Eilig streifen die Kinder Winterjacken und Stiefel ab und decken sich noch schnell mit Salzstangen und Trauben ein, bevor es losgeht. In der Joachimsthaler Straße in Charlottenburg ist am Donnerstagabend einiges los. Während sich die Gemeinde im Erdgeschoss zum Gebet versammelt, wuseln drei Stockwerke darüber knapp zwei Dutzend Kinder durch die Räume des Jugendzentrums »Olam«.
»Ich freue mich so sehr, euch hier heute alle zu sehen«, verkündet Rachel Jann, die die Kinder durch den Abend leitet. »Seid ihr alle bereit?«, fragt sie gespannt in die Runde. »Jaaaaaa!«, antworten die Kinder energisch im Chor. Dann schlägt Rachel das Bilderbuch auf ihrem Schoß auf. »Es war einmal ein Dorf mit einem ganz besonderen Baum«, beginnt sie vorzulesen.
In Der Saftblatt-Baum von Yossi Maaravi geht es um den besagten Baum, aus dessen Blättern sich köstlicher Saft herstellen lässt. Im Verlauf der Geschichte pflücken die Dorfbewohner allerdings so viele Blätter ab, dass der Baum kahl wird und Zeit braucht, um sich zu regenerieren. Passend zum anstehenden Feiertag Tu Bischwat geht es also um das Leben im Einklang mit der Natur und den achtsamen Umgang mit ihr.
Der Leseabend findet im Rahmen des Projektes PJ-Library statt, das Kindern zwischen zwei und acht Jahren anhand von Bilderbüchern jüdische Werte und Traditionen vermitteln will. PJ steht dabei für Pyjama, also die Idee der klassischen Gute-Nacht-Geschichte. Initiiert wurde das Projekt von der Harold Grinspoon Foundation in den USA. Seit 2020 ist das Angebot auch in Deutschland verfügbar.
Weil es in der Geschichte um die Natur geht, hat das Team noch eine Bastelaktion vorbereitet
Der Leseabend wird in Zusammenarbeit mit dem Zentralrat der Juden organisiert und bildet den Auftakt zu weiteren geplanten Veranstaltungen. »Mittlerweile erreicht die PJ-Library in Deutschland rund 2500 Kinder«, berichtet Susanna Schuckmann, Mitarbeiterin im Familienreferat des Zentralrats. Teilnehmende Familien bekommen jeden Monat ein kostenloses Bilderbuch nach Hause. Die Auswahl des jeweiligen Buches des Monats erfolgt durch ein pädagogisch geschultes Team für drei verschiedene Altersgruppen.
Rachel redet mit den Kindern darüber, wie die Dorfbewohner den Saftblatt-Baum besser schützen können. Die Menschen hätten bestimmt nichts Böses gewollt, sondern nur mehr von dem köstlichen Saft, meint die kleine Noemi. Sie sollten aber besser nur ein Blatt abpflücken, ergänzt Lillian, und die anderen pflichten ihr bei.
Weil es in der Geschichte um die Natur geht, hat das Team noch eine Bastelaktion vorbereitet: Als Nächstes schwärmen die Kinder zu den Tischen aus und beginnen, alte Milchkartons in Blumenkästen umzugestalten. Beim Befüllen mit Erde und dem Stecken der Gartenzwiebeln helfen die Eltern. Viele von ihnen kommen regelmäßig mit ihren Kindern her und freuen sich über das neue Angebot.
Es geht ums Zusammensein und die Verbundenheit der Community, berichtet Lilians Mutter. Das gemeinsame Lernen und Erfahren in gemütlicher Atmosphäre soll schon nächsten Monat mit einem Leseabend zu Purim fortgesetzt werden. Die Botschaft des Saftblatt-Baumes scheint die Kinder jedenfalls erreicht zu haben: »Auf die Natur sollte man aufpassen«, fasst Noemi am Ende des Abends zusammen.