Flora

Sehnsucht nach Kirschblüten

Ihr erster Weg führt sie immer in den Garten, der hinter der Synagoge liegt. »Gerade jetzt im Frühling wird es spannend, weil so viele Pflanzen anfangen zu blühen«, sagt Jeanne Bakal, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Trier. Die Blüten der Kirschbäume erahne man schon, sie sind immer mit als Erste dran. Als Jeanne Bakal in den 90er-Jahren als Kontingentflüchtling in die Stadt kam, sei der 1000 Quadratmeter große Garten nichts Besonderes gewesen, da gab es lediglich eine Wiese.

»Meine Familie und ich kommen aus einem Schtetl in Moldawien, wo wir einen kleinen Garten hatten und auch in der Landwirtschaft arbeiteten.« Als Schülerin und später als Studentin musste sie bei den Ernten aushelfen, Äpfel und Weintrauben pflücken und anschließend bei der Verarbeitung mit anfassen. »Ich hatte also einen Bezug zur Landwirtschaft«, sagt sie.

Apfelbäume und Weinstöcke wurden sofort gepflanzt

Mittlerweile ist sie seit mehr als zwölf Jahren Gemeindevorsitzende. Vor Jahren fragte der Hausmeister, Jakow Punduk, vorsichtig, ob man mal ein Bäumchen setzen wolle. Da war Jeanne Bakal sofort begeistert. Seitdem bekommt er auch Unterstützung von Mark Dorfmann, einem Mitarbeiter der Sicherheit. Apfelbäume und Weinstöcke wurden sofort gepflanzt. Ein Problem kam allerdings zutage: Früher gab es auf dem Gelände ein Schwimmbad, weshalb man immer wieder auf alte Pflastersteine stößt. Die neue Synagoge wurde 1958 gebaut. »Wir fürchteten, dass hier nichts wachsen würde – aber es gab ein jüdisches Wunder, und unsere Gebete wurden erhört«, so Bakal. Dünger half allerdings auch.

Ein Berlin-Besuch gab schließlich einen weiteren Anstoß. Jeanne Bakal spazierte durch die »Gärten der Welt«, wo es seit einigen Jahren auch einen jüdischen Garten gibt. »Als ich die Beete und Wege sah, war mein erster Gedanke: So etwas wollen wir auch anlegen. Aber leider haben wir viel Schatten, und Pflanzen brauchen Sonne zum Gedeihen.« Dennoch trug die Inspiration Früchte. Mittlerweile wachsen Blumen, mehrere Apfel-, Kirsch- und Quittenbäume. »Im vergangenen Herbst haben sich die Äste aufgrund der vielen schweren Äpfel regelrecht gen Boden gebogen.« Es sei schön, zu Rosch Haschana die Äpfel aus dem eigenen Synagogengarten beziehen zu können. Aus den Quitten kochten einige Frauen Marmelade.

An einer Pergola blüht im Frühjahr der Blauregen. Die Hecken sind im Lauf der Zeit groß geworden.

Die ukrainischen Frauen, die vor Putins Angriffskrieg geflohen und nach Trier gekommen sind, hatten Sehnsucht nach ihren Gärten und legten Kräuterbeete an. Seitdem blüht im Sommer der Lavendel, Estragon und Rosmarin duften, und die Minze wuchert. »Die Kräuter können wir in der Küche gut gebrauchen.« Doch Jeanne Bakal und ihre Garten-Mitstreiter hatten noch weitere Ideen. So steht in einer geschützten Ecke die sogenannte Friedenspalme, ein schattiger Bereich bekam den Namen »Hoffnungslosigkeit«, und die Rosenbeete werden »Liebesecke« genannt, sagt Bakal lachend.

Der jüngste Baum ist eine Magnolie, die zu Tu Bischwat gepflanzt wurde. Auch zum Verweilen lädt der Garten ein, Sitzbänke stehen bereit. Eine Grünen-Politikerin hat der Gemeinde einen Baum geschenkt, den sie extra aus Israel kommen ließ.

Ein Highlight seien die Gartenkonzerte, die im Sommer stattfinden. Dann werden die Tische geschmückt, die Gemeindemitglieder und viele Interessierte aus der Stadtgesellschaft kommen, und zusammen genießen sie die Natur und die Musik. »Ein Leben ohne Garten ist möglich, aber nicht so schön«, meint Jeanne Bakal.

Die Bäume hat er schon beschnitten, ebenso den Weinstock und die Rosen

Das würden Wladimir und Ryma sofort unterschreiben. Ehrenamtlich kümmern sich die beiden, die ihre Familiennamen nicht in der Zeitung lesen wollen, um den Garten der Israelitischen Religionsgemeinde Rottweil/Villingen-Schwenningen. »Ich habe gerade viel zu tun«, sagt Wladimir, der aus der Ukraine stammt. Die Bäume hat er schon beschnitten, ebenso den Weinstock und die Rosen, und heute will er noch den Wein anbinden.

