Porträt der Woche

Mit der Tradition in Kontakt

»Mit der universellen Sprache der Musik will ich an die Menschlichkeit in jedem Einzelnen appellieren«: Nur Ben Shalom (28) lebt in Berlin. Foto: Uwe Steinert

Porträt der Woche

Mit der Tradition in Kontakt

Der 28-Jährige Nur Ben Shalom ist Klarinettist und entdeckt vergessene jüdische Komponisten wieder

von Jérôme Lombard  30.06.2019 01:46 Uhr

Die Musik ist die große Liebe meines Lebens. Schon als kleiner Junge wusste ich, dass ich einmal Musiker werden möchte, wenn ich groß bin. Mit zehn Jahren habe ich in meiner Heimatstadt Tel Aviv angefangen, Klarinette zu spielen. Meine Lehrer waren damals Professor Izhak Katap und Professorin Eva Wassermann, in deren Konservatorium ich viel gelernt habe.

Ich bin jetzt 28 Jahre alt, und die Klarinette begleitet mich seit meiner Kindheit. Um ehrlich zu sein, habe ich mich auch nie groß für andere Musikinstrumente interessiert. Sie ist ein so wunderbares und ausgesprochen vielseitiges Blasinstrument. Man kann damit sowohl klassische Werke von Brahms und Mozart spielen als auch osteuropäische Volksweisen oder arabisch-orientalische Stücke.

FRÖHLICH Wie die Violine ist die Klarinette aufs Engste mit dem Judentum verbunden. Die Klezmermusik ist ohne dieses Ins­trument gar nicht denkbar. Ich würde sogar sagen, dass der Klang der Klezmer-Klarinette nahezu sinnbildlich geworden ist für jüdische Instrumentalmusik und insgesamt die jüdische Musiktradition kennzeichnet. Mit ihr kann ich fröhliche, lustige und heitere Stücke, aber auch traurige und kontemplative Lieder spielen. Sie ist wie ein Mensch mit wechselnden Gefühlen, wie eine enge Freundin oder ein guter Freund.

Ich wuchs mit beiden Welten auf – der jüdischen und der arabischen.

Wenn ich spiele, bin ich bei mir selbst. Ich schalte ab und kann mich voll und ganz auf meine Musik und die Kommunikation mit dem Publikum konzentrieren. Ich würde fast sagen, dass ich lieber über Musik als über Sprache mit anderen kommuniziere. Denn gleich, welche Sprachen die Menschen auch sprechen, den universellen Klang von Musik versteht jeder. Dieses die Menschen verbindende Element der Musik gleich welchen Stils finde ich besonders in unserer schnelllebigen und häufig von Konflikten geprägten Welt sehr wichtig.

JAFFA Schon seit elf Jahren lebe ich in Berlin. Ursprünglich bin ich hergekommen, um an der renommierten Hochschule für Musik Hanns Eisler bei dem bekannten Professor Diethelm Kühn zu studieren. Absichten, dauerhaft in Deutschland zu bleiben, hatte ich darüber hinaus eigentlich nicht. Jetzt bin ich schon so viele Jahre hier und fühle mich wohl.

Familiäre Bezüge hatte ich zu Deutschland und Berlin nicht, zur deutschen Sprache und Kultur allerdings durchaus. Mein Großvater väterlicherseits stammte aus Wien, die Großeltern meiner Mutter kamen aus Galizien. Eine besondere musikalische Traditionslinie gibt es in meiner Familie nicht. Nur meine Großtante, Salomea Ochs Luft, war Pianistin. Sie wurde während der Schoa in einem Ghetto im besetzten Polen ermordet.

Ich bin als verwöhntes Einzelkind in Jaffa aufgewachsen.

Ich bin in Israel geboren und als verwöhntes Einzelkind in Jaffa aufgewachsen. Mein Vater ist Professor für Jüdische Geschichte in Jerusalem. Meine Mutter arbeitet als Kuratorin für verschiedene Ausstellungen und als Filmregisseurin. Jaffa ist bis heute ein sowohl von der jüdischen als auch von der arabisch-muslimischen Kultur geprägtes Viertel. Ich bin mit diesen zwei Welten groß geworden. Hebräisch ist meine Muttersprache, in der Schule habe ich auch ein wenig Arabisch gelernt. Als Jugendlicher habe ich als Klarinettist im Arab Jewish Orchestra in Israel gespielt. Als Solist habe ich zudem mit dem Raanana Symphonette, dem Ashdod Symphony und dem Jerusalem Chamber Orchestra gespielt.

ENSEMBLE In Berlin habe ich inzwischen mit weiteren Orchestern konzertiert, darunter dem Berliner Sinfonieorchester und dem Orchester der Deutschen Oper. Auch mit dem Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth habe ich schon gespielt.

Momentan bin ich viel mit dem 2015 in Berlin gegründeten Nimrod-Ensemble unterwegs, wo ich zusammen mit einer Schweizer Bratschistin, einer italienischen Violinistin und einem belgischen Pianisten musiziere. Unser Anspruch ist es, durch unsere Musik die Freundschaften zwischen uns und unserem Publikum zu vertiefen.

