Würzburg

»Kämpfen für die Demokratie«

Wird der Holocaust das kollektive Bewusstsein Deutschlands weiter so stark prägen wie bisher? Wie kann eine lebendige Gedenkkultur an die Schoa künftig aussehen, mehr als 73 Jahre nach deren Ende?

Mit diesen Fragen beschäftigten sich der Zentralrat der Juden und die beiden christlichen Kirchen in Deutschland: Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, und Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

AUSCHWITZ Zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 hatte der Zentralrat der Juden die Podiumsdiskussion zum Thema »Keine deutsche Identität ohne Auschwitz? Erinnerungskultur 80 Jahre nach der ›Reichspogromnacht‹« am Donnerstag im Shalom Europa, dem Zentrum der jüdischen Gemeinde in Würzburg und Unterfranken, organisiert.

Unter der Moderation der Journalistin Ilanit Spinner tauschten der Zentralratspräsident und die kirchlichen Amtsträger ihre Gedanken zur Bedeutung des Erinnerns an den Holocaust aus. Zuvor hatten sie an einer Gedenkveranstaltung am einstigen Standort der ehemaligen Synagoge in der Würzburger Domerschulstraße teilgenommen.

Josef Schuster hält besonders die in den letzten Jahren gestarteten lokalen Initiativen des Gedenkens für wichtig für die Zukunft. Denn aufgearbeitete Einzelschicksale vor Ort machten die Nazi-Verbrechen gerade jungen Menschen deutlich, die keine Zeitzeugen mehr erleben.

GEDENKORT In Würzburg waren es engagierte Bürger, die die Initiative »Gedenkort Aumühle« ins Leben riefen. Zur Deportation gingen viele Juden einen Weg von der Sammelstelle bis zu einer Rampe am Güterbahnhof. Entlang dieses Weges erinnern seit einem Jahr mehrere Tafeln an deren Verschleppung und Ermordung.

»Die Schulen sollten das Thema in einer Weise nahebringen, die Empathie, Mitgefühl erzeugt«, sagte Schuster. Filme und Aufnahmen von Zeitzeugenberichten seien besonders geeignete Mittel, die emotionale Ebene anzusprechen.

Schuster sagte des Weiteren, dass er »eine demokratische Aufbruchstimmung« in Deutschland spüre. Unter anderem die Aufmärsche von Neonazis in Chemnitz, der Streit um die Flüchtlingspolitik oder die verbalen Ausfälle einiger AfD-Politiker hätten die Menschen im Land »wach gemacht«. Die Menschen »kämpfen wieder für die Demokratie, sie schauen nicht weg. Das sind ermutigende Signale.«

Der Zentralratspräsident dankte Marx und Bedford-Strohm und den Angehörigen der Kirchen für das Signal der Teilnahme. Sie zeigten zum einen, dass auch Christen der jüdischen Opfer gedenken. Zum anderen drückten sie Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft aus.

GEWALTAKTE Die Frage, wie sicher jüdisches Leben in Deutschland ist, habe heute wieder an Aktualität gewonnen, sagte Schuster. Doch so beunruhigend manche Entwicklung auch sei, so müsse man die Unterschiede deutlich benennen: »Damals handelte es sich um staatlich initiierte und staatlich gelenkte Gewaltakte gegen Juden.«

Die breite Bevölkerung habe dem schweigend zugesehen, betonte Schuster. »Heute hingegen stellt sich der Staat schützend vor die Minderheiten.« Zu arglos solle man das Erstarken des rechten politischen Randes aber nicht sehen, man müsse vielmehr eine noch tiefere Spaltung der Gesellschaft verhindern.

»Es wird sich zeigen, ob unsere Republik langfristig weiter nach rechts driftet oder nicht. Wir müssen es auf jeden Fall verhindern, dass die Gesellschaft noch tiefer gespalten wird! Weder dürfen Hetze gegen Muslime noch Antisemitismus normal werden«, so Schuster weiter.

GEDÄCHTNIS Beide Kirchenvertreter betonten, dass sie die Erinnerung an die Schoa zu einer politischen Kultur in Deutschland rechnen, die sie als positiv bewerten. »Unser kulturelles Gedächtnis ist davon geprägt, dass wir auch auf die dunklen Seiten der Geschichte schauen«, sagte Heinrich Bedford-Strohm.

Das Hinschauen auf die schlechten Seiten und Schwächen der Vergangenheit sei nicht selbstverständlich. So habe Südafrika die Zeit der Apartheid noch kaum aufgearbeitet, ebenso wenig Amerika den Umgang mit den Ureinwohnern. »Durch die furchtbare Geschichte ist immerhin etwas in Gang gekommen, das wir bewahren müssen«, sagt Reinhard Marx. »Geschichte war sonst eher eine Geschichte der Sieger.«

Allerdings ist – wie weltweit – auch in Deutschland der Populismus auf politischer Ebene massiv erstarkt. Die AfD ist im Bundestag und allen 16 Landtagen vertreten. »Viele Menschen gehen aber bei uns auf die Straße gegen diese Entwicklung«, sagte Bedford-Strohm. »Sie stehen für eine Demokratie ein, zu der diese Erinnerungskultur gehört, weil sie an etwas ermahnt, das die Würde des Menschen im Kern und damit unser Wertsystem verletzt.«

In der Nacht auf den 10. November 1938 gingen die Nationalsozialisten zur offenen Gewalt gegen Juden im damaligen Deutschen Reich über. Es brannten Synagogen und Geschäfte. Wohnungen jüdischer Menschen wurden verwüstet und sie selbst misshandelt. Das öffentliche Leben der Juden in Deutschland kam danach völlig zum Erliegen. Die Pogrome in der NS-Zeit waren ein Vorbote der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa. (mit epd)

Tu Bischwat

Erste Blätter

Wie stellen sich jüdische Kinder das Neujahrsfest der Bäume vor? Wir haben einige Mädchen und Jungen gebeten, für uns zu malen

 02.02.2026

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026

Politik

Aus ihren Leben

Die Ausstellung »An eine Zukunft glauben ...« stellt jüdische Biografien der parlamentarischen Gründergeneration vor

von Katrin Richter  30.01.2026

München

Brandstifter von jüdischem Altenheim 1970 womöglich ermittelt  

56 Jahre nach einem Anschlag auf ein jüdisches Altenheim in München verdächtigen Ermittler nun einen schon verstorbenen Neonazi. Was sie auf dessen Spur führte

von Hannah Krewer  30.01.2026

Interview

»In eine Synagoge bin ich das erste Mal in Deutschland gegangen«

Ab den 90er-Jahren fingen viele sowjetische Juden in Deutschland noch einmal von vorn an. Sind sie angekommen? Ein Gespräch über Flüchtlingsheime, nicht anerkannte Diplome und die Wiederentdeckung jüdischer Traditionen

von Mascha Malburg  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026

Urteil

Fristlose Kündigung eines Rabbiners bestätigt

Die Jüdische Gemeinde Berlin hatte im Sommer 2023 einem Rabbiner wegen sexueller Übergriffigkeit fristlos gekündigt. Eine Klage des Mannes dagegen wurde jetzt auch in zweiter Instanz zurückgewiesen

 29.01.2026