Berlin

Pragmatismus ist gefragt

Ein geschützter Raum – auch Safe Space genannt – ist oftmals die Voraussetzung, um einen offenen Dialog oder sogar kontroverse Debatten zu führen. Und als einen solchen hat sich der Jugendkongress der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland stets verstanden, das ist quasi sein Markenzeichen.

Besonders eindrücklich zeigte sich das heute auf dem letzten großen Panel der diesjährigen Veranstaltung, bei dem der Frage nachgegangen wurde, wie in der jüdischen Gemeinschaft der Umgang mit den sogenannten Vaterjuden aussehen sollte. Schließlich ist dies ein sehr persönliches Thema, das alles andere als einfache Antworten bereit hält, wie Philipp Peyman Engel, der Moderator und Chef vom Dienst bei der Jüdischen Allgemeinen, eingangs betonte. »Es beschäftigt uns nicht erst seit gestern und hat auch auf dem Jugendkongress immer schon eine große Rolle gespielt.« 

Denn die Art und Weise, wie in den Gemeinden mit Menschen, die zwar einen jüdischen Familienhintergrund haben, aber aus halachischer Perspektive nicht als Juden gelten, verfahren wird, ist keinesfalls immer eindeutig oder von Empathie gezeichnet. Beispielhaft wurde dies an der Biografie einiger Teilnehmer auf dem Podium, allen voran Alexandra Perlowa.

»Meine Familie kam 1994 als Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine nach Kassel«, berichtete die 31-jährige Change Managerin bei dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KMPG, die zudem als Diversity Trainerin arbeitet. »Weil mein Vater und meine Großmutter in der Gemeinde ein- und ausgingen, war es auch für mich selbstverständlich, sich dort zu bewegen.« 

Zuerst empfand Alexandra Perlowa den Umgang mit ihr als inkludierend, weshalb sie wie selbstverständlich eine jüdische Identität entwickelte. »Aber irgendwann hat man das Gefühl, nicht dazuzugehören und stößt plötzlich auf Barrieren.« Und das geschah aufgrund der Tatsache, dass ihre Mutter der russisch-orthodoxen Kirche angehört und sie als Baby hat taufen lassen.

»In der Gemeinde gab es wohl Unsicherheiten darüber, wie man mich nun einordnen soll.« Ein Giur, egal ob orthodox oder nicht, kam für sie aber bisher nicht in Frage. »Vielleicht ist das ja eine Trotzreaktion.«

Ähnliche Erfahrungen machte Hanna Veiler. Auch sie entdeckte im Teenager-Alter, dass es ein Problem gibt. »Dabei war alles Jüdische – meine Großmutter hat mir bereits von ihren Schoa-Erfahrungen berichtet, als ich drei Jahre alt war – immer ein fester Bestandteil meiner Identität«, erzählte die Vizepräsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

Doch im Unterschied zu Alexandra Perlowa entschied sich dazu, einen Giur zu machen. »Ich hatte riesiges Glück, dass mir mein Jugendverband, in dem ich bereits aktiv war, mir den Weg dahin gezeigt hat.«

Zugleich verwies Hanna Veiler auf die Hürden, die es dabei zu bewältigen gilt. »Wenn man wie ich aus einer kleinen Gemeinde wie der in Baden-Baden kommt, ist das schon eine Herausforderung.« Unzählige Male musste sie nach Berlin pendeln, wo sie von einem Rabbiner betreut wurde. Am Ende hatte sie die ersehnte Urkunde vom Beit Din.

»Doch ich war vor dem Moment, als ich dieses Schriftstück in der Hand hielt, Jüdin, und danach ebenfalls Jüdin«, so brachte sie ihre Gefühle auf den Punkt. Aber sie konstatiert einen Stimmungswandel. »Früher wurde über das Thema getuschelt, heute dagegen reden wir ganz offen. Das ist ein Resultat der Vernetzungen, die es mittlerweile gegeben hat, nicht zuletzt durch die Arbeit der JSUD.«

»Wer einen jüdischen Vater hat, hat auch das Recht, ins Judentum einzutreten«, lautet die Haltung von Gesa Ederberg, Rabbinerin in der Synagoge Oranienburger Straße in Berlin. Sie ist überzeugt davon, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland es sich nicht leisten kann, Menschen mit einem jüdischen Familienhintergrund außen vor zu lassen und zu sagen: »Tschüss, da ist die Tür!«

Ihrer Meinung nach die Option Giur eine Art Pforte, durch die man eintritt und seine religiöse Identität, die ja oftmals bereits vorhanden war, bestätigt bekommt.

»Selbstverständlich sind die Türen offen«, hebte ebenfalls Zsolt Balla, orthodoxer Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig sowie bei der Bundeswehr, hervor. Für ihn ist aber noch ein ganz anderer Punkt von Relevanz, und das ist die weltweite Akzeptanz eines Übertritts zum Judentum, was manchmal ein Problem sein kann.

Auch konstatierte Rabbiner Zsolt Balla ein mangelndes Interesse, verwies auf ein entsprechendes Programm der ZWST, das gerade einmal vier Kandidaten anzog.

Benjamin Graumann glaubt, dass ein Kommunikationsproblem vorliegt, wenn so wenig Resonanz auf ein Programm wie das der ZWST erfolgt. »Wir müssen näher zu den Menschen kommen, die das betrifft«, so das Vorstandmitglied der jüdischen Gemeinde Frankfurt. Er plädierte für eine direktere Ansprache, beispielsweise wie in seiner Gemeinde in Frankfurt, wo man auf die Eltern von Kindern im jüdischen Kindergarten oder in der jüdischen Schule zugeht, deren Vater Jude ist, aber eben nicht die Mutter.

Es geht ihm darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, und dazu zählt eben auch ein Giur. »Menschen, die jüdisch sozialisiert sind, sollten wir signalisieren, dass wir sie mitnehmen wollen.« Oder wie Philipp Peyman Engel es aufgriff, zu sagen: »Hier ist unsere ausgestreckte Hand, aber ein Giur gehört eben dazu.«

Einigkeit auf dem Podium herrschte darüber, dass das Thema nicht ausgeschwiegen werden kann. Nur scheint es, und auch das war Konsens, müssen Hemmschwellen und Ängste gezielt abgebaut werden. »Pragmatismus ist hier auf jeden Fall gefragt«, so die Forderung von Hanna Veiler.

Für Veiler und viele andere sind Treffen wie das in Berlin - das zeigte nicht zuletzt die ebenso lebhafte wie hitzig geführte Fragerunde nach dem Panel - eine wunderbare Plattform, um offen über die Probleme von sogenannten Vaterjuden zu sprechen und ihnen gegebenenfalls bei der Suche nach gangbaren Optionen beiseite zu stehen - also sie ganz im Sinne des Jugendkongresses zu empowern.

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