München

Neues aus Jiddischland

Kenner des Jiddischen: Kalman Weiser Foto: P.J. Blumenthal

München

Neues aus Jiddischland

Kalman Weiser von der York University in Toronto hielt den diesjährigen Scholem-Alejchem-Vortrag

von Ellen Presser  20.06.2019 10:07 Uhr

Zwei Faktoren sind gewiss, wenn Michael Brenner, Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur, und seine Jiddisch-Dozentin Evita Wiecki zum alljährlichen Scholem-Alejchem-Vortrag im Sommertrimester einladen: »a sheyner oylem un heyser veter«. Trotz tropischer Temperaturen kamen wieder viele Könner und Kenner, Freunde und Studierende der jiddischen Sprache zusammen.

Auf dem Programm stand Kalman Weiser mit der Frage: »Vu es gefint zikh die hoyptshtot fun yidishland?« Evita Wiecki scherzte, dass man meinen könnte, diese Hauptstadt läge womöglich in Toronto, weil von dort bereits der dritte Jiddisch-Spezialist eingeladen wurde.

ns-zeit Kalman, auf Jiddisch »Kalmen« ausgesprochen, erscheint in seinem Profil auf der Webseite der York University in Toronto als Keith Weiser. Vor 15 Jahren zog der 1973 in Brooklyn/New York geborene »meyven af der geshikte fun der yidisher kultur in Poyln« nach Toronto, wo er sich als Spezialist des Jiddischen derzeit mit der jiddischen Sprache und ihrer politischen Entwicklung während der NS-Zeit befasst. Jiddisch lernte er von seinem Vater und spricht es konsequent mit seinen fünf und sechs Jahre alten Töchtern.

Trotzdem gibt Weiser sich keiner Illusion hin. Mit elf Millionen Menschen, die vor dem Zweiten Weltkrieg Jiddisch sprachen oder verstanden, war es eine globale Sprache. Jiddischland, ein Begriff der durch die Presse verbreitet wurde, umfasste etwas anderes als ein Land mit zusammenhängendem Territorium. Es konnte sogar im PEN-Klub Mitglied sein. Heute vermutet Weiser rund 200.000 Jiddisch sprechende Menschen weltweit; insgesamt eine halbe Million dürfte Jiddisch gut verstehen.

Höchst »lebedik« nahm Kalman Weiser seine Zuhörer mit auf Spurensuche. Die Verwerfungen des untergehenden Zarenreichs und des Ersten Weltkriegs beeinflussten das Leben in Dörfern, Schtetln und Städten tiefgreifend. Der jiddische Philologe, Anwalt und Politiker Noah Prylucki meinte sogar, »die anarchistische Republik von Jiddisch« brauche eine Hauptstadt und Ministerien.

wilner-mythos Und damit landet man schnell beim »Wilner-Mythos«, der »Wiege der modernen jiddischen und hebräischen Kultur«, nach 1922 eigentlich eine arme Stadt an der Peripherie der neuen polnischen Republik. Das »litvische«, misnagdische, rationale, asketische Wilna war das Zentrum jiddischistischer Tätigkeit, während das »poylische«, einerseits chassidische, andererseits polonisiert-sä­kulare Warschau zur Metropole moderner jiddischer Kultur mit über 300.000 jüdischen Einwohnern avancierte.

Neben dieser freundschaftlichen Rivalität sei auch nicht der Wettbewerb der jiddischen Presse in Berlin, Kiew und New York zu vergessen. Für die diesjährigen Sponsoren David Stopnitzer und seine Frau Sara, geborene Lehrer, war dieser Vortrag eine »nu-e«, ein richtiges Vergnügen. Beide lernten in ihren Elternhäusern übrigens eine weitere Variante des Jiddischen, wie sie einst in Galizien hejmisch war.

TV-Tipp

Doku über Margot Friedländer am Holocaust-Gedenktag - Gegen das Vergessen

Nicht nur für sechs Millionen Juden, sondern für alle unschuldig Ermordeten des Nazi-Regimes wollte Margot Friedländer immer als Überlebende des Holocaust sprechen - zum Beispiel in diesem bewegenden Dokumentarfilm

von Jan Lehr  22.01.2026

Deutschland

»Sie ist ein Teil von mir«

Dritte Generation: Wie gehen Enkelkinder mit den Überlebensgeschichten ihrer Großeltern während der Schoa um?

von Christine Schmitt  22.01.2026

Literatur

Positives Chaos

Die Schriftstellerin Mirna Funk stellte in München ihren neuen Roman »Balagan« über eine Familiengeschichte zwischen Berlin und Tel Aviv vor

von Helen Richter  22.01.2026

Berlin

Die Lehren der »Zöglinge«

Im Begegnungsort Jüdisches Waisenhaus treffen Jugendliche auf die Geschichte von Leslie Baruch Brent

von Sören Kittel  22.01.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Januar bis zum 29. Januar

 21.01.2026

Auszeichnung

Großer Kunstpreis Berlin geht 2026 an Meredith Monk

Die sechs Sektionen der Akademie der Künste wechseln sich bei der Vergabe des Großen Kunstpreises Berlin ab. In diesem Jahr ist die Sparte Musik dran. Sie ehrt eine US-amerikanische Sängerin und Komponistin

 21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026

München

Ein lebendiger Ort der Begegnung

Das neue Familienzentrum lud in der Reichenbachstraße zu einem »gemein(de)samen« Nachmittag ein

von Esther Martel  20.01.2026

Würdigung

Oldenburgerin Elke Heger erhält den Albrecht Weinberg-Preis

Die Oldenburger Pädagogin Elke Heger erhält für ihr jahrzehntelanges Engagement für die Gemeinschaft zwischen Juden und Christen den Albrecht Weinberg-Preis. Zur Verleihung wird der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies erwartet

 20.01.2026