Hamburg

»Selbstbewusstes Zeichen«

Die neuen Rabbiner mit ihren Urkunden: Levi Prujanski, Nathan Grinberg, Reuven Rozenberg, Moshe Aron Shlenski und Zemah Zedek Moshe (v.l.) Foto: Heike Linde-Lembke

Die Hamburger Synagoge Hohe Weide hatte am Mittwoch eine kleine Sensation zu feiern.

In einer Feierstunde erhielten fünf Rabbiner-Anwärter unter dem Beifall hochrangiger Gäste ihre Ordinierungsurkunden, darunter Israels aschkenasischer Oberrabbiner David Lau, Rabbiner Meir Porush, Vize-Bildungsminister in der Knesset für die Partei Vereinigtes Tora-Judentum, Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher, die evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs und der emeritierte, katholische Weihbischof Hans-Jochen Jaschke sowie Rabbiner Yehuda Teichtal aus Berlin. Seit der Schoa wurden in der Hansestadt keine Rabbiner mehr ordiniert – und fünf Anwärter auf einmal wohl noch nie.

Or Janathan »Juden sind wieder sichtbar und erkennbar auf Hamburgs Straßen«, sagte Philipp Stricharz, zweiter Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Er würde jeden Morgen an der Rothenbaumchaussee 19 vorbeifahren, wo das Hamburger Rabbinerseminar Or Jonathan zu Hause ist, und immer junge jüdische Männer in schwarzen Mänteln und mit Kippa oder schwarzem Hut über die Straße eilen sehen. »In einer Zeit, in der viele von uns das Tragen einer Kippa vermeiden, ist das ein selbstbewusstes und gutes Zeichen«, sagte Stricharz.

2014 gründete Hamburgs Landesrabbiner Shlomo Bistritzky, Vertreter von Chabad Lubawitsch, das Rabbiner-Kollel mithilfe der zeitgleich gegründeten Hamburger Stiftung »Jüdische Zukunft« und der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Bistritzky folgte damit einer Familientradition, denn schon sein Großvater Loeb Bistritzky war Oberrabbiner in Hamburg, bevor er mit seiner Familie vor dem NS-Terror fliehen musste.

Vater Levi Bistritzky war Oberrabbiner in Israel, und so war auch der Lebensweg für Sohn Shlomo vorgezeichnet. Nun hat er zum ersten Mal fünf junge Juden zu Rabbinern ausgebildet. Und ihnen mit dieser Ausbildung den Weg zu einem hoffnungsfrohen und erfüllten, jüdischen Leben eröffnet, ein Leben für das Lernen und die Lehre.

Kandidaten Vier der Kandidaten kommen aus den ehemaligen Sowjetstaaten, einer aus Israel. Der 33-jährige Levi Prujanski kam vor 20 Jahren mit seiner Familie aus Odessa nach Deutschland und entdeckte das Judentum für sich wieder. Rabbiner Nathan Grinberg aus der Ukraine kam vor fünf Jahren nach Hamburg. Der 32-Jährige ist jetzt Rabbiner in der jüdischen Einheitsgemeinde in Lübeck. Aus Weißrussland stammt der 35-jährige Reuven Rozenberg. Seit fünf Jahren studiert er in Hamburg und arbeitet in der Leitung der Stiftung »Jüdische Zukunft«.

Der 34-jährige Rabbiner Moshe Aron Shlenski emigrierte vor 20 Jahren mit seiner Familie aus der Ukraine und schrieb die erste neue Torarolle der Hansestadt. Rabbiner Zemah Zedek Moshe zog vor vier Jahren der Liebe wegen aus Safed in Israel in die Alster-und Elbe-Stadt. Der 25-Jährige übernimmt eine Lehrtätigkeit am Hamburger Rabbinerseminar.

»Das einst prächtige jüdische Hamburg hat seinerzeit Einfluss genommen auf das Judentum weltweit. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, aber diese Feier heute ist ein gutes Zeichen«, sagte Rabbiner Shmuel Havlin, der die Feier moderierte. »Wir sind hier, um zu bleiben. Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns bis zur einstigen Blüte, denn Nazi-Deutschland hat nicht nur sechs Millionen Juden umgebracht, sondern das ganze jüdische Leben zerstört«, sagte Shlomo Bistritzky.

Frankfurt/ Main

Einst Provisorium, heute selbstbewusst

Zum 75. Jubiläum beleuchtet ein Almanach die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach der Schoa, ihre inneren Konflikte und ihren Weg zu einem festen Platz in der Stadtgesellschaft

von Leon Stork  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026

Frankfurt

Vielfalt an Stimmen

Erstmals wurde der Georg-Stefan-Troller-Preis vergeben - auch an zwei Journalisten der Jüdischen Allgemeinen

von Anja Baumgart-Pietsch  12.10.2026