Nimrod war der Spitzname von August Jaeger, dem engsten Freund des britischen Komponisten Edward Elgar. Elgar widmete seinem Freund die neunte seiner Enigma-Variationen. Dieses wunderbare Beispiel einer durch Musik ausgedrückten Freundschaft wollen wir uns als Ensemble zum Vorbild nehmen.

Ich sehe es als meine Aufgabe als jüdischer Musiker, Menschen zusammenzubringen.

HERZENSSACHE Neben meiner Arbeit im Nimrod-Ensemble und anderen musikalischen Engagements konzentriere ich mich derzeit auf meine Herzensangelegenheit: das Erforschen und Spielen von Stücken vergessener jüdischer Komponisten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Vor allem in Osteuropa gab es vor der Schoa eine so reiche jüdisch geprägte Musikkultur, die die Nationalsozialisten zerstört haben. Diesen Triumph will ich ihnen nicht lassen und die musikalischen Genies, die heute weitgehend unbekannt sind, wieder ins Zentrum des Musikbetriebs rücken.

Im vergangenen Jahr habe ich gemeinsam mit anderen israelischen Musikern anlässlich der Gedenkstunde an die Pogromnacht vom 9. November 1938 im Bundestag gespielt. Am Jahrestag des Beginns des Aufstands im Warschauer Ghetto am 19. April 1943 – der Tag fiel in diesem Jahr mit dem christlichen Karfreitag zusammen – habe ich gemeinsam mit Superintendent Michael Raddatz in der Apostel-Paulus-Kirche in Berlin-Schöneberg einen musikalischen Gottesdienst gestaltet.

Gemeinsam mit einem Kammermusikensemble habe ich dabei Lieder von Komponisten aus dem Warschauer Ghetto gespielt. Der Superintendent hat Psalmen und Gebete vorgetragen. Diese Mischung aus Musik und religiöser Zeremonie fand ich überaus spannend. Es war insgesamt ein großartiges Erlebnis, das sicherlich eine Menge Menschen zum Nachdenken angeregt hat. Ich bin der Gemeinde für diese Chance sehr dankbar. Und ich finde es überaus mutig, an einem hohen religiösen Feiertag gleichzeitig eines so dunklen Geschichtskapitels zu gedenken.

BRIEF Während des Gottesdienstes wurden auch Teile eines Briefes vorgetragen, den meine Großtante, die Pianistin, im Ghetto kurz vor ihrer Ermordung durch die Nationalsozialisten geschrieben hatte. Dieser zwölf Seiten lange Text begleitet mich schon mein ganzes Leben. Ich bin mit dem Wissen über ihn aufgewachsen.

Während des Gottesdienstes in Erinnerung an den Ghettoaufstand in Warschau wurde ein Brief meiner Großtante vorgelesen.

Wenn man den Brief liest, ist man zunächst einmal überwältigt. Er ist wie ein Bericht aus der Hölle. Diesen für unsere Familie so wichtigen Text jetzt einmal veröffentlicht zu haben, war ein sehr emotionales Ereignis für meine Eltern, die extra für den Gottesdienst nach Berlin gekommen waren, und für mich persönlich.

Auch wenn ich im religiösen Sinne säkular lebe, bin ich mir meiner Herkunft als jüdischer Israeli sehr bewusst. In Berlin, wo die Geschichte bei jedem Spaziergang präsent ist, wird mir dies einmal mehr ganz deutlich. Ich bin in Berlin zu Hause und fühle mich gut. Ich habe derzeit keine Pläne, dauerhaft an einen anderen Ort zu ziehen.

Als dritte Generation von Schoa-Überlebenden frage ich mich aber auch, was meine Großeltern darüber denken würden, dass ich heute in Deutschland lebe. Darauf gibt es keine Antwort. Ich muss für mich selbst herausfinden, was mir guttut und wo ich mich wohlfühle. Und das ist in Berlin definitiv der Fall.

FAMILIE Tel Aviv ist meine Heimat und wird es auch immer bleiben. Allerdings sind Tel Aviv und Berlin Städte mit einer ähnlichen DNA. Beide Metropolen sind jung und kreativ. Nicht umsonst fühlen sich viele Menschen aus Tel Aviv in Berlin so wohl und umgekehrt. Für einen Musiker ist Berlin jedenfalls das perfekte Umfeld. Hier findet man schnell Gleichgesinnte und Interessierte aus aller Welt.

Ich fliege auch gerne zu meinen Eltern nach Israel. Neben meiner Familie leben viele gute Freunde dort, die ich zum Teil schon seit meiner Jugend kenne. Es war mir immer wichtig, meinen eigenen Weg zu gehen. Und dieser war für mich seit jeher mit Musik verbunden.

Ich gehe nicht in die Synagoge und lebe auch nicht religiös-traditionell. Trotzdem fühle ich mich durch meine Musik und als klassischer Musiker mit der jüdischen Tradition im Kontakt. Ich sehe es als meine Aufgabe als jüdischer Musiker, Menschen zusammenzubringen.

Ich bin kein Politiker, der eine spezifische Botschaft voranbringen will. Mir ist wichtig, mit der universellen Sprache der Musik an die Menschlichkeit eines jeden Einzelnen zu appellieren und somit Brücken zwischen den Religionen und Kulturen zu bauen.

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