Berlin

Liebe zur deutschen Liturgie

»Ich brauche das Konzertieren und das Feedback«: Amnon Seelig Foto: Gregor Zielke

Amnon Seelig zeigt auf ein Regal in seinem Musikzimmer. »Das sind Bände, in denen die Werke abgedruckt sind, die Louis Lewandowski komponiert hat«, sagt der 31-Jährige. Daneben stehen Noten-Sammlungen von anderen deutsch-jüdischen Kantoren, die viel mehr Platz als die von Lewandowski beanspruchen. »Ich wusste früher gar nicht, dass es so viel jüdische Musik gibt«, sagt Seelig. Der angehende Kantor zieht ein Heft heraus. Auf dem Titelblatt steht »Synagogengesänge von Emanuel Kirschner, 1938«, auf einem anderen wird Max Löwenstamm als Komponist genannt. Beide haben in München als Kantoren amtiert. »Kirschners Werke sind besonders schwer zu singen«, sagt Seelig und hält einen Band von Leo Rosenblüth aus Schweden hoch.

Der Rhythmus weise immer wieder überraschende Wendungen auf, außerdem hat er für Sänger eher schwierige Tonarten ausgesucht. Jede Gemeinde, die sich vor der Schoa einen Kantor leisten konnte, gab bei diesem Werke für die Gottesdienste in Auftrag. »Ich bin auf der Suche und möchte wissen, was es noch für Komponisten gibt«, sagt Seelig.

Er ist ein Fachmann, das merkt man allein daran, wie zielsicher er nach den Notenbänden greift. Und Seelig hat eine Vision: »Ich möchte die Musik dieser Komponisten bekannt machen. Wir deutschen Juden haben eine riesige Tradition, auf die wir zurückgreifen und die wir wiederbeleben können.« Seine Musik sei schön und relevant, bewertet er beispielsweise das Schaffen von Leon Kornitzer, der vor der Schoa Kantor im Israelitischen Tempel in Hamburg war. Aber es gebe keine einzige Aufnahme. »Ich habe mir fest vorgenommen, das nun zu ändern«. Denn mit dem Jüdischen Ensemble Berlin, das Amnon Seelig gegründet hat und das er leitet, will er nun CDs aufnehmen und Konzerte geben.

Debüt Das Ensemble, das aus vier bis acht Sängerinnen und Sängern besteht, hat sich auf Synagogalmusik spezialisiert, die im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland entstanden ist. In Berlin wirkte das Ensemble schon in der Synagoge Herbartstraße, ein offizieller Debütauftritt ist für Chanukka geplant.

Außerdem stehen bereits etliche weitere Termine in Seeligs Kalender. Beispielsweise in Braunschweig, wo er am 9. November bei einem Andachtskonzert Werke des Kantors Hirsch Goldberg vortragen will, der in Holzminden, Seesen und Braunschweig amtierte. Obwohl dieser Melodien geschrieben hat, die immer noch in der Liturgie verwendet werden, sei sein Name unbekannt, so Seelig.

Ende September wird das Ensemble nach Thüringen fahren, um dort am Europäischen Tag der Jüdischen Kultur Werke des Kantors Hermann Ehrlich zu singen. »Seine Musik ist besonders.« In seinen Sammlungen hat Ehrlich eigene Werke festgehalten und Stücke berühmterer Komponisten hinzugefügt, in der Hoffnung, selbst somit nicht so schnell in Vergessenheit zu geraten. Die Noten findet Amnon Seelig in der Bibliothek im Gemeindehaus Fasanenstraße und im Internet auf der Webseite der Uni Frankfurt.

One-Way-Ticket Seit seinem 17. Lebensjahr singt Seelig in einem Synagogenchor, zuerst in Givataijm, einer kleinen Stadt bei Tel Aviv. Nach der Schule und der Militärzeit studierte er Gesang und Musiktheorie in Jerusalem.

