Hamburg

Quartett sucht Verstärkung

Pjotr Meshvinski (r.) mit seiner Familie. Foto: Heike Linde-Lembke

Er hatte Tränen in den Augen – obwohl Pjotr Meshvinski ein fröhlicher Mann ist. Doch als er beim ersten Konzert des neu gegründeten Jüdischen Kammerorchesters Hamburg eine Komposition von Hans Krása ansagte, wurde Pjotr Meshvinski sehr ernst und sagte mit belegter Stimme: »Wir werden bei jeder Gelegenheit die Musik von Hans Krása, von Viktor Ullmann, Gideon Klein und anderen jüdischen Komponisten spielen, die in den deutschen Konzentrationslagern umgekommen sind, und sie in eine Linie mit Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven bis Franz Schubert und Robert Schumann stellen.«

Der tschechische Komponist Hans Krása komponierte im Konzentrationslager Theresienstadt die Kinderoper Brundibár und führte sie dort mehr als 55 Mal auf. Die Nazis missbrauchten die Kinderoper sogar für ihren Propagandafilm Theresienstadt – ein Dokumentarfilm aus dem Jüdischen Siedlungsgebiet.

Film Die KZ-Insassen selbst führten die Oper für den Film unter der Regie von Kurt Gerron auf. Außerhalb des KZs wurde der Film nie gezeigt. Nach Drehschluss im September 1944 wurden sowohl Kurt Gerron, Hans Krása als auch die meisten Kinderdarsteller ins KZ Auschwitz deportiert. Fast keiner überlebte das Vernichtungslager. Hans Krása wurde am 17. Oktober 1944 von den Nazis ermordet.

Auch das historische erste Jüdische Kammerorchester Hamburg wurde Opfer des NS-Rassenwahns. Im Herbst 1934 hatte es der Geiger, Dirigent und Komponist Edvard Moritz gemeinsam mit jüdischen Musikern gegründet. Mit ihnen standen auch immer wieder Solisten wie die Geigerin Herta Kahn, die Sopranistin Ilse Urias oder der Cellist Jakob Sakom auf der Bühne. Einige von ihnen überlebten den Holocaust: Ilse Urias floh im April 1939 nach Chile. An Jakob Sakom erinnert ein Stolperstein vor der Hamburger Laeiszhalle. Das Schicksal des Musikers ist nahezu unbekannt. Er soll 1941 in einem Wald in Litauen mit Tausenden anderer Juden von der SS erschossen worden sein.

Das Jüdische Kammerorchester Hamburg finanzierte sich damals durch einen Spendenfonds und gab in vier Monaten vier Konzerte. Drei weitere Vorstellungen konnten nicht mehr gegeben werden. Als die Reichsmusikkammer im August 1935 jüdische Künstler mit Berufsverbot belegte, musste Edvard Moritz das Orchester auflösen. Im September 1937 konnte er nach New York fliehen, wo er am 30. September 1970 starb.

Spurensuche Pjotr Meshvinski kennt die Geschichten und Schicksale um das legendäre erste Jüdische Kammerorchester. »Ich habe vor 15 Jahren von dem Ensemble gehört und wollte es unbedingt wiedergründen«, sagt Meshvinski. Schnell fand er die ersten Musiker, sie gehören alle zu seiner eigenen Familie. Ehefrau Natalia Alenitsyna spielt Violine und Bratsche, der 16-jährige Sohn Emanuel Meshvinski ebenfalls, und Schwägerin Anna Alenitsyna-Herber ist Pianistin. »Jetzt suchen wir weitere Musikerinnen und Musiker für unser Orchester«, sagt Initiator Meshvinski. Außerdem sucht er Sponsoren und möchte einen Freundeskreis für das Ensemble gründen. »Durch Mitgliedsbeiträge und Spenden sichern wir die Zukunft des Orchesters«, so die Idee des Cellisten.

Mit dem Repertoire des heutigen Orchesters führt die Familie Meshvinski die Tradition des ersten Jüdischen Kammerorchesters mit Kompositionen aus allen Jahrhunderten fort. »Doch in jedem Konzert werden wir Werke jüdischer Komponisten spielen, die dem NS-Rassenwahn zum Opfer fielen, um ihre Werke der Vergessenheit zu entreißen und ihnen ihre Namen wiederzugeben«, sagt der 52-Jährige. Dies sei seine Art »Stolpersteine« für vergessene jüdische Tonsetzer.

Die Familie ist schon gut eingespielt, tritt sie doch auch als »St. Petersburg Virtuosen« auf. »Wenn ich mir die Musik von Hans Krása oder Gideon Klein anhöre, die er als 26-Jähriger wenige Wochen vor seinem Tod im KZ komponierte, ist das zwar sogenannte moderne Musik, aber ich fühle auch die leidende Seele, und das wollen wir wieder hörbar machen«, sagt Pjotr Meshvinski.

Trauer Im ersten Konzert des Jüdischen Kammerorchesters im Lichtwarksaal in Hamburgs Komponistenviertel spiegelte das Trio Hans Krásas Passacaglia und Fuge für Violine, Viola und Violoncello die ganze innere Trauer und Verzweiflung, die Zerrissenheit und den Zorn des Komponisten wider, setzte aber ebenso tröstliche Akzente. Auch die Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Michail Glinka, Franz Schubert, Ludwig van Beethoven und als Zugabe Johannes Brahms interpretierten die Musiker mit viel Verve, Leidenschaft und tiefer Liebe zur Musik. Ihnen gelang ein anrührendes Konzert.

Pjotr Meshvinski und seine Frau Natalia Alenitsyna studierten in St. Petersburg und am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium. 1991 nutzten sie die Chance, als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland auszuwandern, und setzten an den Hamburger und Kölner Musikhochschulen ihre Studien fort.

In ihren Familien war Musik seit jeher präsent, und auch sie geben ihre Liebe zur Musik an ihren Sohn weiter. Der 16-jährige Emanuel spielt meisterlich Geige und Bratsche und erhielt für sein exzellentes und durchdachtes Spiel begeisterten Beifall. Bereits als Dreijähriger hatte er von seiner Mutter Geigenunterricht erhalten.

Familienerbe
»Ich mache bald mein Abitur und will dann Musik studieren«, sagt Emanuel heute. Ein Geigenstudium? »Vielleicht. Lieber noch Filmmusik, aber das gefällt meinen Eltern nicht so gut«, sagt Emanuel und grinst verschmitzt.

Auch die Förderung von musikbegabten Kindern liegt den Meshvinskis am Herzen. »Ich möchte mit dem Orchester eine Akademie für begabte Kinder aufbauen«, sagt Pjotr Meshvinski. Doch erst einmal will er mit seiner Familie das Jüdische Kammerorchester Hamburg etablieren.

Das Jüdische Kammerorchester Hamburg sucht Engagements in ganz Deutschland. Buchungen, Musiker-Bewerbungen und Spenden unter www.jco-hamburg.com.

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