Geschichte

Schwierige Heimat

Im Gespräch: Norbert Frei, Rachel Salamander, Michael Brenner und Ellen Presser bei der Buchvorstellung (v.l.) Foto: Marina Maisel

Wie sich jüdisches Leben nach der Schoa über sechs Jahrzehnte in der Bundesrepublik entwickelte, wie sich die jüdischen Gemeinden durch die Zuwanderung der sogenannten Kontingentflüchtlinge seit 1989 aus der ehemaligen Sowjetunion veränderten und welche Rolle jüdisches Leben in Deutschland spielt – auf diese Fragen geben international renommierte Zeithistoriker in Michael Brenners neuem Buch Geschichte der Juden in Deutschland eine Antwort.

Und auch die Entwicklung der Gemeinden, die Politik des Zentralrats, die »Wiedergutmachung« sowie der Umgang mit altem und neuem Antisemitismus wird eingehend behandelt. Kurz: Der von Brenner bei C. H. Beck herausgegebene Sammelband ist ein wichtiges Standardwerk.

Diskussion Am Sonntag vergangener Woche wurde das Buch nun im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Hubert-Burda-Saal des Gemeindezentrums vorgestellt. Eingeladen hatten die IKG, der Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), die Literaturhandlung, B’nai B’rith und der Verlag C.H. Beck.

Deutschland galt nach der Schoa, so Präsidentin Charlotte Knobloch in ihrer Begrüßung, »den allermeisten jüdischen Menschen – auch mir – als ›Land der Mörder‹, als ›blutgetränkte Erde‹, auf der lebendiges Judentum auf absehbare Zeit keine Zukunft haben könne«. Doch, so fuhr sie fort, »wir alle wurden eines Besseren belehrt. Wir haben gelernt, in das neue Deutschland, die Bundesrepublik – ihre Politiker, ihre Bürgerschaft und ihre sich verfestigende freiheitliche Demokratie – zu vertrauen.«

Namhafte Autoren haben sich mit dieser Entwicklung auf 542 Seiten beschäftigt – aufgeteilt in den Zeitabschnitt von 1945 bis 1949, in dem Deutschland als Zwischenstation betrachtet wurde, dann die Zeit der Konsolidierung zwischen 1950 und 1967, die Positionierungen der Gemeinden und der jüdischen Bevölkerung in Deutschland bis 1989 und schließlich die Zeit von da an bis heute, geprägt durch die russisch-jüdische Zuwanderung.

Wandel Über diese Jahrzehnte sprachen auf dem Podium die Professoren Michael Brenner von der LMU und Norbert Frei von der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Rachel Salamander, Inhaberin der Literaturhandlung und Herausgeberin der »Literarischen Welt«. Als Moderatorin stellte Ellen Presser, die Leiterin des IKG-Kulturzentrums, zunächst die Frage, warum es erst jetzt möglich war, solch ein Werk herauszubringen. Herausgeber Michael Brenner hatte eine klare Antwort parat: aufgrund des Wandels der letzten beiden Jahrzehnte. Dazu zählt auch »ein für uns alle überraschend freier Einblick in die Archive«, wofür der Dank auch den früheren Zentralratspräsidenten Paul Spiegel sel. A. und Charlotte Knobloch gelte. Für die Auswertung des Archivmaterials dankte er auch einem großen Team an Mitarbeitern.

»Man kann jüdisches Leben in Deutschland nicht verstehen, wenn man die Bundesrepublik nicht in den Blick nimmt und ihren Diskurs mit der NS-Vergangenheit«, zitierte Ellen Presser Podiumsteilnehmerin Rachel Salamander und schloss die Frage an, wie sich die Geschichte der Bundesrepublik aus der Perspektive des deutsch-jüdischen Verhältnisses erfassen lasse.

ausreise Norbert Frei unterstrich dies mit einer Aussage John McCloys, der nach 1945 als Vertreter der Alliierten Siegermächte maßgeblich am Wiederaufbau Deutschlands beteiligt war. Dieser habe betont, dass sich am Verhältnis zwischen Juden und Deutschen der Erfolg der Bundesrepublik messen lassen werde. Frei verwies auch darauf, dass die große Zahl jüdischer Überlebender nach 1945 in München und Bayern vor allem der Tatsache geschuldet war, dass dieser Teil Deutschlands amerikanische Besatzungszone war und die Menschen hier auf eine Ausreise in die Vereinigten Staaten hofften. Für sie sei hier ein »Wartesaal« gewesen, weniger »blutgetränkte deutsche Erde«.

