Bamberg

Rabbiner made in Germany

Für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist es ein Festtag. Vier Männer und eine Frau sind am Mittwoch in der Bamberger Synagoge »Or Chajim« zu Rabbinern ordiniert worden. Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, zeigte sich berührt und bewegt. »Das ist ein Festtag – wir Juden in Deutschland hungern nach rabbinischer Betreuung«, sagte er. Die Ordination war auch eine Nachkriegspremiere: Erstmals seit dem Holocaust wurde mit Antje Yael Deusel eine in Deutschland geborene und hier ausgebildete Frau zur Rabbinerin ordiniert.

Oberrabbiner Walter Jacob ermutigte die neuen Rabbiner, sich auch mit den Problemen der modernen Welt auseinanderzusetzen: »Man lehrt nicht nur durch Wörter, man lehrt am besten durch sein Leben«, sagte er. Das werde für die Rabbiner und ihre Gemeinden nicht immer einfach sein, »denn die Gedanken des Rabbiners werden oft ganz anders sein als die Gedanken der Zeit«. Rabbiner dürften eben »nicht nur Populäres sagen«, sondern auch das aussprechen, was nötig sei.

Hoffnung Zentralratspräsident Graumann bezeichnete die Ordination der fünf Rabbiner als »Zeichen der Hoffnung«. Deutschland sei über viele Jahrzehnte hinweg »jüdisch und rabbinisch ziemlich ausgetrocknet« gewesen. »Wir brauchen neue Rabbiner wie die Luft zum Atmen«, sagte er. »Sie sollen uns den Himmel näherbringen, fallen aber nicht einfach vom Himmel.« Er wünsche sich »100 weitere neue Rabbiner«, damit das Judentum in Deutschland wieder neu erblühen könne. »Rabbiner made in Germany« solle zum Markenzeichen und Exportschlager werden.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, er sei »zutiefst dankbar, dass es hier in Bamberg, in Bayern und in ganz
Deutschland wieder vielfältiges jüdisches Leben gibt«. Das Judentum in Bayern habe eine mehr als 1.000-jährige Tradition. »Nach dem Holocaust hätte sich niemand vorstellen können, dass in Deutschland wieder jüdische Kultur und jüdisches Leben erwachen«, sagte er.

Segen Den Rabbiner-Kandidaten gegenüberstehend, legte Oberrabbiner Jacob die Hände auf deren Schultern und segnete jeden Einzelnen von ihnen mit einem Spruch. »Lehre, lehre und tue alles, was du nur tun kannst für die ganze Menschheit«, ist eine gängige Formulierung, die auch Yael Deusel erhielt.

An dem Festakt in der 2005 eröffneten Bamberger Synagoge nahmen auch der Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und Vizepräsident des Zentralrats, Josef Schuster, sowie Bayerns evangelischer Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Bambergs katholischer Erzbischof Ludwig Schick teil. Der Bayerische Rundfunk übertrug die Zeremonie live.

Die fünf Absolventen des als liberal geltenden Abraham Geiger Kollegs in Potsdam weisen sehr unterschiedliche Lebenswege auf. Die Liebe zum Judentum eint sie.

Der Regisseur Yann Boissière wurde 1962 im französischen Lille geboren und studierte zunächst Anglo-Amerikanistik und Linguistik in Dijon und Paris. Später kam das Studium der Filmregie in Paris hinzu. Boissière war anschließend in der Film- und Fernsehbranche sowie in der Werbewirtschaft tätig. Als er 2007 sein Studium am Abraham Geiger Kolleg aufnahm, hatte er bereits von 1999 bis 2007 die Leitung der Religionsschule des Mouvement Juif Liberal de France in Paris innegehabt. Im Zuge seiner Ausbildung zum Rabbiner studierte Boissière auch an der Sorbonne in Paris und an der Conservative Yeshiva und dem Merkaz Steinsaltz in Jerusalem. In seiner Abschlussarbeit beschäftigt er sich mit dem Thema des Reuigen Sünders. Der 49-Jährige wird Rabbiner des 1977 gegründeten Mouvement Juif Liberal de France in Paris, einer der größten Synagogengemeinden Frankreichs.

Die Ärztin Die Fachärztin für Urologie Antje Yael Deusel wurde 1960 in Nürnberg geboren und spezialisierte sich nach ihrem Medizinstudium unter anderem als Fellow am Hadassah University Hospital in Jerusalem auf Kinderurologie. Derzeit ist die 51-Jährige Oberärztin in der Klinik für Urologie und Kinderurologie in Bamberg. Ebenso wie ihre Kommilitonen hat Deusel ein Studienjahr in Israel verbracht und ihr Studium am Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam mit einer Masterarbeit im Fach Jüdische Studien zum Thema »Brit Mila – medizinische und halachische Aspekte« mit Auszeichnung abgeschlossen. Sie wird Rabbinerin der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg.

