Lesemarathon

Leipzig liest im Stundentakt

Autorin Jutta Ditfurth las im Ariowitsch Haus, Christhard Läpple moderierte. Foto: Thyra Veyder-Malberg

Applaus tönt durch das Ariowitsch-Haus, das jüdische Kulturzentrum in Leipzig. Stimmengewirr erhebt sich. Zuhörer suchen ihre Jacken und strömen die große Treppe hinauf, während oben am Eingang schon andere warten, um die Plätze der Gehenden einzunehmen. Eile ist angesagt, gleich fängt die nächste Lesung an, der Autor hat die Bühne schon betreten.

Es ist Buchmesse in Leipzig, und das jüdische Kulturzentrum beteiligt sich mit einem Lesemarathon daran. Unter dem Titel »Jüdische Lebenswelten« wird ein abwechslungsreiches Programm geboten: Romane und Sachbücher, Reiseliteratur und Biografien. Im Stundentakt werden hier – veranstaltet vom Club Bertelsmann, der Zeitschrift Cicero und der Stanford University – Bücher von Autoren präsentiert, die, so formulieren es die Veranstalter, »durch das Schicksal ihrer Familien mit dem jüdischen Thema verwurzelt« sind.

Einer von ihnen ist Yuval Noah Harari. In Israel ist der 38-jährige Geschichtsprofessor eine Art Superstar. Sein jüngstes Buch, in Deutschland eben erst unter dem Titel Eine kurze Geschichte der Menschheit erschienen, ist dort bereits ein Bestseller, seine Vorlesungen werden bei YouTube zehntausendfach aufgerufen, sogar eine eigene TV-Show hat man ihm angeboten.

In Leipzig begegnet man dem Historiker mit freundlichem Interesse. Sein Buch will nicht weniger erzählen, als es der Titel ankündigt, und als ihn Moderatorin Shelly Kupferberg fragt, wie man ein solches Buch schreibt, sagt er, sein wichtigstes Handwerkszeug sei die »Löschen«-Taste seines Computers gewesen. Dann liest die Schauspielerin Artemis Chalkidou einige Textpassagen vor und ist auch schon wieder am Schluss, denn auf der Treppe zum Ausgang sitzt bereits Jutta Ditfurth und wartet auf ihren Auftritt.

Sie hat ein Buch über den Antisemitismus des preußischen Adels im Allgemeinen und den ihrer Vorfahren im Besonderen geschrieben, das den klingenden Titel Der Baron, die Juden und die Nazis trägt. Heute Abend wird sie nicht nur über das Buch selbst sprechen, sondern auch über ihre Motivation, es zu schreiben, und die Reaktionen darauf.

Und wieder wechselt das Publikum, manche bleiben einfach sitzen und rutschen etwas beiseite, um den Neuankömmlingen Platz zu machen. Im Durchschnitt sind es etwa 80 Menschen, die die Lesungen hören, schätzt ein Helfer. Die bekannteren Namen – unter ihnen auch Abraham B. Jehoschua oder Andreas Altmann – ziehen mehr Publikum an. Die meisten Besucher kommen gezielt zu einer Lesung – und nehmen dank des straffen Organisationsablaufs noch andere mit.

»Wir sind wegen Jutta Ditfurth gekommen«, erzählt eine Dame mittleren Alters, »und sind so froh, dass wir zu früh hier waren und Yuval Harari noch mitbekommen haben. Leider haben wir einen Tisch reserviert, sonst würden wir noch bleiben.« Ein Herr war mit seiner Tochter da, um David Safier zu sehen. Das Mädchen hält inzwischen glücklich ihr frisch signiertes Exemplar seines Romans 28 Tage in Händen. Leise gehen sie Richtung Ausgang – die nächste Lesung hat schon angefangen.

Das Ariowitsch-Haus ist übrigens nicht nur zur Buchmesse geöffnet. Schon am 20. März geht es in der Hinrichsenstraße wieder um Literatur. Unter der Überschrift Herzland Bukowina wird deutsch-jüdische Dichtung aus Osteuropa vorgestellt. Und auch die Autoren sind nicht für immer aus der Welt. Yuval Harari etwa hofft, im Sommer auf Lesetour nach Deutschland zu kommen.

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Januar bis zum 29. Januar

 21.01.2026

Auszeichnung

Großer Kunstpreis Berlin geht 2026 an Meredith Monk

Die sechs Sektionen der Akademie der Künste wechseln sich bei der Vergabe des Großen Kunstpreises Berlin ab. In diesem Jahr ist die Sparte Musik dran. Sie ehrt eine US-amerikanische Sängerin und Komponistin

 21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026

München

Ein lebendiger Ort der Begegnung

Das neue Familienzentrum lud in der Reichenbachstraße zu einem »gemein(de)samen« Nachmittag ein

von Esther Martel  20.01.2026

Würdigung

Oldenburgerin Elke Heger erhält den Albrecht Weinberg-Preis

Die Oldenburger Pädagogin Elke Heger erhält für ihr jahrzehntelanges Engagement für die Gemeinschaft zwischen Juden und Christen den Albrecht Weinberg-Preis. Zur Verleihung wird der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies erwartet

 20.01.2026

Essen

»Holo-Voices«: Zeitzeugen des Holocausts sollen für immer sprechen

Auf der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen startet ein Medienprojekt, das Zeugen des Holocausts mit Besuchern in einen Dialog bringt. »Holo-Voices« soll Zeitzeugen »eine Stimme für die Ewigkeit« geben

 20.01.2026

Gedenktag

Weltweit noch 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende

Am 27. Januar wird an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 81 Jahren erinnert. Dort und an vielen anderen Orten ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Juden. Noch können Überlebende von dem Grauen berichten

 20.01.2026

Interview

»Man tut sich mit den toten Juden leichter als mit den lebenden«

Die Münchnerin Eva Umlauf ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Auf eine bestimmte Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa schaut sie kritisch – und sagt, was sie sich wünscht

von Leticia Witte  20.01.2026

Warnung

Holocaust-Überlebende besorgt um Zukunft der Demokratie

Sieben Holocaust-Überlebende berichten in dem Buch »Nach der Nacht«, welche politischen Entwicklungen ihnen Sorge bereiten

 19.01.2026