Taglit

Neugierig auf Israel

Sie kichern, zwinkern sich zu und tuscheln. Die drei jungen Frauen wirken wie alte Freundinnen, dabei haben sich Rita, Julia und Marina gerade erst kennengelernt. Auf der Fahrt von Düsseldorf nach Frankfurt hatten sie schon viel Spaß miteinander. Und jetzt, am Sonntagnachmittag, versuchen sie, für die Nacht vor dem Abflug nach Tel Aviv in einem Zimmer unterzukommen.

In Düsseldorf startete am Sonntagmorgen der Bus mit der Gruppe von jungen Leuten, die gemeinsam nach Israel reisen. Es ist aber kein Urlaub im herkömmlichen Sinne, an dem Rita, Julia, Marina und weitere 28 junge Juden teilnehmen. »Taglit – Geburtsrecht Israel« heißt das Programm, das seit nunmehr zehn Jahren für junge Juden im Ausland angeboten wird.

Für die Teilnahme von jungen Frauen und Männern aus Nordrhein hat Gabriel Goldberg vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein geworben. Der Jugendreferent begleitet die Gruppe, der er den Namen Esch-Taglit, den Namen des Jugendreferats seines Landesverbandes, gab.

Anreiz Die Nachfrage war groß, denn die zehntägige Tour ist kostenfrei. Ein Grund mehr, dabei sein zu wollen. Das verschweigen auch die Esch-Taglit-Teilnehmer nicht. Nur die wenigsten der 18- bis 26-Jährigen, von denen viele Kinder russischsprachiger Zuwanderer sind, könnten sich einen Israel-Tripp für 2.000 Euro leisten. Für viele ist es daher eine einmalige Gelegenheit, Israel aus nächster Nähe kennenzulernen.

Die jungen Leute haben aber auch ganz persönliche Gründe teilzunehmen. Marina erhofft sich, dort auch »spirituell angefixt« zu werden. Die 24-Jährige möchte in Israel etwas von dem religiösen Leben mitbekommen. Enttäuscht wird Marina wohl nicht, denn neben Besichtigungen von historischen Orten und touristischen Stätten, stehen auch Synagogen und eine Schabbat-Feier in Jerusalem auf dem Plan.

Kulturferne Weitaus nüchterner nähert sich Julia dem Heiligen Land an. Angemeldet hat sie sich schon im März, doch dann wäre sie wegen ihres Studienabschlusses in Wirtschaftsrecht fast abgesprungen. Schließlich packte die 24-Jährige doch ihren Koffer. Es sei eben »eine einmalige Gelegenheit, Israel und die jüdische Geschichte und Kultur zu erleben«. In Deutschland lebe man doch weit weg von der jüdischen Kultur, sagt die Tochter von russischen Zuwanderern.

Rita wiederum will sich der »historischen Dimension« des Judentums annähern. Sie sein nicht besonders religiös, aber bewusste Jüdin, sagt die 18-Jährige. »Daher sollte ich das Land meiner Herkunft kennen«, meint Rita. Unvorbereitet tritt die Gymnasiastin die Reise nicht an. Im Gepäck hat sie ein paar Bücher, darunter eines, das Israel von A bis Z heißt.

Neugierig sind die drei jungen Frauen auch auf das Alltagsleben in Israel. »Es ist zwar ein westliches Land, wie aber spielt sich das Leben dort ab?« Und sie möchten mit jungen Leuten ins Gespräch kommen. Gedanken darüber, in welcher Sprache sie kommunizieren werden, hat sich Marina nicht gemacht. Auf der Fahrt von Düsseldorf hat sie aber schon mal angefangen, ein paar Brocken Hebräisch zu lernen.

Elazar hingegen war schon in Israel. Teilnehmen darf der 18-Jährige trotzdem, weil seine Reisen zuvor private Touren mit der Familie waren. Der Abiturient freut sich auf den Sonnenaufgang am Berg Massada, auf Begegnungen mit jungen Israelis und lässt sich »ansonsten überraschen«.

