Porträt der Woche

Rollentausch

Lebt gern in der Stadt: Elisabeth Degen (52) aus Berlin Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

Rollentausch

Elisabeth Degen schaute früh hinter die Theaterkulissen und wurde Schauspielerin

von Gerhard Haase-Hindenberg  06.05.2023 22:41 Uhr

Meine Mutter war Malerin, und als sie 1940 zur Welt kam, hieß sie Brigitte Thierkopf. Um ihre Herkunft musste eine Legende gestrickt werden. Als erwachsene Frau nannte sie sich Sarah und als Künstlerin später Sarah Eckel. Meine Großmutter war dagegen, weil sie den Namen Sarah mit dem erzwungenen jüdischen Namenszusatz während der Nazizeit assoziierte. Aber meiner Mutter war es offenbar wichtig.

Ursprünglich hatte sie Theaterwissenschaften studiert, hat dann als Dramaturgin gearbeitet und manchmal auch Regie geführt. So hat sie meinen Vater kennengelernt, den Schauspieler Michael Degen. Meine Mutter ist eine sehr schillernde Persönlichkeit gewesen und weiß Gott keine einfache Frau. Sicherlich wurde sie als Kind geprägt von meinem Großvater, der während der Schoa versteckt gelebt hat.

Jedenfalls hatte sie eine ganze Menge seelischen Ballast abbekommen, wie so viele aus der Zweiten Generation. Generell aber war meine Mutter bezüglich ihrer Familiengeschichte sehr verschwiegen, weil auch ihre Eltern sehr verschwiegen waren. Das war bei meinem Vater etwas anders, der später ein autobiografisches Buch geschrieben hat, welches sogar verfilmt wurde.

MEPHISTO Als ich ein Kind war, hat mein Vater viel gearbeitet, aber ich durfte oft mit ins Theater kommen. Das war noch in Berlin, ehe er nach München ging und ich bei meiner Mutter blieb. Diese Theaterbesuche haben mich sehr geprägt, auch schon, als ich noch ziemlich klein war.

Beim ersten Mal, ich war so vier oder fünf Jahre alt, sah ich ihn als Mephisto. In der Pause durfte ich hinter die Bühne. Das war natürlich großartig. Er trug aber so einen Januskopf, mit einer anderen Maske am Hinterkopf. Als er damit hinter der Bühne auf mich zukam, habe ich geschrien und bin weggelaufen. Trotzdem aber fand ich am Theater schon damals alles spannend: die Bühne, die Schauspieler in ihren Kostümen und mit geschminkten Gesichtern.

Im Alter von sechs Jahren habe ich für mich beschlossen, auch Schauspielerin zu werden.

Im Alter von sechs Jahren habe ich für mich beschlossen, auch Schauspielerin zu werden, habe es aber zunächst niemandem gesagt. Zwischenzeitlich wollte ich zwar auch Balletttänzerin werden und ein paar Jahre später Philosophin, aber der Wunsch, Schauspielerin zu werden, setzte sich durch.

Noch bevor ich die Schauspielschule besuchte, hatte ich mit meinem Vater zusammen vor der Kamera gestanden. Da war ich 15 Jahre alt. Er war schon besetzt, aber es wurde noch jemand für die Rolle einer sehr jungen Tochter gesucht. Da hat er mich vorgeschlagen. Der Film hieß Die Kolonie, und die Handlung spielte in der real existierenden deutschen Sekte Colonia Dignidad in Chile.

universitätsstudium Als mich mein Vater später fragte, was ich gern beruflich machen möchte, habe ich nur gelächelt, und er sagte: »Na, ich kann’s mir schon denken!« Er hätte zwar gern jemanden in der Familie gehabt, der ein Universitätsstudium absolviert, aber so lief es eben nicht.

Mein Vater bestand darauf, dass ich, wenn ich schon in seine Fußstapfen trete, erst einmal eine klassische Theaterausbildung mache. So absolvierte ich die halb staatliche Fritz-Kirchhoff-Schule in Berlin. Danach war ich zunächst eine Weile am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und für vier Spielzeiten am Staatstheater Darmstadt. Einen Sommer lang war ich gemeinsam mit meinem Vater bei den Festspielen in Hersfeld engagiert.

Er spielte den König Lear und ich nicht etwa eine seiner Töchter, sondern die Rolle des Narren. Dahinter steckte die ungewöhnliche dramaturgische Konzeption, dass Lear ein außereheliches Kind hat, weshalb das Kostüm des Narren symbolhaft in denselben Farben gestaltet war wie seines. Wir haben auch später immer wieder zusammengearbeitet, wie etwa an den Hamburger Kammerspielen und auch auf verschiedenen Tourneen.