Rachel Salamander, selbst in einem DP-Lager geboren, unterstrich den Wandel in den vergangenen Jahren. Das Alleinstellungsmerkmal, das ihr noch 1982 bei der Eröffnung der Literaturhandlung bescheinigt wurde, gebe es nicht mehr: »Es gibt heute viele jüdische Menschen, die in der Öffentlichkeit auftreten.« Als Beispiele nannte Michael Brenner Esther und Abi Ofarim oder den Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann. Andererseits verwies Salamander auf das »Israel-Bashing«, das Niedermachen des jüdischen Staates, und damit eine in Deutschland vorhandene Rückbindung an das »Dritte Reich«. Rechtsradikalismus und Islamismus seien auch ein Sicherheitsproblem.

Auf Ellen Pressers Frage, ob Juden heute sicher in Deutschland seien, meinte Rachel Salamander, sie könne zwar nicht für alle Juden sprechen, doch »ein jüdischer Mensch muss sich hier frei entfalten können. Wenn er das nicht kann, muss er seine Konsequenzen ziehen«. Was das deutsch-jüdische Verhältnis betreffe, gebe es immer wieder Enttäuschungen, zumal, »da wir auf die deutsche Gesellschaft zugegangen sind«. Doch gleichzeitig räumte sie ein: »Du kannst nicht die Gesellschaft austauschen, nicht von hundert auf null kommen.« Michael Brenner unterstrich: »Wir sind nicht nur Objekte, sondern auch Subjekte der Geschichte.«

Wachsamkeit Dieses Verhältnis beschrieb Ellen Presser abschließend mit einen Bild von Salomon Korn als der »Vorstellung einer fragilen, aber tragfähigen Brücke aus einem lebenden Material: aus Holz. Einem Material, das nicht vorschnell verspricht, jeder Belastung für alle Zeiten standzuhalten – eines, das steter Aufmerksamkeit und Wachsamkeit bedarf, wenn seine Tragfähigkeit dauerhaft gesichert sein soll«.

Porträt der Woche

Spezialist für Musicals

Adam Benzwi ist Amerikaner und entdeckte in Berlin die Schlager der 1920er-Jahre

von Gerhard Haase-Hindenberg  12.07.2026

Berlin

Türkisches Unternehmen »Medicana« neuer Träger vom Jüdischen Krankenhaus

Die 270-jährige Tradition des Hauses bleibe bewahrt – Kritik an der Übernahme kommt von Ver.di

 10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Speyer, Worms und Mainz

SchUM-Stätten feiern fünfjährigen »Welterbe-Geburtstag«

Vor fünf Jahren erhielten sie wegen ihrer wichtigen Bedeutung für das mittelalterliche Judentum den Welterbe-Titel. Nun feiern die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz die Aufnahme auf die Unesco-Welterbeliste mit einer Veranstaltung in Speyer

 09.07.2026

Gemeindetag

Zusammen füreinander

Vom 17. bis zum 20. Dezember treffen sich Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Berlin – für viele wird es ein lang ersehntes und freudig erwartetes Wiedersehen

von Katrin Richter  09.07.2026

Machanot

Kleine Auszeit

Die Koffer sind gepackt, gut gelaunt fahren die Kinder ins Ferienlager. Doch auch die Eltern haben Pläne, wollen renovieren, verreisen oder finden ein neues Hobby. Wir haben uns umgehört

von Christine Schmitt  09.07.2026

Maccabiah

»Jetzt erst recht«

Die Sportlerinnen und Sportler aus Deutschland sind hoch motiviert. Für manche ist es nicht das erste Mal, dass sie in Israel dabei sind – bei den Medaillen spielen sie ganz vorn mit

von Sabine Brandes  08.07.2026

Programm

Schostakowitsch, Punk und Nathan in der Schwebebahn: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 9. Juli bis zum 16. Juli

 08.07.2026

50 Jahre in Deutschland

»Die Deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt«

Was ist typisch deutsch, was typisch amerikanisch? Holly-Jane Rahlens kennt sich mit beiden Nationen aus. Die Autorin lebt seit mehr als 50 Jahren in Berlin

von Nina Schmedding  08.07.2026