Dimitry hingegen ist »aufgeregt«. Er hat konkrete Erwartungen. Der 22-Jährige ist in der Jugendarbeit seiner Gemeinde aktiv und erhofft sich über die Begegnung mit Taglit-Teilnehmern aus anderen Ländern auch Anregungen für seine Arbeit.

identität »Taglit will junge jüdische Erwachsene zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben ansprechen, zu dem sie ihre Perspektiven und ihre Persönlichkeit formen, und ihnen ein unvergessliches Erlebnis vermitteln.« Es solle eine gefühlsmäßige und positive Bindung an Israel und das jüdische Volk herstellen, beschreibt der Veranstalter das Ziel des Taglit-Programms. Elazar muss nicht mehr umworben werden. Der Abiturient will ab Herbst für zehn Monate ein Praktikum in Israel machen.

Taglit ist vor zehn Jahren ins Leben gerufen worden und wird von der israelischen Regierung sowie einer Gruppe jüdischer Philanthropen und jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt getragen. Zum Konzept gehört, dass die Teilnehmer für die Reise ins Heilige Land nichts bezahlen, damit auch all die jüdischen Jugendlichen, »die sonst nicht das Interesse, die Motivation oder die Mittel hätten, nach Israel zu kommen«, persönliche Eindrücke vor Ort sammeln können.

Für Marina ist es »eine Reise in das Land unseres Ursprungs«. Die 24-jährige Studentin, die aus Russland stammt und seit zehn Jahren in Deutschland lebt, ist sich sicher, dass sie bei ihrer Rückkehr eine andere sein wird. Und Dimitry erhofft sich, dass seine »jüdische Identität« bei der Reise gefestigt wird. Und alle anderen? Sie wollen sich vor allem ihr eigenes Bild von Israel machen.

Mascha Malburg und Joshua Schultheis

In eigener Sache

Mascha Malburg und Joshua Schultheis werden mit dem Georg-Stefan-Troller-Preis ausgezeichnet

Die Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen und der freie Mitarbeiter erhalten die Auszeichnung für ihre Interviewreihe mit Juden aus Deutschland

 09.09.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 10. September bis zum 17. September

 09.09.2026

München

»Es geht um ein Wir«

Maccabi-Präsident Patrick Guttmann über die Rolle des Sportvereins für die jüdische Gemeinschaft, Herausforderungen und Zukunftspläne

von Luis Gruhler  09.09.2026

Berlin

Zurück in die Zukunft

Die Geschichte der Stadt ist geprägt von vielen gescheiterten Visionen. Nun wird die Fahrt mit der Ringbahn zur Bühne für einst angedachte Projekte

von Alicia Rust  09.09.2026

Rosch Haschana

Fragen über Fragen

Zwischen Vorbereitungen, Schofar und Honigkuchen bleiben Rabbiner immer erreichbar. Für alle, die Rat vor den Hohen Feiertagen suchen

von Christine Schmitt  09.09.2026

Pro & Contra

Sollen jüdische Kinder nur noch auf jüdische Schulen?

Zwei Meinungen zur Debatte

von Noga Hartmann, Marina Chernivsky  09.09.2026

Max Privorozki

»Ich werde Halle nicht verlassen, solange wir in einer freien Gesellschaft leben«

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk spricht der Gemeindevorsitzende über Wahlergebnisse, Prognosen und die Aufgabe der Gesellschaft

 09.09.2026

Taglit

Emotionales Bootcamp mit Lior Raz

Israels Superstar kam kurz vor dem Start der fünften »Fauda«-Staffel nach Berlin, um sich für »Birthright« starkzumachen. Und für einen optimistischeren jüdischen Staat

von Sophie Albers Ben Chamo  09.09.2026

Kommentar

Ein Weckruf

Der AfD-Erfolg liegt vor allem im Scheitern jener Parteien, die die Bundesrepublik seit Jahrzehnten prägen. Verloren gegangenes Vertrauen muss nun schnellst möglich wieder zurückgewonnen werden

von Josef Schuster  08.09.2026