GESCHICHTE Schließlich habe ich angefangen, immer mehr zu drehen, wie zum Beispiel in dem wunderbaren Film Aimée & Jaguar, der von einer lesbischen Liebesbeziehung zwischen einer Jüdin und einer Nichtjüdin in den Jahren 1943/44 in Nazideutschland handelt. Und dann habe ich auch wieder mit meinem Vater gedreht, in einem Film, der Winterjagd heißt. Eigentlich sollte seine Rolle ein anderer Schauspielkollege übernehmen, der aber aus gesundheitlichen Gründen absagen musste.

Schließlich habe ich angefangen, immer mehr zu drehen.

Diesmal schlug ich meinen Vater dafür vor. Die Regisseurin war zunächst etwas skeptisch. Es ging nämlich bei seiner Rolle um einen ehemaligen SS-Mann, der in seinen jungen Jahren in Auschwitz Häftlinge misshandelt hatte. Ich war schon für die Rolle der Tochter besetzt worden. Nun also spielte mein realer Vater die Rolle meines Vaters im Film. Das hat in der Folge dazu geführt, dass er mir sehr viel über seine eigene Geschichte erzählt hat.

So erfuhr ich, dass ein Teil der Familie damals Deutschland verlassen wollte, aber mein Großvater immer meinte, es werde schon nicht so schlimm werden. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch erfahren, dass seine beiden Eltern aus Polen kamen und gar keine deutsche Staatsangehörigkeit besaßen. Deutsche wurden sie erst nach dem Krieg.

Vor einiger Zeit habe ich mit meiner Freundin Jennifer Caron, die eine ganz tolle Sängerin ist, ein Programm gemacht mit Texten jüdischer Autoren und Liedern von jüdischen Interpretinnen wie Barbra Streisand und Amy Winehouse. Wir wollten einem interessierten Publikum eine jüdische Kultur vermitteln, die sich weiterentwickelt hat und die über Hava Nagila, Anatevka und Hühnersuppe hinausgeht.

Dazu zählten die Kurzgeschichten von Etgar Keret, aus denen ich gelesen habe, oder Texte von Daniil Chams. Das war ein Autor der russischen Avantgarde der 1920er-Jahre, der in der stalinistischen Ära in einem sowjetischen Gefängnis verhungerte. Ich würde dieses Programm gern bei Gelegenheit wiederaufnehmen, denn ich halte es nach wie vor für eine sehr gute Idee.

SYNAGOGE Meine Eltern waren beide nicht sehr religiös, aber dennoch bin und ich in Kindheit und Jugend häufig in der Synagoge Pestalozzistraße gewesen und gelegentlich auch am Fraen­kelufer. Ich konnte schon früh die Gebete, und für mich war Pessach wichtig, auch Chanukka. Selbst an den Orten, an denen ich engagiert war, besuchte ich, wenn es mir möglich war, an Schabbatot und Feiertagen die jeweilige Synagoge.

Ich hatte immer ein Bewusstsein dafür, eine Jüdin zu sein.

Ich hatte immer ein Bewusstsein dafür, eine Jüdin zu sein, obgleich meine Mutter nie Mitglied in der Gemeinde war. Und als ich Gemeindemitglied werden wollte, reagierte mein Vater etwas panisch. Aufgrund seiner eigenen Verfolgungsgeschichte warnte er mich vor den vermeintlichen Gefahren, die entstehen könnten, wenn ich offen als Jüdin auftrete. Nun hatte ich auch noch einen jüdischen Mann geheiratet.

Bei einem Besuch meines Vaters zum Schabbat hat er als Besucher den Kiddusch gemacht. Dabei kamen ihm die Tränen, und er sagte: »Das letzte Mal habe ich einen Kiddusch gemacht, als mein Vater noch lebte.« Als er dann schon relativ alt war, hat er es genossen, wenn ich zu ihm kam und wir zum Beispiel gemeinsam die Lichter auf der Chanukkia gezündet haben.

GEMEINDE Da der Status meiner Großmutter als Jüdin nicht letztgültig geklärt werden konnte, habe ich schließlich meine Jüdischkeit von einem Beit Din bestätigen lassen. Mein Vater war schon sehr alt, als er einmal klagte, keinen Sohn zu haben, der an seinem Grab das Kaddisch sprechen könne. Da habe ich ihm gesagt, wenn er vielleicht ein wenig fortschrittlich denken würde, könnte ich das auch als Tochter tun.

Und als er im vergangenen Jahr gestorben war, habe ich an seinem Grab das Kaddisch gesprochen – als Frau und ohne einen Minjan. Noch ist das Trauerjahr, und ich spreche das Kaddisch an jedem Morgen. Und wenn es am Schabbat in meiner Synagoge in der Pestalozzistraße gesprochen wird, spreche ich es leise mit.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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