Fashion

Langsame Mode

Zeit ist für Adi Shalev einer der wichtigsten Stoffe, um ein perfektes Kleid zu fertigen. Ohne die persönliche Beratung einer Kundin, die genaue Auswahl des Materials oder die Anprobe, bei der eventuelle Änderungen besprochen werden, geht eigentlich keines ihrer maßgeschneiderten Stücke über den Ladentisch. Die aus Rumänien stammende Israelin, die seit gut neun Monaten ihre Boutique mitten im Prenzlauer Berg hat, überlässt nichts dem Zufall, wenn es um ihre Kunden geht – auch wenn die Zeit mal drängt. Bei Hochzeiten zum Beispiel oder Geburtstagen – dann schiebt sie auch gern Extrastunden ein.

Doch aus ihrer Mode hat Shalev, die vor sieben Jahren mit ihrem Mann nach Berlin gekommen ist, die Schnelligkeit verbannt. »Ich möchte zeitlose Kleider machen, die in der kommenden Saison nicht schon wieder überholt sind.« Was auf der Mercedes-Benz Fashion Week, die noch bis zum 20. Januar in Berlin stattfindet, also Programm ist: Mode für die kommende Saison. Kurzlebige Trends und schnelle Designs, daran mag die junge Kreative nicht denken. In der Nähstube des zweistöckigen Ladens atmet man die Luft von Kreativität, die aus der Ruhe entsteht.

Weltenbummlerin Die hat Adi Shalev auf vielen ihrer Reisen gelernt. »Nach meiner Armeezeit war ich viel unterwegs: in den USA, Mexiko und in Indien.« Dieses Land hat sie nachhaltig geprägt. Dort hat sie stricken gelernt und das erste Mal die Wolle angefasst, die sie noch vor ihrer Ankunft in Berlin aus Indien zu Freunden geschickt hatte. »Meine Wolle hat also hier auf mich gewartet.«

Und seitdem hat sie Shalev auch nicht mehr losgelassen. Zwar benutzt sie für ihre Mode auch Stoffe wie Jersey, aber Wolle ist und bleibt ein fester Bestandteil in ihrer Kollektionen. Wenn sie anderen Designern von den Stoffen erzählt, runzeln die meistens die Stirn. »›Wie kannst du mit Jersey arbeiten‹, höre ich oft. Aber ich habe gelernt, mit diesem Stoff umzugehen und ihn zu bearbeiten.« Das alles hat sich die junge Mutter selbst beigebracht, denn auf einer Modeschule war Shalev nicht. »Ich habe viele Jobs gemacht, war Babysitterin, Call-Center-Mitarbeiterin, aber nur die Mode ist meine wirkliche Erfüllung.«

Und die scheint bei Adi in der Familie zu liegen. »Meine Großmutter hat genäht, ich erinnere mich an meine Mutter, die ihre Sachen selbst geschneidert hat – alles das begegnet mir, wenn ich ein Kleid entwerfe.« Das allerdings geschieht immer ohne Muster. »Ich habe keine Schnittmuster, deshalb werden meine Kleider sehr individuell.«

Hauptsache aber ist, dass sie farbig sind. »Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich richtig erschrocken, sagt Shalev. «Die Menschen hier haben größtenteils schwarz oder mal braun getragen – ab und zu gedeckte Farben.»

Aber niemals pink oder auch mal ein frisches Grün, bedauert sie. Deswegen hat sie in ihrer Kollektion auch Farbkleckser, wie knallrote Kleider oder das so geliebte Rosa. Zwar darf das kleine Schwarze nicht fehlen – die Kunden mögen es – aber bunt ist quasi Pflicht.

Flohmarkt Damit kommt sie, die selbst im Friedrichshain lebt, im Prenzlauer Berg gut an. Obwohl das Mode nicht immer ein einfaches Geschäft ist. «Als ich anfing, war ich sehr naiv. Ich dachte, ich komme hierher, entwerfe Sachen – alles läuft.» Aber sie musste sich ihre Kunden hart erarbeiten. «Dafür bin ich mit meinen Sachen auf die Flohmärkte gegangen. Es gibt wohl keinen Markt, auf dem ich nicht war – von Charlottenburg über Mitte bis nach Friedrichshain.»

Dort traf sie Leute, sprach mit ihnen über ihre Vorstellungen von Kleidern und sammelte vor allem Verkaufserfahrung, die sie heute nicht missen möchte. «Meine Kunden empfehlen mich einerseits ganz klassisch über Mundpropaganda, aber es kommen auch viele Touristen zu mir, die sich den Bezirk ansehen.» Und genau das liebt sie an Berlin: Menschen aus der ganzen Welt zu begegnen. Die wiederum inspirieren sie zu Neuem. Schweizer, Neuseeländer oder Japaner – alle bringen Ideen und einzigartige Einflüsse.

«Bevor ich mich an einen neuen Entwurf setze, stelle ich mir die in sich ruhende, aber selbstbewusste Frau vor, die sich durch ein farbenprächtiges Kleid krönt», sagt Shalev, die eigentlich gern Jeans trägt und ein Faible für bunte Schuhe hat. «Die lassen sich toll in Tel Aviv kaufen», schwärmt sie. Aber das kreative Potenzial, was Mode betrifft, sei doch eher in Berlin als in der Mittelmeermetropole zu finden. Hier ist die Kundschaft internationaler und kauft auch gern mal ein handgefertigtes Kleid für besondere Anlässe.

Dafür arbeitet Shalev mit Accessoires wie Spitze, Samt oder Seidengürtel – alles wohl ausgesucht und aufeinander abgestimmt. «One of a kind» eben, wie sie ihre Modelinie, die übrigens nach ihrem Spitznamen – Diwi – benannt ist, selbst bezeichnet.

Adi Shalev – Handmade Dresses, Kollwitzstraße 53

www.kindofdiwi.com

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