Stuttgart

Kreativität fördern

Geschlossene Kindertagesstätten und Schulen. Die Synagoge, ein Raum ohne Beter. Das Restaurant »Teamim« ohne Gäste. Keine Chorarbeit, keine Theatergruppe. Kein Treffen der Bewohner im Betreuten Wohnen mit den Enkelkindern, kein Spaziergang mehr zu dritt. Die Verordnung der baden-württembergischen Landesregierung über infektionsschützende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus SARS-CoV-2 hat das Gemeindeleben in der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) stark verändert.

Junge Familien haben finanzielle Sorgen, arbeiten im Homeoffice, müssen sich um ihre Eltern kümmern und dabei möglichst hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Barbara Traub, Vorstandsvorsitzende der IRGW, Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden und Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Stuttgart, sieht in der gegenwärtigen Krise jedoch auch eine Chance.

Selbstbeschäftigung »Das jetzige Leben mit den vielen Einschränkungen ist besonders für Familien mit kleinen Kindern eine enorme Umstellung«, sagt Traub. Nach dem Alltag vor Corona müsse jetzt automatisch eine Lebensphase innerer Ruhe folgen. »Berufliche Beanspruchung und Ablenkungen vieler Art haben bisher viele Familien unter enormen Druck gesetzt.« Kinder hätten verlernt, sich selbst zu beschäftigen und mit scheinbar leerer Zeit umzugehen.

»Nichtstun dient der Regeneration der Psyche.«

»Nichtstun dient der Regeneration der Psyche, der Mensch in seinem ständigen Getaktetsein ringt immer um die Balance zwischen äußeren Ansprüchen und inneren Bedürfnissen«, sagt Traub. Zum Glück sei es Frühling und weiter erlaubt, hinaus- und spazieren zu gehen. Parks und Wälder böten so viel mehr Entdeckungspotenzial als die (jetzt gesperrten) Spielplätze.

Kinder seien kreative Wesen. Diese Kreativität hervorzulocken und zu befördern, sei meist von Erfolg gekrönt. »Familien können zur Pessachzeit selbst Mazze backen, die Stationen der Haggada zeichnen, rollen und sich so eine eigene Torarolle basteln«, macht Traub Vorschläge. Die aktuelle Situation will sie trotzdem nicht kleinreden. Altersentsprechend könnten Eltern mit ihren Kindern über die Corona-Bedrohung sprechen, deren Fragen beantworten und sie ernst nehmen.

Traub rät, die nun ständig anwesenden Kinder nicht als Belastung zu sehen, sondern gemeinsam zu lernen, mit der Situation umzugehen. »Für manche kann es eine gute Erfahrung sein, den eigenen Lernrhythmus zu finden, sich die Zeit selbst einzuteilen«, sagt die Psychotherapeutin. »Leerläufe«, wie sie manche Eltern befürchten mögen, sieht sie nicht. Sie glaubt auch nicht, dass die Kinder große Lernlücken haben werden.

»Es ist die Chance für Eltern und Kinder, Selbstmanagement zu erwerben.«

»Es ist die Chance für Eltern und Kinder, Selbstmanagement zu erwerben«, betont Traub. Allerdings, räumt sie ein, gebe es auch überforderte Familien. Familien, in denen der Druck aneinander ausgelassen werde, ja, bis zu Gewaltausbrüchen führen könne. »Psychotherapeuten bieten weiterhin Beratung an, manchmal hilft schon ein Telefongespräch, wenn von den Nöten berichtet werden kann.« Bei Schreikrämpfen und Schlafstörungen dürften die Menschen keine Scham haben und müssten sich Hilfe holen.

Gelassenheit rät die Psychotherapeutin auch denen, die mit finanziellen Sorgen kämpfen. »Wir können im Moment nichts ändern, Gelassenheit statt Panik ist angebracht, aber auch das Wissen, dass mehr oder minder alle mit den Folgen dieses Fast-Stillstandes konfrontiert sind.« Staatliche Fördermaßnahmen seien angekündigt, Kreditrückzahlungen könnten vermutlich mit den Banken ausgehandelt werden. »Wir erleben, dass der Mensch bei aller Planung und Optimierung manchmal Dingen ausgeliefert ist, die er nicht einmal hat ahnen können.«

Lebensängste Sie wolle die Ängste, die eine solche Pandemie wie Covid-19 auslösen kann, keinesfalls herunterspielen. Konkrete Ängste beförderten tief sitzende Lebensängste, die nahezu jeder Mensch habe. Wir lebten, global gesehen, trotz allem im Überfluss und sollten die aktuelle Bedrohung relativieren, meint Traub. »Wer an der Ausgangsbeschränkung zweifelt, der darf an die Jüdinnen und Juden denken, die sich im sogenannten Dritten Reich verstecken mussten, an die Angst, bei Entdeckung deportiert und ermordet zu werden«, erinnert Traub.

»Die mentale Anforderung besteht jetzt darin, Ängste immer wieder aktiv anzugehen.«

Die mentale Anforderung bestehe jetzt darin, Ängste immer wieder aktiv anzugehen, sich stärker bewusst zu machen, welchen Wert Lebenslust und Zuversicht haben. In Frankreich ist der Rotwein Mangelware, in Deutschland das Toilettenpapier. Gehört zur deutschen Stressbewältigung der Hamsterkauf von Toilettenpapier? Barbara Traub lacht. »Offenbar. Auch wenn mir Hamsterkäufe jedweder Art unverständlich sind.« Sie dienten als Metapher für die Angst, nicht genug zu haben. Angst, »für die Katastrophe nicht genügend gerüstet zu sein«.

Überfluss Vor allem junge Leute hätten eher Überfluss als großen Mangel erlebt. Die Älteren seien gelassener, weiß Traub. »Es hat mich verblüfft, wie viele unserer älteren Gemeindemitglieder, aber auch Bewohner im Betreuten Wohnen ohnehin schon mit WhatsApp und weltweitem Skypen umgehen können«, berichtet sie.

»Mehr als Corona fürchte ich die AfD«, habe kürzlich eine alte Dame gesagt. Auch Barbara Traub ist irritiert über Menschen, die in der aktuellen Situation politischen »Hardlinern« zujubeln. Als Wienerin denke sie nicht nur an Österreich, sondern auch an Politiker in Deutschland oder anderen Ländern Europas. Wirkungsvolle Maßnahmen zu treffen, um die Schwachen und Kranken zu schützen, sei sicher notwendig.

Jedoch sollte der Appell an das Verantwortungsbewusstsein für die Gesamtgesellschaft und die Stärkung der Eigenverantwortung für das Gemeinwohl bei der Umsetzung der Schutzmaßnahmen ebenso viel, wenn nicht viel mehr Aufmerksamkeit bekommen als alle Androhungen von Sanktionen und Strafmaßnahmen, sagt Traub. Damit könne eine Stärkung des demokratischen Bewusstseins erreicht werden, ist sie überzeugt.

Es gilt, die Eigenverantwortung für das Gemeinwohl zu stärken.

»Wenn wir denn der Corona-Krise einen Sinn zuschreiben wollten, so könnte dieser darin bestehen, durch das notwendige erzwungene Innehalten manche gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen neu zu überdenken.«

Die Stärkung des Verantwortungsgefühls für das Allgemeinwohl und das Eintreten für den Nächsten könnten vielleicht dazu führen, gesellschaftliche Korrekturen vorzunehmen. Sie denke da unter anderem an das Gesundheitssystem, das in den vergangenen Jahren zunehmend nach ökonomischen Gesichtspunkten ausgerichtet war.

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