Shaul Ladany

Der immer weiter geht

»Ich möchte meine Geschichte als Motivation erzählen, nicht als Tragödie«: Shaul Ladany mit jungen Makkabäerinnen Foto: Rafael Herlich

Shaul Ladany ist sehr schwer zu erreichen in diesen Tagen. Am Dienstagabend war der 83‐jährige Israeli einer der vier Fahnenträger von Makkabi Deutschland, als in Budapest die European Maccabi Games eröffnet wurden.

Schwarz‐rot‐gold auf der Brust – so trug Ladany im Stadion gemeinsam mit der jüngsten deutschen Athletin die Makkabi­flagge. Und am Samstagabend wird er sogar in den deutschen Farben am Halbmarathon teilnehmen. »Die Klimaanlage hat dafür gesorgt, dass eine Grippe im Anflug ist«, sagt er. »Aber ich hoffe, dass ich dabei sein kann.«

biografie Dass Ladany für Deutschland antritt, war nicht wirklich erwartbar, wenn man sich seine Biografie ansieht. Geboren 1936 in Belgrad, mit den Eltern 1941 vor den Nazis nach Ungarn geflohen, von dort wurde die Familie 1944 von dem sogenannten Eichmann‐Kommando und dessen ungarischen Helfern nach Bergen‐Belsen deportiert.

Die umstrittenen »Kasztner‐Transporte« verschafften Ladany und einem Teil seiner Familie nach sechs Monaten die Möglichkeit, in die Schweiz zu gelangen. Einem Teil nur. Seine Großeltern kamen nach Auschwitz. »Aus ihnen wurde Seife gemacht«, sagte Ladany einmal.


»Jetzt bin ich das erste Mal seit 1944 wieder in Ungarn«, sagt Ladany. »Das ist sehr emotional für mich.« Wichtig ist ihm, dass er für die jüdische Sportorganisation antritt. »Ich repräsentiere nicht Deutschland, sondern Makkabi.« Dass es ausgerechnet Makkabi Deutschland ist, »das ist das Ergebnis eines Flirts und eines Zufalls«. 2017, bei der Makkabiade in Israel, habe sich gerade die deutsche Delegation sehr um ihn bemüht, er habe aus seinem Leben erzählt. So sei der Kontakt zustande gekommen.

BERGEN‐BELSEN Seit vielen Jahren kommt Ladany jedes Mal, wenn er in Europa ist, nach Bergen‐Belsen. »Ich war zum 50. Jahrestag der Befreiung dort, und auch wieder, als das Museum eingeweiht wurde.«

An jeden Tag, den er im KZ verbrachte, erinnert sich Ladany.

An anderer Stelle, in einem Interview mit der britischen Zeitung »Independent«, berichtete er, dass er jeden Tag im KZ in seinem Gedächtnis abrufbar hat. »Ich erinnere mich vor allem daran, wie ich stundenlang während der Zählappelle stehen musste, weil die deutschen Soldaten sich dauernd über die Lebenden und die Toten verrechnet haben. Sie haben uns immer wieder und immer wieder gezählt – stundenlang, bei Regen und Kälte.«

1945 ging er mit seinen Eltern zunächst nach Belgrad zurück, Ende 1948 machten sie Alija in den neu gegründeten Staat Israel. Ladany studierte in Haifa, in Jerusalem und an der Columbia University in New York, promovierte 1968, wurde bald darauf Professor an der Ben‐Gurion‐Universität in Beer Sheva in der Negevwüste. Er ist ein renommierter Ingenieurs­wissenschaftler.

marathonläufer Und er ist Sportler. Shaul Ladany, der in der Schule kein sportlicher Junge war, wurde in den 50er‐Jahren zunächst Marathonläufer. »Die meisten Leute haben mich für verrückt gehalten«, sagte er einmal. »Laufen, um etwas für die Gesundheit zu tun, war damals nicht üblich. Die Leute kannten es nur als Bestrafung für Soldaten.«

1962 gab Ladany das Marathonlaufen auf und wurde Geher. Gleich in seinem ersten Wettkampf schlug er den damaligen israelischen Meister. In der Sportart, die zwar zum olympischen Programm gehört, jedoch eher als Randdisziplin wahrgenommen wird, avancierte er zu den wenigen Weltklassesportlern, die Israel in diesen Jahren hatte. 1968, da war er schon 32 Jahre alt, nahm er in Mexiko‐Stadt an den Olympischen Spielen teil, er belegte Platz 32.

Etliche US‐Rekorde brach er, israelische Bestmarken sowieso, gewann bei der Makkabiade, und im Frühjahr 1972 brach er sogar den Weltrekord im selten gegangenen 50‐Meilen‐Wettbewerb. Diese Bestmarke – 7 Stunden, 23 Minuten, 50 Sekunden – ist übrigens bis heute nicht unterboten.

