Frankfurt

Neuer Mittelpunkt des intellektuellen jüdischen Lebens

Die Stadt Frankfurt am Main stellt ein ehemaliges Professorenhaus und ein angrenzendes freies Grundstück am Rand des geplanten Kulturcampus zur Verfügung. Foto: Thinkstock

Sie soll ein neuer Mittelpunkt des intellektuellen jüdischen Lebens werden: die Jüdische Akademie in Frankfurt am Main. So hat es der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, einmal formuliert. Der Zentralrat ist Bauherr des 34,5 Millionen Euro teuren Projekts.

Die Akademie als überregionale und bundesweit einzige Bildungs- und Begegnungsstätte dieser Art war lange in Planung, nun steht sie in den Startlöchern. Baustart ist an diesem Donnerstag - mit einem ersten Spatenstich im Beisein des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) und Staatssekretär Markus Kerber.

Bis die ersten Seminare oder Konferenzen auf dem Kulturcampusareal an der Senckenberganlage stattfinden, dauert es aber noch. Die Akademie soll Ende 2023 fertiggestellt sein und 2024 ihren Betrieb aufnehmen. Entworfen hat sie der Frankfurter Architekt Zvonko Turkali. Sein Konzept sieht vor, dass das Gebäude aus einem Neubau und einer denkmalgeschützten Bestandsvilla entsteht, die verbunden werden. Die Kosten, die auch Gelder für Sicherheitsmaßnahmen umfassen, teilen sich Bund, Land, Stadt und Zentralrat.

Die »Denkfabrik« wird in einer Metropole errichtet, in der die Bildungsabteilung des Zentralrats ihren Sitz hat. Zugleich ist in Frankfurt eine der vier größten jüdischen Gemeinden Deutschlands mit nach eigenen Angaben 6500 bis 7.000 Mitgliedern beheimatet - bei entsprechender Infrastruktur. Angeboten werden von der Einheitsgemeinde Gottesdienste für eine orthodoxe bis hin zu einer liberalen Ausrichtung. Es gibt ein Gemeindezentrum, Kitas, Schulen, soziale Angebote und Friedhöfe.

Neben der Bildungsabteilung des Zentralrats haben darüber hinaus die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, der Jüdische Turn- und Sportverband Makkabi sowie ein Jüdisches Museum ihren Sitz am Main. Und nicht zu vergessen: die vielen Einkaufsmöglichkeiten und Lokale mit koscheren Produkten.

Frankfurt hat zudem eine alte jüdische Tradition - die Anfänge gehen zurück bis ins zwölfte Jahrhundert. Vor der Schoa war die Stadt einer der wichtigsten Schauplätze für die Geschichte des liberalen Judentums. Reformrabbiner wie Caesar Seligmann und Georg Salzberger wirkten dort, aufseiten der Orthodoxie Samson Raphael Hirsch, Gründer der modernen Orthodoxie. Viele Juden hatten auch wichtige Funktionen in der Kultur- und Politikszene.

In diese Umgebung hinein kommt also die Jüdische Akademie, die sich laut Schuster in der Tradition des in den 1920er-Jahren gegründeten Jüdischen Lehrhauses und zugleich als ein »moderner Ort jüdischen Denkens« versteht. Und den interreligiösen Dialog pflegen will. Nicht zuletzt entsteht die Bildungseinrichtung nach dem Vorbild der katholischen und evangelischen Akademien.

»Es bestehen seit jeher enge Kooperationen mit den christlichen Akademien sowie zu verschiedenen Universitäten, die dann entsprechend institutionell ausgebaut werden«, betont der Zentralrat. Zudem reihe sich die geplante Akademie in die intellektuelle Landschaft der Stadt ein und setze auf eine Zusammenarbeit etwa mit dem Jüdischen Museum und der Goethe-Universität.

»Die Akademie wird die Arbeit der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden fortführen und ausbauen«, erklärt der Zentralrat. Die bisherige Leiterin der Bildungsabteilung, Sabena Donath, werde das gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Direktor, Doron Kiesel, managen.

Inhaltlich sollen in Seminaren, Workshops und Konferenzen Themen aus jüdischer Perspektive behandelt werden. »Diese umfassen Diskurse zur jüdischen Religion und Tradition, ebenso wie gegenwartsbezogene Themen der heutigen jüdischen Gemeinschaft«, so der Zentralrat. »Die thematischen Spektren reichen von jüdischer Philosophie und Ethik bis hin zur zeitgenössischen israelischen Literatur und Film.«

Anknüpfend an die Arbeit der Bildungsabteilung werde es Angebote für innerjüdische Debatten ebenso geben wie Formate, die zum Beispiel »politische Spannungsverhältnisse« in Bezug auf Antisemitismus und Rechtspopulismus behandeln. Und: Die Angebote sollen ausdrücklich sowohl die jüdische Gemeinschaft als auch die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft erreichen.

Lesen Sie mehr zu der Akademie in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

Tu Bischwat

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