Flüchtlinge

Sensor für Integration

Günter Jek, Alexander Chraga, Michelle Müntefering, Julia Goldberg, Aron Schuster und Olga Isaak (v.l.) beim Gespräch in der Migrationsberatungsstelle Herne Foto: Arne Pöhnert

Steigende Flüchtlingszahlen, schwierige Lebenssituationen, traumatisierte Menschen: Die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) in Deutschland stößt angesichts der hohen Flüchtlingszahlen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.

Am Mittwoch, dem bundesweiten MBE-Aktionstag, machten Beratungsstellen vor Ort auf ihre angespannte Situation aufmerksam, darunter auch die Migrationserstberatung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen in Herne.

verlässlichkeit »Um die MBE in die Lage zu versetzen, Neuankommenden in Deutschland zu einem guten Start zu verhelfen – auch bei steigenden Beratungszahlen weiterhin nach hohen fachlichen Standards –, sind weitere Investitionen unbedingt notwendig«, schilderte Aron Schuster, stellvertretender Direktor der ZWST, die Situation bei einem Besuch von Michelle Müntefering, SPD-Bundestagsabgeordnete für Herne und Bochum. Die Aufgabenerfüllung der MBE liege im gesellschaftlichen Interesse. »Dafür brauchen wir eine verlässliche und nachhaltige Finanzierung«, betonte Schuster.

Nicht nur die Anzahl der Ratsuchenden habe sich erweitert, sondern auch das Spektrum ihrer Probleme und die Unterschiedlichkeit ihrer Anliegen, erklärte Günter Jek, Koordinator der Migrationsberatungsstellen der ZWST: »Viele Ratsuchende haben höchst komplexen Beratungsbedarf oder müssen traumatische Erlebnisse verarbeiten.« Die MBE sei ein ausgezeichneter Sensor dafür, »wie Integration vor Ort funktioniert und welche Probleme es gibt«.

»Als einer der Träger, der im Auftrag des Bundes Erstberatungen durchführt, gilt unser Beratungsangebot für alle Zuwanderer – egal aus welchem Herkunftsland«, erklärte Jek. »60 Prozent der Nachfrage machen bei uns Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion aus«, berichtete der ZWST-Koordinator. In den bundesweit insgesamt sieben Beratungsstellen der ZWST sprechen sprechen die Mitarbeiter daher Russisch.

förderung Im ersten Halbjahr 2015 haben insgesamt 25 syrische Zuwanderer mit Russischkenntnissen die ZWST-Beratungsangebote in Anspruch genommen. Doch die Angebote der MBE richten sich an Zuwanderer, die bereits einen Aufenthaltstitel haben, gibt Jek zu bedenken. Die »Bugwelle« der jüngsten Flüchtlingskrise stehe noch aus, meint Jek.

Die SPD-Politikerin Müntefering ließ sich die Situation der MBE-Beratungsstellen am Beispiel Herne ausführlich erläutern. Besonders interessierte sie sich für die Vielfalt der Hilfsangebote und die Vernetzung der Einrichtung mit kommunalen Partnern und Initiativen.

Für die Forderung nach mehr Geld sagte die Sozialdemokratin den ZWST-Vertretern ihre Unterstützung zu: »Als Abgeordnete aus dem Ruhrgebiet sehe ich den großen Bedarf, bei der Integrationsberatung für erwachsene Zuwanderer stärker zu fördern«, sagte Müntefering. Dies müsse zusätzlich zu den bereits beschlossenen Maßnahmen bei den Integrationskursen geschehen. Auch die anderen politischen Parteien signalisierten bereits Unterstützung.

bedarf Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Integrationsangebotes fordert die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege eine Erhöhung der Bundesförderung ab 2016 von derzeit 34 Millionen Euro um 20 Millionen Euro auf 54 Millionen Euro. Das MBE-Angebot wendet sich an EU-Zuwanderer, Flüchtlinge nach ihrer Anerkennung und andere Eingewanderte.

Zurzeit werden pro Jahr bundesweit mehr als 175.000 Menschen mit Einwanderungsgeschichte in 585 MBE-Beratungsstellen sozialpädagogisch unterstützt und begleitet. Laut Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege ist das eine Steigerung um 75 Prozent seit 2011.

Lesen Sie mehr dazu in unserer kommenden Ausgabe.

Rheinland-Pfalz

SchUM-Kulturtage Speyer präsentieren jüdisches Leben

Ob ein Kochkurs mit dem Landesrabbiner oder jiddische Lieder mit dem Oberkantor: Die SchUM-Kulturtage laden ab Oktober mehr als einen Monat lang dazu ein, die jüdische Kultur kennenzulernen

 14.09.2026

Kino

»Ich habe keine Heimat«

Eine Dokumentation über Albrecht Weinberg erzählt von Verfolgung, Erinnerung und der schwierigen Rückkehr in das Land der Täter

von Esther Martel  14.09.2026

Porträt der Woche

Der Barockmusiker

Moshe Haas stammt aus Israel, ist Kantor und liebt Johann Sebastian Bach

von Anja Bochtler  14.09.2026

Berliner Leuchtturmprojekt

Musikalische Stolpersteine jetzt in fünf Bundesländern

Mehrere Tausend in Gehwegen eingelassene »Stolpersteine« halten europaweit die Erinnerung an Verfolgte des Naziregimes wach. Jetzt gibt es auch »Stolperstein«-Podcasts

 14.09.2026

Düsseldorf

Josef-Neuberger-Medaille für Mona Neubaur

Mit der Josef-Neuberger-Medaille ehrt die Jüdische Gemeinde Düsseldorf seit über 30 Jahren Menschen oder Institutionen der nichtjüdischen Öffentlichkeit. Für ihren Einsatz gegen Antisemitismus geht der Preis in diesem Jahr an NRW-Ministerin Neubaur

 14.09.2026

Deutschland

Morddrohung gegen Charlotte Knobloch nach AfD-Wahlsieg

Die Gewaltandrohung steht in explizitem Zusammenhang mit dem Wahlsieg der AfD. Knobloch sagt aus Sicherheitsgründen Veranstaltung ab

 11.09.2026

Neujahr

Mit Tatkraft und Ausdauer

Gerade in diesen Zeiten müssen wir als jüdische Gemeinschaft die Werte der Demokratie verteidigen. Denn auch wir tragen Verantwortung – mehr denn je

von Charlotte Knobloch  11.09.2026

Berlin

Bundespräsident Steinmeier: Müssen alles daran setzen, Antisemitismus zu bekämpfen

»Es ist beschämend und darf uns niemals ruhen lassen, wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland Anfeindungen auf der Straße oder in Universitäten ausgesetzt sind« schreibt Frank-Walter Steinmeier

 11.09.2026

Imkerei

»Bienen muss man respektieren«

Wie bei vielen Juden steht bei den Gempels zu Rosch Haschana Honig auf dem Tisch. Doch bei ihnen kommt er aus dem eigenen Garten. Ein Ausflug nach Leipzig

von Mascha Malburg  11.09.2026