Der Aufbauer Die Jüdische Gemeinde Mönchengladbach darf sich auf ihren neuen Rabbiner Yuriy Kadnykov freuen. Er wurde 1975 in Evpatoria auf der Krim in der Ukraine geboren und beteiligte sich von 1995 aktiv am Wiederaufbau des religiösen jüdischen Lebens in seiner Heimatstadt. Im Jahr 2000 schickte ihn seine Gemeinde zu einer zweijährigen Weiterbildung in Gemeindearbeit ans Machon, das Institut der World Union for Progressive Judaism in Moskau. Kadnykov war bereits als Vertreter des liberalen Rabbiners in Sewastopol tätig, bevor er 2003 nach Deutschland kam, um seine Ausbildung zum Rabbiner am Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam zu beginnen. Neben dem Fach Jüdische Studien belegte er Religionswissenschaft, Literaturwissenschaft und Germanistik. Von 2007 bis 2008 studierte er in Jerusalem. In seiner Magisterarbeit zum Thema »Auslegungsgeschichte von Numeri 12 im Lichte der Bibelkritik« hat er die biblische Erzählung Ma’ase Miriam untersucht.

Der Romanist Tobias Jona Simon wurde 1978 in Bielefeld geboren und wuchs zwischen seinem zweiten und achten Lebensjahr auf Gran Canaria auf. Daher auch seine Liebe zur Romanistik, was er anfangs auch in seiner Heimatstadt und an der Universidad de Sevilla studierte, bevor er sich – unterstützt von Kommilitonen – 2005 für das Studium in Potsdam entschied. Sein Israel-Jahr absolvierte er am Merkaz Steinsaltz in Jerusalem. In seiner Magisterarbeit zum Thema »Kri’a – das Kleiderzerreißen im Trauerfall« hat sich Simon mit der Herkunft und Entwicklung des einzigen bis heute üblichen Trauerbrauchs beschäftigt, der schon in der Tora Erwähnung findet. Der 33-Jährige wird als Rabbiner für den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachen den Landesrabbiner Jonah-Sievers unterstützen und die Zentralratsgemeinden Braunschweig, Göttingen, Hameln und Hildesheim mitbetreuen.

Der Musiker Paul Moses Strasko ist der Jazz-Profi unter den angehenden Rabbinern. Er wurde 1972 in Montana, USA, geboren. Er besitzt BA-Abschlüsse in Klarinette und Komposition und studierte an der Temple University in Philadelphia zwei Jahre lang Komposition und Musiktheorie, bevor er zwölf Jahre lang als Projektmanager in den Bereichen Gesundheitswesen und klinische Forschung arbeitete. Strasko nahm sein Studium am Abraham Geiger Kolleg 2007 mit dem Jahr in Israel am Hebrew Union College – Jewish Institute of Religion in Jerusalem auf. Er stellt in seiner Abschlussarbeit die Entwicklung der Halacha bezüglich eines einzigen Elements des Religionsgesetzes – ba’alei ov – dar, um so die historischen, kulturellen, und soziologischen Elemente, die das Gesetz beeinflussen können, zu verstehen. Strasko wird als Rabbiner die liberale Gemeinde Genf unterstützen. epd

Berlin

Merz: Jüdisches Leben so bedroht wie lange nicht mehr

Das Präsidium der CDU tagte am Montag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin und verabschiedete einen Beschluss gegen Antisemitismus. Kanzler Merz machte zuvor deutlich, warum das wichtig ist

von Detlef David Kauschke  04.05.2026 Aktualisiert

Frankfurt am Main

Marek Lieberberg wird 80 – Ein Leben für die große Bühne

Kaum ein anderer hat die Live-Musiklandschaft in Deutschland über Jahrzehnte so geprägt wie der jüdische Konzertveranstalter aus Frankfurt

 04.05.2026

Glosse

Wie wird man ein anständiger Antisemit? Tipps und Tricks für Judenhasser

Eine Handreichung

von Daniel Neumann  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Geburtstag

Andreis Glück

Der Schoa-Überlebende Andrei Moiseenkow wird 100 – Weimar feiert seinen Ehrenbürger

von Helmut Kuhn  01.05.2026

Porträt

An der Basis

Lea Rosenberg setzt sich beim Paritätischen Wohlfahrtsverband für Geflüchtete ein

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.05.2026

Jüdische Gemeinden

Das neue angstvolle »Normal«

Wie haben sich der 7. Oktober 2023 und die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten ausgewirkt? Der neue Lagebericht des Zentralrats der Juden in Deutschland

von Katrin Richter  01.05.2026

Berlin

CDU-Präsidium tagt in Chabad-Synagoge

Die Parteispitze will damit ein Zeichen setzen

 01.05.2026

Berlin

Tanzen, trotz allem

Der Israeltag am Wittenbergplatz setzte ein Zeichen der Solidarität, der Lebensfreude – aber auch der Sorge

von Christine Schmitt  30.04.2026