Porträt der Woche

Meisterin des Spagats

»Ich habe Kriege erlebt. Diese Erfahrungen prägen meinen Blick auf die Welt«: Naama Freedman (39) aus Hamburg Foto: Michael Kohls

Porträt der Woche

Meisterin des Spagats

Naama Freedman vereint Kunst, Musik, Film und Sprache jenseits der Genregrenzen

von Lorenz Hartwig  06.09.2026 09:29 Uhr

Auf die Frage, woher ich komme, lautet meine kurze Antwort stets: Israel. Die längere erzählt von einer Familiengeschichte, in der ganz unterschiedliche jüdische Lebenswelten zusammenkommen. Die Familie meiner Mutter stammt aus der Ukraine und Lettland, die meines Vaters aus dem Jemen. Mich prägte ein Mischmasch aus unterschiedlichen Traditionen und Geschichten, zusammengehalten von einer gemeinsamen Leidenschaft für Musik.

Mein Großvater diente während des Zweiten Weltkriegs in einer der jüdischen Einheiten der britischen Armee. Nach dem Krieg verantwortete er in einem Displaced Persons Camp in Italien das Kulturprogramm. Als Dirigent leitete er das Orchester und schuf mit der Musik ein Gefühl der Gemeinschaft und des Neuanfangs. Meine Mutter spielte Klarinette und Geige, meine Tante war Klavierlehrerin. Ich erinnere mich an keinen Zeitpunkt in meinem Leben, an dem ich nicht gesungen, getanzt oder musiziert habe.

Fast jedes Wochenende meiner Kindheit verbrachte ich im Kibbuz Shefayim

Fast jedes Wochenende meiner Kindheit verbrachte ich im Kibbuz Shefayim, wo meine Großmutter lebte. Für mich war dieser Ort ein kleines Paradies: das Meer ganz in der Nähe, der Wasserpark und das unbeschwerte Leben im Kibbuz. Diese Zeit hat mich geprägt und gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.

Nach meinem Schulabschluss studierte ich zunächst Philosophie und Geschichte sowie Schauspiel an einer Theaterschule. Nebenbei arbeitete ich als Promoterin in der Klubszene von Tel Aviv und wollte selbst auflegen. Doch die männlich geprägte DJ-Szene öffnete mir kaum Türen. Ich liebe die Stadt und halte sie für die liberalste im ganzen Nahen Osten. Gleichzeitig fühlte sie sich irgendwann wie eine Insel an – umgeben von Ländern, zu denen die Beziehungen bestenfalls kompliziert sind.

Das Gefühl, an Grenzen zu stoßen, wurde immer stärker – nicht nur geografisch, sondern auch künstlerisch. In Europa kann ich heute ein Stipendium in Amsterdam annehmen, kurz darauf für eine Ausstellung nach Italien reisen und anschließend einen Workshop in Schweden geben. Diese Freiheit, sich über Landesgrenzen hinweg künstlerisch zu entfalten, gibt es dort schlicht nicht.

Nach dem 7. Oktober hatte ich das Gefühl, nicht mehr in Amsterdam bleiben zu können.

Im Alter von 30 Jahren beschloss ich, mir endlich den Raum zur Entfaltung zu schaffen, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte. Ich bewarb mich an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg für den Studiengang Multimedia Composition und bekam tatsächlich eine Zusage. Bis dahin war ich nur ein einziges Mal in Hamburg gewesen. Doch schon kurz nach meinem Umzug stellte ich fest, wie ähnlich sich die Hansestadt und Tel Aviv sind. Gut, der Elbstrand sieht nicht aus wie Bograshov Beach. Aber beide Metropolen haben den Charakter eines urbanen Dorfes. Ich kann in meinem Viertel auf die Straße gehen und treffe immer Menschen, die ich kenne.

In der Hamburger Musik- und Kunstszene habe ich schnell Fuß gefasst

In der Hamburger Musik- und Kunstszene habe ich schnell Fuß gefasst. Vielleicht auch deshalb, weil ich Menschen immer auf Augenhöhe begegne und nie darüber nachdenke, wie wichtig oder bekannt jemand ist. Ich stelle niemanden auf ein Podest und komme einfach ins Gespräch. Dass ich Israelin und Jüdin bin, spielte dabei nie eine besondere Rolle. In meinem Freundeskreis und im künstlerischen Umfeld begegnet man mir als Mensch. Bei Konzerten oder DJ-Bookings zählt nicht meine Herkunft, sondern mein Können.

Ich sage immer: Hamburg ist der beste Ort für Jüdinnen und Juden sowie Israelis auf der ganzen Welt – außer natürlich Israel. Denn hier fühle ich mich sehr sicher. In den Niederlanden habe ich das Gegenteil erlebt. Dort habe ich zweieinhalb Jahre lang meinen Master in Multidisziplinärer Kunst gemacht. Ich möchte meine persönlichen Erfahrungen nicht verallgemeinern, aber nach dem 7. Oktober 2023 hatte ich zunehmend das Gefühl, dort nicht mehr bleiben zu können.

