Ausstellung

Shaul Ladanys »Lebensläufe«

Shaul Ladany Foto: pr

Ausstellung

Shaul Ladanys »Lebensläufe«

Die Gedenkstätte Bergen-Belsen zeigt Erinnerungen des Schoa-Überlebenden

von Karen Miether  29.08.2019 15:41 Uhr

Für Shaul Ladany wird es ein sehr emotionaler Moment sein. Wie jedes Mal, wenn der heute 83-Jährige nach Bergen-Belsen zurückkehrt. »Es ist für mich immer schwer, dort zu sein«, sagt er. Doch der Anlass ist für ihn ein besonderer.

Am 5. September eröffnet die Gedenkstätte bei Celle die Ausstellung Lebensläufe. Anhand von Erinnerungsstücken des jüdischen Wissenschaftlers und Sportlers aus Israel erzählt sie von der Verfolgung von Menschen, die wie Ladany in das Konzentrationslager verschleppt wurden – und von seinem Überleben.

Seit seinem 13. Lebensjahr sammelt Ladany originale Dokumente aus dem Konzentrationslager.

Geisel Ladany überlebte gleich zweimal: 1944 entkam er dem KZ. 1972 blieb er verschont, als bei den Olympischen Spielen in München palästinensische Terroristen Mitglieder der israelischen Mannschaft als Geiseln festhielten und elf seiner Teamkollegen ermordeten. Ihm sei wichtig, das Gedenken zu bewahren, sagt er.

Dafür stünden unter anderem Bilder vom KZ Bergen-Belsen mit seinen Baracken, die ein Mithäftling und Künstler seinem Vater gegeben habe. Die Widmung in Großbuchstaben laute: »Damit du Bergen-Belsen nicht vergisst und uns nicht.«

Seit seinem 13. Lebensjahr sammelt Ladany originale Dokumente aus dem Konzentrationslager. Auch zum Attentat von München hat er zusammengetragen, was er bekommen konnte. In Omer im Süden von Israel bewahrt er eine Privatsammlung, die nach Angaben der Gedenkstätte Bergen-Belsen die in Qualität und Umfang einzige ihrer Art ist, die ein Überlebender des KZ angelegt hat.

Dokumente Für Gedenkstätten seien solche Sammlungen ein großer Schatz, sagt der Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner. Es sei sehr wahrscheinlich, dass eines Tages auch Objekte oder Dokumente von Ladany in die Dauerausstellung in Bergen-Belsen eingingen.

Für die als Wanderausstellung konzipierte Schau »Lebensläufe« haben Mitarbeiter der Gedenkstätte aber zunächst Reproduktionen unter anderem von Fotos, Dokumenten, Postkarten und Zeichnungen gemacht.

In sechs Kapiteln informieren Tafeln anhand der Biografie von Shaul Ladany und weiterer Überlebender unter anderem über die Situation in Ungarn und Serbien im Zweiten Weltkrieg und die sogenannte Kasztner-Gruppe, wie Tessa Bouwman von der Gedenkstätte erläutert. Geschildert werden auch die Auswanderung der Juden nach Israel und die Olympischen Spiele in München.

Schweiz Ladany war erst acht Jahre als, als er 1944 mit seiner Familie aus Ungarn in das KZ deportiert wurde, in dem insgesamt mehr als 52.000 KZ-Häftlinge ums Leben kamen. Mit seinen Eltern und seinen Schwestern gehörte er zu den wenigen jüdischen Insassen, die aufgrund von Verhandlungen des Journalisten Rudolf Kasztner und jüdischer Organisationen mit der SS gegen Geldzahlungen schließlich im Dezember 1944 in die Schweiz ausreisen durften. Mehr als 50 seiner Angehörigen überlebten den NS-Terror nicht.

Bis heute hält er den Weltrekord im Gehen über 50 Meilen.

Obwohl er damals noch ein Kind war, ist Bergen-Belsen für Ladany noch präsent. »Ich erinnere jeden Tag dieser sechs Monate – den Hunger, den Regen, die Kälte, die endlosen Zählappelle, die Stacheldrahtzäune neben dem Elektrozaun, die Wachtürme, die SS-Offiziere, die uns immer anschrien«, schreibt er in seinen Memoiren.

Team Auch das Andenken an die Olympischen Spiele in München pflegt er mit seiner Sammlung. Im September 1972 erlebte der Leichtathlet innerhalb weniger Tage erst den Wettbewerb im 50-Kilometer-Gehen, bei dem er als 19. ins Ziel lief, und dann die Ermordung von elf seiner Teamkollegen durch die palästinensische Terrorgruppe »Schwarzer September«. Shaul Ladany überstand das Attentat auch ohne psychische Folgen.

Bis heute hält er den Weltrekord im Gehen über 50 Meilen: Sieben Stunden, 23 Minuten, 50 Sekunden. Erst vor kurzem trat er bei den »European Maccabi Games« in Ungarn an.

Erstmals nach 75 Jahren sei er dabei wieder in das Land gekommen, in das seine Familie aus Jugoslawien geflohen war. Damals hätten ihn andere Kinder als »stinkenden Juden« beschimpft, erzählt er. Zurückgekehrt sei er als ein bekannter Professor und Sportler.  epd

Die Ausstellung eröffnet am 5. September.

Brandenburg

Neuer Staatsvertrag für jüdische Gemeinden in Brandenburg

In Brandenburg hat die Bekämpfung des Antisemitismus seit 2022 Verfassungsrang. Nun soll der Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden verbessert werden

 25.10.2026

Porträt der Woche

Die Erinnerung muss bleiben

Thomas Gabelin wurde in Theresienstadt geboren. Heute ist er aktiver Zeitzeuge

von Christine Schmitt  25.10.2026

Jubiläum

Brücke nach Israel

TAMAD feiert 25 Jahre Freundschaft und kulturellen Dialog mit dem jüdischen Staat

von Luis Gruhler  25.10.2026

Brustkrebs

»Vorsorge ist entscheidend«

Hannah Arbitmann über Mammakarzinome, Gentests und die Menopause

von Katrin Richter  23.10.2026

Würdigung

Bayerischer Walk of Fame

Zwei Lebensgeschichten, ein gemeinsames Zeichen: Charlotte Knobloch und Herzog Franz von Bayern werden für ihr Engagement geehrt

von Luis Gruhler  23.10.2026

München

Auf eine Maß mit Lion Feuchtwanger

Ein neu gegründeter Stammtisch erinnert an ein Stück vergessener jüdisch-bayrischer Tradition. Ein Ortstermin

von Leon Stork  22.10.2026

Mode

Sieben Jahre Prada

Diane Bouccara erlebte als Managerin die Welt der Haute Couture bis zur Selbstaufgabe – ehe sie durch ihre Teschuwa zum orthodoxen Judentum fand

von Alicia Rust  22.10.2026

Fotografie

Nordisch by Nature

Der Fotograf Kay Michalak hat für sein neues Buch Jüdinnen und Juden aus norddeutschen Gemeinden porträtiert. Es sind Momente der Begegnung, die die Vielstimmigkeit des jüdischen Lebens zeigen

 21.10.2026

Frankfurt

Auf dem Schuk

Der neue Laden will mehr sein als ein koscherer Supermarkt: ein Ort zum Einkaufen, Plaudern und Ankommen – für die jüdische Gemeinde und das ganze Viertel

von Mascha Malburg  21.10.2026