Hannover

Schöne Stimmen

Auftritt des Synagogalchors Hannover Foto: Janina Schuster

»Die Hütte ist voll«, freut sich Christian Brune, der stattliche Bass, der im Namen des Synagogalchors Hannover die Gäste begrüßt. Und wirklich – die große Hof- und Stadtkirche in Hannovers Stadtteil Calenberger Neustadt, das protestantische Gotteshaus, in dem die Gebeine von Gottfried Wilhelm Leibniz bestattet wurden und in dem viele Konzerte stattfinden, ist nahezu voll besetzt. Wenige Schritte entfernt befindet sich der historische Standort der 1938 zerstörten großen hannoverschen Synagoge. Insofern ist dies der perfekte Platz für das Jubiläum und die Premiere, die hier gefeiert werden sollen: 15 Jahre Synagogalchor in Hannover und der erste Auftritt des im Jahr 2018 gegründeten »Synagogalchor Hannover« in der Heimat.

Das klingt verwirrend, aber Rafael Harten, organisatorischer Leiter und Mitglied des neu gegründeten Chors, erklärt die Zusammenhänge folgendermaßen: »In Hannover hat die Synagogale Musik in den letzten Jahrzehnten einen festen Platz und viele Unterstützer gefunden. Vieles hat sich dabei gewandelt und weiterentwickelt, sodass in Hannover jetzt sogar zwei Synagogalchöre zu Hause sind, was uns für unsere Stadt sehr freut und als Hannoveraner auch ein wenig stolz macht.«

Seligmann Die jüdische Musik der Synagogen, von 1810 bis zur Schoa, wurde vor allem durch den Musikprofessor Andor Izsák bekannt. Dank seines unermüdlichen Engagements wurde in Hannover die Villa des jüdischen Kaufmanns Siegmund Seligmann saniert und als großartiger kultureller Treffpunkt wiederbelebt. Hier ist das »Europäische Zentrum für Jüdische Musik«, ein Institut der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, zu Hause.

»Vor genau 15 Jahren, am 6. Juli 2004«, erinnert sich Rafael Harten, »haben wir mit Andor Izsák als künstlerischem Leiter den ersten Synagogalchor in Hannover gegründet, das ›Ensemble für Synagogale Musik‹«. Ein paar Jahre später wurde daraus der Europäische Synagogalchor, der die Arbeit des ersten Chor-Ensembles sehr erfolgreich fortsetzte und in der Villa Seligmann zu Hause war.

Die Chöre wollen die Musik vor dem Vergessen bewahren.

Das erklärte Ziel von Andor Izsák und den Chormitgliedern, alle übrigens Mitglieder unterschiedlicher anderer Chöre und Gruppen und weitgehend nichtjüdisch, war es, die traditionelle Musik der Synagogen, die Gesänge und Gebete vor dem Vergessen bewahren und die engen Verbindungen zur romantischen christlichen Musik sowie zur sogenannten klassischen Musik aufzuzeigen. Die Namen von Komponisten wie Salomon Sulzer und Louis Lewandowski rückten nach und nach immer stärker in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit.

2017 gab es dann eine neue Entwicklung. Die Villa Seligmann erhielt einen neuen künstlerischen Leiter und damit ein neues Konzept. Andor Izsák kündigte an, kürzer zu treten, hat sich aber mittlerweile als topfitter »Unruheständler« neue Ziele gesetzt (vgl. Jüdische Allgemeine vom 4. Juli).

In diesem Zusammenhang wurde auch über die Zukunft des Europäischen Synagogalchors lebhaft diskutiert. Das Ergebnis kann sich sehen und hören lassen. Im Jahr 2018 gründete sich aus dem bestehenden Kreis des Europäischen Chors heraus der neue Synagogalchor Hannover, mit 20 Sängerinnen und Sängern, unter der Leitung von Sören Sönksen. Die übrigen Chormitglieder nennen sich seitdem »Norddeutscher Synagogalchor«. Erst kürzlich traten sie unter der Leitung von Martin Lüssenhop auf, der bereits früher regelmäßig am Pult stand.

Der Synagogalchor Hannover nun hatte sein Konzertdebüt im Mai 2018 auf dem renommierten Festival Musica Sacra International in Marktoberdorf im Allgäu. Es folgten Einladungen zu bedeutenden Festivals und Musiktagen nach Straßburg und Gotha, bei denen es mühelos gelang, das Publikum zu begeistern.

Der 2018 gegründete Synagogalchor sang zum ersten Mal vor heimischem Publikum.

Anlässlich des Jubiläumskonzerts am 6. Juli, exakt 15 Jahre nach der Ursprungsgründung in Hannover, sang der Chor nun das erste Mal vor heimischem Publikum, auch hier mit großem Erfolg. Das Ensemble, das sich selbst als »semi-professionelle Kammerbesetzung« bezeichnet, weil die meisten der Mitglieder zwar schon seit vielen Jahren, aber nicht hauptberuflich singen, zog das Publikum mit seinem Vortrag, dem durch ausgezeichnete Solistinnen und Solisten Glanzlichter aufgesetzt wurden, in seinen Bann.

Nach und nach griffen einzelne Mitglieder zum Mikrofon, um dem Publikum die Inhalte des Programms zu erläutern und sie mitzunehmen auf eine musikalische Reise durch die Synagogen Europas zur Zeit der Spätromatik, als die jüdisch-liturgische Musik hier eine Blütezeit erlebte. Werke aus dieser Zeit bilden den Kern des Repertoires des Synagogalchores Hannover, der sich in seinen Konzerten der aschkenasischen Tradition Mittel- und Osteuropas widmet und sich das Ziel gesetzt hat, diese Art der Musik zu bewahren.

Programm Darüber hinaus wolle man versuchen, verlorene, noch unentdeckte Schätze zu entdecken, so Rafael Harten. Chorleiter Sören Sönksen, Musikwissenschaftler und Kirchenmusiker, Absolvent und Dozent der Musikhochschule Hannover und früher bereits Mitglied im Europäischen Synagogalchor, führte souverän durch das Programm.

Er entlockte den schönen Stimmen Spitzenleistungen, die mit Standing Ovations belohnt wurden. Ein überaus gelungenes Festkonzert also, passend zum Jubiläumstag der Chöre und dem Tag, an dem Andor Izsák seinen 75. Geburtstag beging und mit einem würdigen Festakt im Rathaus der Landeshauptstadt Hannover geehrt wurde.

 

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