In meinem künstlerischen Schaffen kehre ich immer wieder zu dem Philosophen Wittgenstein zurück. Sprache fasziniert mich – ihre Präzision, ihre Grenzen und die Frage, wie Bedeutung entsteht. Deshalb arbeite ich viel mit Text, der für mich oft Ausgangspunkt einer künstlerischen Idee ist. Aus dem Studium habe ich eine analytische Herangehensweise mitgenommen, die mich bis heute prägt. Recherche, genaues Beobachten und konzeptuelles Denken sind für mich genauso wichtig wie Intuition. Ich komme aus der analytischen Philosophie und merke, wie stark dieses Denken auch meine Musik beeinflusst. Strukturen, Systeme und Beziehungen interessieren mich ebenso sehr wie das Improvisieren. Das eine nährt das andere.

Ich mache Dinge nicht »just for fun«

Für mich ist Kunst das Ergebnis einer analytischen und konzeptuellen Auseinandersetzung. Ich mache Dinge nicht »just for fun«. Dafür ist mein eigener Hintergrund zu komplex. Ich komme weder aus privilegierten Verhältnissen noch aus Deutschland. Das macht meine Perspektive nicht besser, aber zu einer anderen. Ich habe Kriege erlebt – viele Menschen hier nicht. Diese Erfahrungen prägen meinen Blick auf die Welt und damit auch meine Arbeiten. Sie sind nicht im klassischen Sinne politisch und wollen auch keine Botschaften vermitteln oder Positionen vertreten.

Gleichzeitig entstehen sie aus einer Biografie, die Fragen nach Identität, Sprache, Herkunft und Zugehörigkeit mit sich bringt. Diese Themen prägen meine künstlerische Perspektive – nicht, weil ich sie illustrieren möchte, sondern weil sie beeinflussen, wie ich denke und handle. So unterschiedlich die Bereiche sind, in denen ich tätig bin, eines haben sie gemeinsam: Ich verbringe viel Zeit allein. Wenn ich eine Performance vorbereite, gehe ich in meinen Probenraum, wo mein ganzes Equipment steht. Vor einem DJ-Set sitze ich stundenlang am Computer oder stöbere durch Schallplatten. Und wenn eine Ausstellung ansteht, verbringe ich ebenfalls viele Stunden am Rechner mit Sounddesign, Video-Editing und allem, was dazugehört.

Film ist für mich eines der faszinierendsten Medien überhaupt.

Film ist für mich eines der faszinierendsten Medien überhaupt. Besonders liebe ich italienische und französische Filme der 50er-Jahre sowie den deutschen Expressionismus. Ich habe selbst einige Kurzfilme und Videoarbeiten realisiert. Seit zwei Jahren kuratiere ich außerdem die Konzertreihe »Cinéma Sonore«, bei der ich klassische Stummfilme mit einem experimentellen, oft improvisierten Live-Soundtrack begleite. Die Reihe war unter anderem im Schauspielhaus und im »Golden Pudel Club« zu sehen, gastiert erstmals in Stuttgart und bald auch in Berlin.

Mich reizt dabei vor allem, wie Kunst innere Zustände erlebbar machen kann. Genau von dort aus führt mich mein Interesse zur menschlichen Psyche. Deshalb habe ich mehrere Arbeiten entwickelt, die auf Aussagen von Serienmördern basieren. Denn wenn wir sie nur als Monster betrachten, lernen wir nichts über die Mechanismen menschlichen Handelns.

Ich dekonstruiere Interviews, setze ihre Aussagen neu zusammen und forme daraus Skulpturen aus Sprache. Besonders interessieren mich die Momente, in denen sie über Gefühle sprechen oder versuchen, sich selbst zu erklären. Diese Texte performe ich, als wären es meine eigenen Gedanken und Erinnerungen. So entsteht ein Moment der Identifikation – nicht mit den Taten, sondern mit den menschlichen Emotionen und Widersprüchen, die darin sichtbar werden. Die Kraft dieser Textskulpturen entsteht, sobald die Menschen im Publikum sich selbst darin wiedererkennen und zu reflektieren beginnen.

Die Widersprüche im Menschen enden für mich nicht in der Kunst

Die Widersprüche im Menschen enden für mich nicht in der Kunst. Ich finde sie auch in meiner eigenen Person. Ich kann mir nicht vorstellen, wieder nach Israel zu ziehen. Hamburg ist für mich keine zweite Heimat, sondern mein Zuhause. Hier habe ich mir alles mit meinen eigenen Händen aufgebaut. In Israel müsste ich wieder neu anfangen. Zwar habe ich ein Netzwerk, was gerade in der Kunst entscheidend ist, aber das braucht Pflege. Außerdem verändert sich in Israel alles unglaublich schnell.

Vielleicht sind das jüdische Überlebensgene: Ein Ort verschließt sich, der nächste öffnet sich. Alles ist ständig in Bewegung. In Norddeutschland dagegen ist das Tempo viel gemächlicher. Und genau darin liegt mein Dilemma: Oft sind es dieselben Eigenschaften, die ich an diesem Ort am meisten liebe, die mich manchmal zur Verzweiflung bringen.

Aufgezeichnet von Lorenz Hartwig

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