Purim

Prinzessin, Clown und Fee

Selbstgeschneidert oder vom Wühltisch: Hauptsache die Kinder finden die Kostüme »überirdisch. Foto: Kraufmann/Susanne Kern

Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei. Denn während die katholischen Jecken schon alles hinter sich haben, steht für Juden Purim noch bevor. Aber je nachdem, wie die Feiertage fallen, kann es im Kalender mitunter, wie in diesem Jahr, eine größere Zeitspanne zwischen Fastnacht und Purim geben.

Und wo, bitte schön, bekommt man zwei Wochen nach dem offiziellen Kehraus noch Kostüme? In den Kaufhäusern sind die Faschingsartikel längst wieder aus dem Sortiment verschwunden. Wo eben noch Perücken und Konfetti feilgeboten wurden, finden sich jetzt bunte Ostereier, knallgelbe Küken und niedliche Plüschhasen.

Planung Die aufmerksame jüdische Mutter sorgt also vor. »Oh nein!«, stöhnt Esther. Der 38-Jährigen ist gerade siedend heiß eingefallen, dass ihre Söhne nicht nur beide Anfang März Geburtstag haben, nein, der Ältere wird auch noch am 10. März seine Barmizwa feiern. Und bei der ganzen Aufregung darum und mitten in den Vorbereitungen für dieses große Fest ist völlig in Vergessenheit geraten, dass der vierjährige Meir am 8. März verkleidet in den Kindergarten kommen muss.

Verwunderung Chag Purim, Chag Purim, Chag Purim le jeladim. »Nein«, sagt Esther entschieden. »Das mach’ ich nicht noch einmal mit.« Im vergangenen Jahr hat sie zwei Nächte lang an einem Elmo-Kostüm für ihren Sohn genäht. Der rote Zottelpelz ist nämlich Meirs absolute Lieblingsfigur aus der Sesamstraße. Dabei war das nächtliche Handarbeiten nicht einmal das Schlimmste. Sondern die vielen verstörten Blicke, als sie morgens ein knallrot geschminktes Kind mit abstehenden Plüschohren im Buggy in die voll besetzte Frankfurter S-Bahn schob. Und das, nachdem der Aschermittwoch schon etliche Tage her war.

Niemand sagte etwas, aber über allen Köpfen sah Esther förmlich die großen Fragezeichen in der Luft schweben. In manchen Gesichtern meinte sie auch pures Mitleid zu erkennen, mit diesem armen kleinen Jungen, dessen Mutter nicht einmal in der Lage war, ihn rechtzeitig zum Fasching zu verkleiden.

»Na, ihr seid wohl ein bisschen zu spät aus dem Winterschlaf erwacht«, frotzelte schließlich ein Rentner und fand das selbst sehr komisch. »Fassenacht war gestern. Jetzt ist Fastenzeit!« Gott sei Dank verstand Meir kein Wort, sondern kraulte weiter selbstverliebt seinen leuchtend roten Bauch aus Kunstpelz.

Abgelegtes Und dieses Jahr? Aus dem Elmo-Kostüm ist Meir längst herausgewachsen. Und er hat inzwischen auch andere Helden entdeckt, die er maßlos bewundert. Polizisten zum Beispiel. »Ich werde mal die große Kiste mit den Purim-Kostümen meines älteren Sohnes durchforsten«, meint Esther. Zum Selberschneidern fehlt ihr momentan, so kurz vor der Barmizwa, einfach die Zeit.

Sie ist ziemlich sicher, dort auch eine Polizei-Uniform vorzufinden. Die ist zwar schon ein wenig verschlissen von zahlreichen Diensteinsätzen während der vergangenen Purimfeiern, aber dafür, so hofft Esther, dürfte diese Aufmachung in der S-Bahn weniger auffallen als das feuerrote Elmo-Kostüm. Und im Kindergarten oder beim WIZO Purim-Lunapark, der in diesem Jahr in Frankfurt am 4. März (14 bis 18 Uhr) stattfindet, fällt Meir verkleidet höchstens positiv auf.

Pragmatismus Daliah sieht das Ganze eher pragmatisch: »Ich gehe immer nach dem Aschermittwoch in die Kaufhäuser. Dann bekommt man die übrig gebliebenen Stoffreste für die Karnevalskostüme zum Selbermachen fast geschenkt.

Dieses Jahr habe ich für meine Tochter einen schwarzen Samtumhang mit glänzend blauen Stickereien geschneidert, obwohl ich eigentlich gar nicht nähen kann. Dazu eine Perücke vom Vorjahr, ein Diadem mit Plastikedelsteinen, viel Schminke, Flügel aus durchsichtiger Gaze mit Trägern wie bei einem Rucksack, und fertig!«

Überirdisches Was die fünf Jahre alte Lea in dieser Verkleidung darstellen soll, ob Fee, Prinzessin, Elfe oder irgendein anderes Fabelwesen – Daliah zuckt mit den Schultern. »Sie findet sich überirdisch schön darin, und das ist das Wichtigste.« Und diese Verkleidung bietet noch einen Vorteil: Kleine Mädchen tragen so etwas nicht nur an Purim oder Fasching gerne. Eine Elfe noch im März auf der Straße vorbeischweben zu sehen, dürfte daher kaum jemanden verwundern.

Sarah konnte nicht länger abwarten und hat ihre Eltern dazu überredet, schon eine Woche vor Purim mit dem Backen der Hamantaschen zu beginnen. Wie immer sind die Kekse viel zu groß geworden, und die Marmelade und Schokocreme, die Sarah großzügig in die Mitte geklackst hat, triefen an allen Ecken heraus.

Das macht aber nichts: Schmecken tut es nicht nur ihr, sondern auch ihren beiden älteren Geschwistern ganz hervorragend. Und deren nichtjüdischen Freunden im staatlichen Gymnasium übrigens ebenso. »An Purim nehme ich immer ein paar Hamantaschen in die Schule mit und verteile sie an meine Freundinnen«, erzählt Sarahs große Schwester Chaja.

Fünf Jahre an der Lichtigfeld-Schule haben sie zu einer selbstbewussten Jüdin werden lassen, die auch gerne Nachhilfe in Sachen Religion erteilt. Und gern ein wenig provoziert: »Als ich den Mädels sagte, dass sie gerade die Ohren von jemandem ganz Bösen verspeisen, haben die ein wenig angewidert geguckt«, meint die 13-Jährige grinsend. »Aber dann habe ich ihnen kurz die Esthergeschichte erzählt und erklärt, wir würden das eben wörtlich nehmen mit dem Spruch, dass Rache süß sei.«

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