielt Cello und ist Theaterärztin. Sie hat immer denselben Platz

von Claudia Irle-Utsch  01.11.2026