MÜNCHEN Also nahm Ladany auch an den Olympischen Spielen 1972 in München teil. Er gehörte zur israelischen Mannschaft, er wohnte im Olympischen Dorf in der Connollystraße. Auch am Morgen des 5. September war er da, seinen Wettkampf über 50 Kilometer hatte er zwei Tage zuvor als 19. abgeschlossen. In der Frühe drangen acht palästinensische Terroristen in die Appartements der israelischen Sportler ein. Zwei wurden sofort ermordet, neun weitere als Geiseln genommen. Insgesamt wurden elf Sportler und Trainer im Verlauf dieses Tages getötet.

Shaul Ladanys Appartement wurde nicht überfallen, aber die Wohnungen links und rechts von ihm. Er teilte sich die Unterkunft mit fünf anderen israelischen Sportlern, darunter zwei Sportschützen. »Meine erste Reaktion war: Das muss ein Witz sein. Aber es war ja nichts, worüber man Witze macht.« Sie sprangen über die Balustrade und konnten entkommen.

Warum die Terroristen nur Wohnung eins und drei, nicht aber zwei überfielen, erklärt sich Ladany in seiner Autobiografie King of the Road, die 2008 auf Englisch (Hebräisch 1997) herauskam, damit, dass die Täter wohl Insiderinformationen hatten und wussten, dass Sportschützen Waffen und Munition bei sich lagerten.

Mit Deutschland hat er kein Problem. Ihm ist Makkabi wichtig.

Nach dem Massaker rief Israels Premierministerin Golda Meir das israelische Team zurück. Ladany wollte das nicht. Eine Abreise sei nur ein weiterer Sieg für Israels Feinde, argumentierte er.

Die Tragweite des Attentats, so bekannte er später, wurde ihm erst bewusst, als das Flugzeug mit der Mannschaft gelandet war. »Jeder von uns Überlebenden stand auf der Landebahn neben einem der Särge.« Ein Freund kam, umarmte und küsste ihn – »erst da begriff ich wirklich, was passiert war«.

gedenken Auch für das Gedenken an die in München ermordeten Teamkollegen engagiert sich Ladany. Zuletzt im Sommer 2018, bei den Makkabi Junior Games. Da war er auch wieder Gast von Makkabi Deutschland. Präsident Alon Meyer fragte ihn, ob er nicht Teil der deutschen Delegation sein wolle. Er sagte zu. »Mir ist Makkabi wichtig«, sagt Ladany.

Wie schon im Jahr zuvor, bei der Makkabiade in Israel, bat Makkabi Deutschland ihn, über sein Leben zu sprechen, auch darüber, wie er das Attentat von München erlebt hatte. Er erzählte auch, warum er nach dem Attentat weiter Leistungssport trieb, dass er 1973 wieder an der Makkabiade teilnahm, natürlich mit Goldmedaille, und dass er auch im hohen Alter weiter trainiert.

Das Gehen, davon ist er überzeugt, half ihm, sogar Hautkrebs zu überwinden. Wobei der ihn daran hinderte, weiter auf den langen Straßen im Negev zu trainieren. Ladany ging dazu über, indoor zu üben. Wie man sich das vorstellen kann, beschreibt die »Times of Israel«, die ihn in seinem Wohnort Omer im Negev besucht hat: »Er geht auf einer kurzen Bahn, die er sich in seinem Haus selbst geschaffen hat – durch Aufrollen der Teppiche und Wegrücken der Möbel.« Das klappe ganz gut, sagt er dort. »Das einzige Problem ist, dass unsere Hunde mir immer im Weg liegen.«

RUHMESHALLE 2007 verlieh ihm das Internationale Olympische Komitee die Pierre‐de‐Coubertin‐Medaille für besonders faires Verhalten. Erst 25 Sportler weltweit haben diese seltene Ehrung erhalten, für das Olympische Museum in Lausanne ist es »eine der edelsten Ehrungen, die einem olympischen Athleten zuteilwerden kann«.

2012 wurde Shaul Ladany auch in die International Jewish Sports Hall of Fame aufgenommen.

2012 wurde Shaul Ladany auch in die International Jewish Sports Hall of Fame aufgenommen – in einer Reihe mit Sportstars wie Mark Spitz, Béla Guttmann, Lilly Henoch, Hank Greenberg.

Als ihm ein Journalist vorschlug, man könne ihn doch einen »great survivor«, einen großen, wenn nicht gar den »ultimativen Überlebenden« nennen, lachte Ladany nur. »Was ich sagen kann, ist, dass es in meinem Leben nie einen langweiligen Moment gab.« Dieser Satz war vermutlich auch am Dienstagabend richtig, als Shaul Ladany für Makkabi Deutschland die Flagge trug. Und am Samstagabend, wenn er, der frühere Weltklassegeher, beim Halbmarathon antritt.

Ob er ankommen wird, weiß er noch nicht. Aber darauf kommt es ja nicht an.

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