Hamburg

Mehr JSUD denn je

Die scheidende Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) schaut auf die Uhr. Man ist mal wieder spät dran, weiß Hanna Veiler. Nicht untypisch für eine Vollversammlung der Repräsentanz junger Jüdinnen und Juden im Alter von 18 bis 35. Doch das ist auch schon das Einzige an diesem Tag in einem Hotel in Hamburg-Bergedorf, das gewöhnlich ist.

Denn so viel JSUD gab es noch nie: Über 600 Personen haben sich für das Treffen angemeldet, viele von ihnen sind online zugeschaltet. Rekord. Auch die Anzahl von neun Kandidatinnen und Kandidaten für den JSUD-Vorstand dürfte bisher unübertroffen sein. In dem Saal liegt Aufregung in der Luft, es wird angeregt miteinander gesprochen. Schließlich beugt sich Veiler zum Mikrofon: Die Vollversammlung ist eröffnet.

Am Sonntag kam die JSUD im Rahmen des Jugendkongresses der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) und des Zentralrats der Juden zusammen, um sich über ihre Positionen zu verständigen und eine neue Spitze zu bestimmen. Zu vergeben waren neben der Präsidentschaft vier weitere Vorstandsposten. Doch bis zur Wahl mussten sich die Anwesenden noch etwas gedulden.

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Abraham Lehrer: »Ihr jungen Menschen, ihr seid stark.«

Zunächst die Grußworte. Abraham Lehrer zeigt sich beeindruckt von dem Engagement der jüdischen Studierenden. »Ihr jungen Menschen, ihr seid stark«, sagt der Präsident der ZWST und Vize-Präsident des Zentralrats. Trotz des grassierenden Antisemitismus an den Hochschulen stünden die Aktiven der JSUD »wie ein Fels«.

Marat Schlafstein blickt auf die noch kurze Geschichte der JSUD zurück, die 2016 gegründet wurde und nach eigenen Angaben 25.000 junge Jüdinnen und Juden in Deutschland vertritt. Dass der Verband so schnell so relevant werden würde, hätte der Jugendreferent des Zentralrats nie für möglich gehalten. »Sie alle haben bemerkenswerte Arbeit geleistet«, sagt Schlafstein über die bisherigen JSUD-Vorstände, und an Hanna Veiler gerichtet: »Du hast die JSUD in den vergangenen Jahren geprägt und auf ein neues Level gehoben.«

Veiler tritt nach vier Jahren im Vorstand und zwei als Präsidentin nicht erneut an. »Für die JSUD ist die Zeit für neue Ideen und einen Generationenwechsel gekommen«, hatte sie ihre Entscheidung zuvor in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen begründet. Sie selbst wolle nach dem starken Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl Deutschland auf absehbare Zeit verlassen. Dem jüdischen Aktivismus bleibe sie aber erhalten.

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Auf der Vollversammlung in Hamburg wird Veiler für ihre Arbeit noch einmal gefeiert. Es wird ein emotionales Video gezeigt, in dem zahlreiche ihrer Weggefährten beschreiben, was ihnen die gemeinsame Zeit bedeutet hat. Anschließend Standing Ovations und der Sprechchor: »Hanna, Hanna, Hanna!« Da bleibt kaum ein Auge trocken. Für sie sei die Zeit bei der JSUD die größte Ehre ihres Lebens gewesen, sagt Veiler. Sie habe die Chance gehabt, »das Leben von jungen Menschen zu prägen und zu verbessern«.

Diese Ehre wird nun Ron Dekel zuteil. Der Neue an der JSUD-Spitze ist 23 Jahre alt, lebt in München und studiert Politikwissenschaft. So frenetisch ist die Freude über seine Wahl zum Präsidenten, dass ihn seine Anhänger anschließend buchstäblich auf Händen tragen. Dekel hatte sich mit 59,7 Prozent der Stimmen gegen den Mitbewerber Noam Petri durchgesetzt, auf den 40,3 Prozent entfielen und der die vergangenen beiden Jahre Vizepräsident der JSUD gewesen war.

Ebenfalls Teil des Vorstands sind künftig Kiril Denisov, Noam Quensel, Naomi Tamir sowie Alexandra Krioukov, die in ihrer Position bestätigt wurde und damit als einzige aus dem vorherigen Vorstand in die neue zweijährige Amtszeit übergeht. Jacob Horowitz und Deborah Kogan, beide im vorherigen Vorstand vertreten, sowie Nicole Pastuhoff konnten sich in der knappen Wahl dagegen nicht durchsetzen.

Mehrere Policy-Anträge werden diskutiert und abgestimmt

Für den neuen Vorstand geht es anschließend gleich mit der Arbeit los. Sichtlich erschöpft von dem intensiven mehrtägigen Jugendkongress und der nervenaufreibenden JSUD-Wahl machen sich die Versammlungsteilnehmer daran, mehrere Policy-Anträge zu diskutieren und abzustimmen.

Eine Mehrheit finden schließlich ein Unvereinbarkeitsbeschluss mit extremistischen Gruppen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, ein Antrag zur besseren Inklusion junger Eltern bei JSUD-Veranstaltungen sowie ein weiterer zur Einrichtung eines interkulturellen Referats.

Und so kehrt zum Abschluss der Vollversammlung doch noch die Routine der politischen Kärrnerarbeit ein. Der neue Vorstand muss nun zeigen, dass er diese genauso gut beherrscht wie Wahlen gewinnen und Siege feiern. Die Fußstapfen, in die sie dabei treten, sind groß.

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