Wendezeit

Neues Leben

Es war um die Wahl am 18. März 1990, dass eine Frau und ein Mann mit einem neuen Lada Samara vor dem Haus von Peter Fischer standen. Fischer bat die beiden hinein, und der Mann erzählte, dass er gerade aus der Sowjetunion – aus Odessa – gekommen sei.

Sie unterhielten sich; er sagte, er sei Hühner-Schochet in der dortigen Gemeinde, die 115.000 Mitglieder habe, und er wolle hierbleiben – in Berlin. Peter Fischer blieb der Mund vor Erstaunen offen stehen, erinnert er sich. 115.000! Beim Verband der jüdischen Gemeinden in der DDR, dessen Sekretär Peter Fischer mit einer halben Stelle war, waren insgesamt 405 Personen registriert.

»Als ich die Zahlen aus Odessa hörte, habe ich beim Ministerpräsidenten angerufen, den ich gut kannte, denn er war ein Freund meines Vaters.« Fischer schilderte Hans Modrow, was soeben geschehen war, und sagte: »Ich glaube, damit sind wir überfordert.« Wie sollte es also weitergehen? Hans Modrow schickte seine damalige Ausländerbeauftragte, Almuth Berger, und sofort am nächsten Tag gab es eine Sitzung des Präsidiums des Verbandes der jüdischen Gemeinden in der Oranienburger Straße 28, an der schließlich auch Berger teilnahm.

Beim Verband der jüdischen Gemeinden in der DDR waren insgesamt 405 Personen registriert.

Am Dienstag vergangener Woche war Berger zu Gast beim Panel der dreiteiligen Reihe der Deutschen Gesellschaft »Zurück in die Zukunft! Visionen, Hoffnungen und Aufbrüche – 35 Jahre Deutsche Einheit«. Das Schwerpunktthema an diesem Abend lautete »Zukunft teilen – Jüdische Aufbrüche in Deutschland seit 1990«.

Mit auf dem Podium: die Publizistin Irene Runge, Juri Rosov, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Rostock, Markus Meckel, SPD-Politiker, Marguerite Bertheau, Doktorandin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und der Schriftsteller Dmitrij Kapitelman, der zwar nicht aus seinem neuen Buch Russische Spezialitäten las, aber aus dem Vorgänger Eine Formalie aus Kiew.

Sie sprachen über den vor 35 Jahren gefassten Beschluss, Jüdinnen und Juden die Einreise nach Deutschland zu erlauben, über erste zaghafte Schritte, nicht erkannte Herausforderungen und die große kulturelle Bereicherung. Über Menschen, die kamen und sich teilweise komplett neu erfinden mussten. Waren sie eben noch Ärzte oder Mathematiker, Lehrer oder Musiker gewesen, mussten sie – selbst wenn sie Glück hatten und es schnell ging – zumindest sehr lange darauf warten, dass ihre Berufsabschlüsse anerkannt wurden. Andere von ihnen konnten nie wieder in ihren Beruf zurückkehren, wurden Hausmeister, Kassierer oder machten eine Umschulung.

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Manche bauten sich – gezwungenermaßen – ein komplett neues berufliches Leben auf. Wie auch die Eltern von Dmitrij Kapitelmann. Sein Vater war eigentlich Mathematiker. Der Sohn las am Dienstag aus dem Buch, das seine lange Reise hin zu einem deutschen Pass beschreibt. Es gab Lacher, es gab das, was Kapitelman als Lachen beschreibt, das im Hals stecken bleibt.

»Wir hatten 27 verschiedene Heime zu betreuen.«

Er kam Mitte der 90er-Jahre nach Meerane. Eine Stadt an der sächsisch-thüringischen Landesgrenze. Er war acht Jahre alt und erinnerte sich einmal in einem Interview: »Unser Bus parkte um fünf Uhr morgens vor einem Schloss. Es wurde gerade hell. Ein kleiner Igel saß vor diesem Schloss, und alles war grün – Eindrücke, die ich zuvor noch nicht hatte. Ich kannte ja nur Kiew, und in Meerane sah ich kleine Gassen, Schwanenteiche, Fachwerkhäuschen.« Meerane, Dessau, Stralsund.