Als 2006 die neue Synagoge in München eröffnet wurde, stand für Seelig fest: Er wird mit seinem Synagogenchor aus Israel nach Deutschland zum Auftritt fahren, ohne Rückflugticket – obwohl er damals in Ensembles wie »The Israeli Vocal Singers«, »The Philharmonia Singers Israel« oder dem »Jerusalem Music Academy Chamber Chor« sang und das »The Four Play Quartet« gegründet hatte. »Aber in Deutschland gibt es eine andere kulturelle Tradition als in Israel. Die hat mich angezogen«, sagt er heute.

Ein Großteil seiner Vorfahren stammte aus Deutschland, weshalb ihm die Sprache schon als Kind vertraut war. Auch hatten seine Eltern – beide ebenfalls Musiker – in München studiert, waren aber, als Amnon zwei Jahre alt war, wieder nach Israel zurückgekehrt.

Mit zwei Koffern kam er 2006 in München an. In einem davon hatte er seine selbst geschriebenen Arrangements für die Barbershop-Musik, die er ebenfalls sehr mag. Obwohl er noch nicht wusste, wie er seine nächste Zukunft gestalten will, stand für ihn fest, dass er seine musikalische Ausbildung vertiefen wollte. Schließlich schaffte er es, einen Studienplatz für Gesang in Karlsruhe zu bekommen. Drei Jahre später hatte er seinen Master. Allerdings stellte er fest, dass die Opernbühne nichts für ihn ist. Er sieht sich eher als Liedsänger. Vor allem die Lieder von Gustav Mahler und Franz Schubert gefallen ihm.

Chor Noch während seines Studiums in Karlsruhe war er vom Leiter des Synagogenchores »Schma Kaulenu« München, David Rees, gefragt worden, ob er mitsingen könnte – was er gerne tat. Mittlerweile leitet er ab und zu den Chor und schreibt auch Werke für ihn um.

Durch die Musik lernte Amnon Seelig auch seine Frau Nathalie Siebert kennen. Er sang damals als Gast in einem Berliner Ensemble mit, in dem Natalie Sopranistin war. Wenige Monate später zog er in die Hauptstadt und fing mit seinem dritten Studium an. Sie heirateten, inzwischen haben sie eine gemeinsame Tochter. Am Potsdamer Abraham Geiger Kolleg lässt sich Seelig zum Kantor ausbilden und ist Stipendiat des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks.

Im zweiten Studienjahr absolvierte er sein Pflicht-Praktikum in einer Synagoge. Und das machte er in der Synagoge Rykestraße. »Mein Großvater mütterlicherseits besuchte vor der Schoa dort die Schule, deshalb war es für mich und meine Familie sehr bewegend.« In dem folgenden Jahr amtierte er in der Synagoge Herbartstraße, in dieser Zeit gründete er das Jüdische Ensemble Berlin, das er nun leitet.

Nun ist er im letzten Studienjahr und hofft, diese Ausbildung bereits im nächsten Sommer abschließen zu können. Derzeit sitzt er wieder viel über die Noten gebeugt in seiner Weddinger Wohnung, aber diesmal vor allem deshalb, um sie für seine Masterarbeit zu verwenden. Die schreibt er über Hirsch Goldberg, den Braunschweiger Kantor.

Feedback Seelig hat ein straffes Programm, denn Proben und Konzerte stehen bei ihm auch neben Einsätzen in den Synagogen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in seinem Kalender. »Ich brauche das Konzertieren und das Feedback«, meint der angehende Kantor, der unter anderem im Vocalconsort Berlin, im Kammerchor Stuttgart und in der Rheinischen Kantorei Engagements hatte.

Andererseits: »Wir Musiker leiden darunter, dass wir zu wenig Musik hören«, sagt Amnon Selig. Denn für die Musik, die auf der anderen Seite des Zimmers in den Regalen in Form von CDs verstaut ist, bleibt ihm zu wenig Zeit.

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