Studium

Kiddusch im Hörsaal

Rabbiner Tuvia Ben-Chorin betreut vorübergehend die Studierendengemeinde in Potsdam. Foto: Mike Minehan

Dass eine Studentengemeinde nötig ist, liegt für die Initiatoren der frisch gegründeten Gemeinschaft Beth Hillel Potsdam auf der Hand. Denn gerade in kleineren Städten sei das jüdische Gemeindeleben für junge Erwachsene nicht sehr ansprechend. »Die Gemeinden in Potsdam sind leider untereinander sehr zerstritten und sehr orthodox. Liberale Juden haben da wenig Möglichkeiten«, sagt Adrian Schell vom Vorstand von Beth Hillel.

Zudem träfen jüdische Studierende in den Synagogen in kleineren Städten zu wenig Gleichaltrige. Um gemeinsam ins Kino, in den Klub oder Kneipe zu gehen, eigne sich eine Hochschulgemeinde am besten. »Wir freuen uns schon darauf, neue Freunde kennenzulernen«, ergänzt Adrian Schell, der als Jugendleiter bei der Union progressiver Juden in Deutschland arbeitet und in Potsdam seine rabbinische Abschlussarbeit zu Ende bringt. »Beth Hillel gibt einen Rahmen, in dem Studenten ihre jüdische Identität stärken können«, sagt Nataliia Verzhbovska, die stellvertretende Vorsitzende von Beth Hillel.

EinheitsgmeindE Hochschulgottesdienste für Studenten und Dozenten gibt es schon. Die leiten Rabbinats- und Kantorenstudenten des Abraham Geiger Kollegs wie Adrian Schell und Nataliia Verzhbovska. Bislang feiern und beten Lehrende und Lernende in einem Bürohaus in Berlin-Charlottenburg im Betraum des Geiger-Kollegs, hoffen aber auf einen Raum an der Potsdamer Universität. Alle fünf Vorstandsmitglieder sind Rabbinats- oder Kantorenstudierende am liberalen Geiger-Kolleg. Doch laut Satzung will Beth Hillel eine Einheitsgemeinde sein. Juden unterschiedlicher Glaubensausrichtungen sollen darin Platz finden: liberale wie orthodoxe.

Zwar sei es völlig klar, dass liberale Rabbinats- und Kantorenstudenten Gottesdienste nach den Regeln ihrer Denomination halten, dass also auch Frauen den Gottesdienst leiten und gleichberechtigt daran teilnehmen. Aber: »Wenn sich eine Gruppe junger Männer zusammenfindet, die einen orthodoxen Gottesdienst feiern möchten, dann müssen sie das dürfen. Die Gemeinde steht organisatorisch dafür ein, dass das geht«, sagt Schell.

Rabbiner Einen Hochschulrabbiner hat Beth Hillel Potsdam noch nicht. Die Studentengemeinde hat Tuvia Ben-Chorin als ehrenamtlichen Rabbiner vorgeschlagen, der am Abraham Geiger Kolleg unterrichtet und die Berliner Synagoge in der Pestalozzistraße betreut. Langfristig möchten die Vereinsmitglieder Gelder auftreiben, mit denen sie einen hauptamtlichen Rabbiner oder eine hauptamtliche Rabbinerin finanzieren können.

Einen solchen Universitätsrabbiner gibt es an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg schon. Seit 2008 übt der gebürtige Schwede Shaul Friberg das Amt aus. Zu seinen Aufgaben gehören Gottesdienste, Seelsorge und auch der Kontakt mit Kirchengemeinden und Moscheen. Oft kommen jüdische und nichtjüdische Studenten, um mit Shaul Friberg über Beziehungsprobleme oder den Ärger mit den Eltern zu sprechen. Auch andere Hochschulangehörige vom Dozenten bis zum Reinigungspersonal suchen den Rat des Rabbiners.

»Ich hätte vorher gar nicht gedacht, dass die Seelsorge so breiten Raum einnehmen würde«, sagt Friberg. Oft lädt er einzelne Studierende am Schabbat oder an den jüdischen Feiertagen zu seiner Familie nach Hause ein. In der Hochschule feiert er mit den Studenten häufig am Freitagabend den Beginn des Schabbat. Nach dem kurzen Gottesdienst gibt es einen Kiddusch mit einem Essen »von unserer hervorragenden Mensaköchin«, erzählt Friberg launig.

Beim »Studierenden-Schabbat« am Samstagmorgen können die jungen Erwachsenen am Gottesdienst mitwirken. Zudem erklärt Rabbiner Friberg, was liturgisch gerade passiert. Viele Studenten hätten zum Beispiel noch nie einen Aufruf zur Tora erhalten, eine Alija. So mancher muss erklärt bekommen, wann er die Griffe der geöffneten Rolle anfasst, wann er die Textstelle mit den Zizit berührt und wie lange er nach dem Aufruf noch auf dem Podest, der Bima, stehen bleiben muss.

Frauen bekommen in den Gottesdiensten des orthodoxen Rabbiners keinen Aufruf zur Tora, aber schnell fügt Friberg an: »Ich versuche einen halachischen Spagat.« Er wolle möglichst allen Bedürfnissen gerecht werden. So könnten Frauen und Männer nebeneinander sitzen.

jüdischer Ort Auch ein Beth-Hillel-Zentrum ist in Heidelberg geplant. Nach den Worten des Rektors der Hochschule Johannes Heil soll es Studentenzimmer und Gemeinschaftsräume bieten und ein »jüdischer Ort jenseits von Seminaren und Lerngruppen sein«. »Heidelberg Hillel« solle offen für Studierende, Forschende und Lehrende verschiedener Hochschulen der Region »zwischen Karlsruhe und Frankfurt« sein.

Eines haben die beiden Projekte in Potsdam und Heidelberg gemeinsam: Internationale Studierende werden den Weg dorthin leicht finden, denn der Name Hillel ist für sie ein Markenzeichen. Zahlreiche Hochschulsynagogen in den Vereinigten Staaten, in Israel und mittlerweile auch in Russland heißen so.

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