Eigentlich war Berlin mit seiner jüdischen Infrastruktur als Ansiedlungsort geplant. Aber die »staatlich aufgedrückte Entscheidung lautete anders, und das hatte zur Folge, dass die Menschen, die ankamen, auf Orte verteilt wurden, die größtenteils sehr weit von den Minigemeinden in der Republik entfernt lagen«, erinnert sich Fischer. »Wir hatten 27 verschiedene Heime zu betreuen«, erinnert sich Fischer, der sagt: »In der Abbruch-DDR hat man am Runden Tisch zwar viel über die Juden gesprochen, aber nicht mit den authentischen Vertretungen wie dem Verband der Jüdischen Gemeinden.«

Und so kam es, dass die Leute »hinter Zittau oder auf einem Segelfliegerberg irgendwo in Sachsen-Anhalt untergebracht« waren. »Ich weiß noch genau, wie ich dort eine Baracke besuchte. Ich begegnete einem Mann, der oben in einem Doppelstockbett saß und die Beine herunterbaumeln ließ. Der Mann war, ergab sich im Gespräch, leitender Chirurg am renommierten Amossow-Institut in Kiew gewesen.

Pianisten aus St.Petersburg, leitende Chirurgen aus Kiew kamen Anfang der 90er.

Kurze Zeit später war er bereits weitergezogen, um eine Stelle in der Schweiz anzutreten. Auch Pianisten aus St. Petersburg, Goldschmiede, Klinikchefs, Direktoren von Großbetrieben und bildende Künstler kamen. »Es waren super Leute dabei und tolle Berufe.« Nicht alle gingen in Gemeinden oder Vereine. Viele hatten gar keinen gelebten Bezug zum Judentum, erfuhren aus Gründen, die ganz unterschiedlich waren, erst später von der jüdischen Herkunft.

Wie Juri Rosov, der heute die Jüdische Gemeinde in Rostock leitet. Jude, erzählt er, war bei ihm in der Schule ein Schimpfwort. Daher war der Moment, in dem er von seinen Eltern – mit sieben, acht Jahren – erfuhr, dass er jüdisch ist, kein schöner. »Ich habe geweint.« Wie, fragt er sich, könne jemand so fast ohne Judentum in der Kindheit heute ein Gemeindevorsitzender sein, der »länger als Angela Merkel im Amt« ist? Es war ein langer und nicht leichter Weg, beschreibt Rosov. Aber »das Leben spielt mit uns manchmal solche Spiele«.

Rosov ist Deutschland dankbar, dass er im Land bleiben konnte – vor allem, weil seine Generation aus der ehemaligen Sowjetunion kam, um für die Kinder eine bessere Zukunft zu schaffen. »Ich habe in den ersten Jahren der Migration von unseren Menschen immer gehört: Wir sind eine verlorene Generation. Aber wir haben das für unsere Kinder gemacht.« Er glaubt, dass Dmitrij Kapitelmans Eltern stolz auf ihren Sohn sind – und sogar Juri Rosov ist stolz auf Dmitrij.

»Ich bin auch stolz auf sie und die ältere Generation«, betont Kapitelman.

Es gebe eine Reihe von jungen jüdischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die erfolgreich sind. Davon konnte Rosovs Generation nur träumen, erzählt er. Dass so viele Zuwanderer, die teilweise, wie es der Rostocker Gemeindevorsitzende ausdrückt, »keine Ahnung vom Judentum« hatten, es geschafft haben, Gemeinden aufzubauen, das sei schon eine beachtliche Leistung. Auch, wenn nicht alles immer einfach oder geradlinig war.

Seit 1991 – dem offiziellen Beginn der Zuwanderung der »Kontingentflüchtlinge« – kamen 200.000 Menschen in die Bundesrepublik. Ohne sie wären die jüdischen Gemeinden und wäre das jüdische Leben heute ganz anders, gäbe es so manche Gemeinde nicht mehr. Denn die Mitgliederzahlen der Gemeinden in der ehemaligen DDR waren überschaubar.

»Ich bin auch stolz auf sie und die ältere Generation«, betont Kapitelman. »Diese Beschreibung, dass da Menschen sind, Juden sind, die nicht mehr wissen, wie eine jüdische Gemeinde funktioniert, das ist die Folge ganz vieler historischer Brüche.« Es sei daher eine historische Leistung, diese historischen Brüche zu überwinden, »bei Widerstand, der nicht aufhört«.

Eine frohe Seite und eine traurige gebe es, erzählt der Schriftsteller: Als Jude sei man bedroht, und er habe keine Gemeinde, mit der er es teilen könne. Die frohe: Er kann darüber in seinen Büchern schreiben und hat ein Publikum in jüdischen Gemeinden, das ihm vielleicht verschlossen geblieben wäre.

Der Mann übrigens, der vor Peter Fischers Haus stand, war, wie sich herausstellte, auch nicht ausschließlich Hühner-Schochet, sondern der Vorsitzende der Gemeinde in Odessa. Er hieß Arkady Litvan und sollte später Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hannover werden. In einem Artikel für die Berliner »taz« wird sich Litvan ein Jahr nach seiner Ankunft erinnern, dass es der 19. Februar 1990 war, als er in Deutschland ankam.

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