In seiner Heimatstadt hatte er einen großen Garten, in dem er Gemüse anbaute und sich um die Obstbäume kümmerte. Doch seit ein paar Jahren lebt er in Rottweil. Nun hat er 700 Quadratmeter im Auge: »Meine Lieblingsbeschäftigung«, sagt er. Dort wachsen verschiedene Apfel-, Süß- und Sauerkirsch-, Birnen- und Zwetschgenbäume. »Die Äpfel sind rechtzeitig zu Rosch Haschana reif«, sagt Ryma. Ebenso die Brombeeren, die schwarzen und roten Johannisbeeren und die Stachelbeeren.

»Ryma und Wladimir sind beide Spezialisten. Sie sind ein Segen für uns«, meint Tatjana Malafy. Sie erfreut sich immer an den Ergebnissen ihrer Arbeit: »Ich hätte nie gedacht, dass Rosen so lange und intensiv von Mai bis Oktober in vielen Farben blühen können.« Ein Olivenbaum lässt es sich dort auch gut gehen und überstand sogar die Minustemperaturen. Aber der Garten ist nicht nur fürs Auge da. »Wir holen zu Lag BaOmer den Grill raus, tanzen und singen«, so Tatjana Malafy.

Von Frühjahr bis Herbst blühe eigentlich immer etwas

Auch in den Beeten der Jüdischen Ge­meinde Göttingen blüht es bereits: Schneeglöckchen, Krokusse und Narzissen. Der Garten ist mit mehreren Tausend Quadratmetern so groß, dass die Hälfte der Fläche verpachtet wird. »Wir haben Glück, dass unsere Nachbarn so große Gartenliebhaber sind und wir auf ihren schönen Staudengarten schauen können«, sagt Susanne Levi-Schlesier, Geschäftsführerin der Gemeinde. Von Frühjahr bis Herbst blühe eigentlich immer etwas. Das sei ein Gewinn für die Gemeinde. Vogelhäuschen und Bienenhotel sind ebenfalls angebracht.

Die Göttinger Gemeinde wurde 1994 wiederbelebt, sechs Jahre später konnte sie das Grundstück mit einem Fachwerkhaus von einer evangelischen Kirchengemeinde kaufen. Schließlich wurde eine sogenannte Landsynagoge in Bodenfelde, einem kleinen Ort in Niedersachsen, entdeckt und erworben, die von dort auf das Grundstück transloziert wurde. Die Synagoge im Fachwerkstil stand und steht wieder auf einem quadratischen Buntsandsteinsockel mit einer Seitenlänge von acht Metern. Ihr Fachwerk ist schlicht und schmucklos gehalten. 2007 konnte das Richtfest gefeiert werden.

Nahe am Grill wurde ein Kräuterbeet angelegt

An einer Pergola blüht im Frühjahr der Blauregen. Die Hecken sind im Laufe der Zeit groß geworden. »Wenn das Wetter schön ist und wir etwas zu feiern haben, stellen wir Tische und Bänke auf und backen in unserem Outdoor-Ofen Pizza, und an Lag BaOmer grillen wir.« Nahe am Grill wurde ein Kräuterbeet angelegt, sodass man sich rasch an Gewürzen bedienen kann. Der Hausmeister ist fürs Rasenmähen zuständig und harkt das viele Laub, das auch von den Bäumen kommt, die auf dem Stadtwall stehen. Ein Nachbar kümmert sich um die weitere Gartenpflege.

Die wahrscheinlich kleinste Synagoge Europas steht in einem großen Garten in Bayern.

Eine eigene Meinung, wie intensiv man den Garten, in dem seine Synagoge steht, bearbeiten muss, hat Isak Schilling im bayrischen Kiefersfelden. »Ich mähe zweimal im Jahr die Wiese, das reicht«, sagt er. »Es blüht in den wärmeren Monaten immer etwas.« Blauregen wächst auch hier. »Gemüse anbauen wäre mir zu anstrengend.« Im Teich schwimmen Goldfische. So kann er sich an Libellen und Schmetterlingen erfreuen, die er immer wieder aufs Neue entdeckt. Jüngst konnte er Rehe in seinem Garten beobachten.

Irgendwann begann er, einen Pavillon anzulegen

In den 90er-Jahren erwarb er einen der wahrscheinlich ältesten Bauernhöfe im bayerischen Inntal. Mehr als 500 Jahre alt soll dieser sein. Das Haus renovierte er. Dazu gehört auch ein mehrere Tausend Quadratmeter großer Garten. Irgendwann begann er, einen Pavillon anzulegen – sechs Jahre später ist daraus eine Rundsynagoge mit 18 Sitzplätzen, zwei Säulen im Eingangsbereich und Blick auf die Alpen geworden. Gottesdienste werden hier gefeiert. »Wahrscheinlich ist meine Synagoge die kleinste Europas«, sagt Schilling, der polnisch-jüdische Wurzeln hat, in einem DP-Lager in Wolfratshausen geboren wurde und Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München ist.

Für Isak Schilling sind Garten und Synagoge ein Ort des Miteinanders der Generationen und Kulturen. Er organisiert regelmäßig interkulturelle Events und fördert die Integration und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Kulturen. Sehr gern sitzt er hier mit seinen Gästen, inmitten von Vogelgezwitscher, mit Blick auf die Berge – und diskutiert über Gott und die Welt.

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