Bühne

Jugendliche im Untergrund

Szene aus dem Stück Foto: Nika Kramer

Bühne

Jugendliche im Untergrund

Ein Theaterabend erinnert an die Berliner Widerstandsgruppe Chug Chaluzi

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.04.2022 11:06 Uhr

Als Heinz Abrahamsohn am 27. Februar 1943 nach Hause kommt, trifft er niemanden an. Ein Nachbar richtet dem 16-Jährigen aus, wo er sich melden soll, um gemeinsam mit seinen Eltern in den Osten deportiert zu werden. Daraufhin entschließt sich Abrahamsohn, unterzutauchen. Bald schon begegnet er der zionistischen Jugend-Widerstandsgruppe Chug Chaluzi (Pionierkreis), die ihm in den verbleibenden Kriegsjahren entscheidenden Halt gibt. Er überlebt im Untergrund. Aus Heinz Abrahamsohn wird in Israel Zvi Aviram. Dort wird er seine Erinnerungen an jene Zeit in Berlin aufschreiben.

Der Theaterregisseur Boris von Poser hat für eine Bühnenfassung auf dessen Lebensgeschichte zurückgegriffen, die in deutscher Sprache unter dem Titel Mit dem Mut der Verzweiflung erschien. Auch auf Gad Becks Buch Und Gad ging zu David stützt sich das Stück, ergänzt durch die Erinnerungen von Jizchak Schwersenz (Die versteckte Gruppe) sowie Edith Wolffs 50-seitigem Bericht für die Gedenkstätte Yad Vashem.

Die Bühnenfassung stützt sich auf Lebensgeschichten Überlebender.

Es ist die Geschichte eines weitgehend in Vergessenheit geratenen jüdischen Widerstands in Nazi-Deutschland – aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt durch die gigantischen Verbrechen der Schoa, der auch Mitglieder von Chug Chaluzi zum Opfer fielen. Bei dieser künstlerischen Aufgabe stand Boris von Poser die Historikerin Beate Kosmala beratend zur Seite, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand seit vielen Jahren mit der Thematik beschäftigt ist.

COURAGE Vier Schauspieler und zwei Schauspielerinnen (Konstantin Krisch, Barbara Stephenson, Florian Rast, Daniel Grave, Stella Maria Adorf und Gerald Michel) erweckten bereits in einer ersten Vorstellungsserie im vergangenen Herbst diesen Stoff zum Leben. Dabei waren auf der Bühne die authentischen Aussagen der realen Protagonisten zu hören. Nun wird die Stückcollage, die nach dem Motto der Gruppe Trotz Alledem – Af Al Pi Chen benannt ist, in Berlin erneut aufgeführt. Die Zuschauer erwartet ein Theaterabend, der vom schieren Lebenswillen und der Courage der Widerstandsgruppe Chug Chaluzi und ihrer Helfer kündet.

Das Ensemble um den Autoren-Regisseur Boris von Poser hat über die üblichen Theaterbesucher hinaus ein bestimmtes Zielpublikum vor Augen. Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen erklärt er: »Die Geschichte von Chug Chaluzi zeigt für Jugendliche heute eine frische Perspektive auf die damalige Zeit und ist damit ein starker emotionaler Anknüpfungspunkt für diesen Zuschauerkreis.« Es handele sich ja auch um jugendliche Protagonisten: »Zvi war 16, als er zur Gruppe kam, Gad war 19, die beiden anderen etwas älter.«

Das Ziel sei es, bei den jugendlichen Zuschauern eine Identifikation zu schaffen, indem man sie in die Perspektive der jungen Juden von damals versetzt. Hierfür stehe sein Ensemble auch für Aufführungen in Schulen zur Verfügung.

ZEITZEUGEN Boris von Poser ist zuversichtlich, dass Theaterproduktionen wie diese heute eine Aufgabe erfüllen können, die in den vergangenen Jahrzehnten noch von Überlebenden der Schoa eingenommen wurde: »Die Zeitzeugen werden immer weniger, und da muss das Theater einspringen.« Es habe nämlich die Möglichkeit, reale Personen vor sein Publikum zu stellen. »Damit kann man oftmals mehr Empathie erzeugen, als dies ein Film oder ein Buch vermag.«

Die Vorstellungen am 23. und 24. April jeweils um 19.30 Uhr in der Villa Elisabeth, Invalidenstraße 3, mussten leider abgesagt werden. Das Stück kann auch für Schulen gebucht werden: kuenstleradvokatinnen@gmail.com

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Hilfe

Gestrandet in Deutschland

Viele Israelis wurden im Ausland vom Beginn des Krieges mit dem Iran überrascht. Sie finden Unterstützung bei der israelischen und jüdischen Gemeinschaft vor Ort

von Joshua Schultheis  11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

Berlin

150 Rabbiner am Brandenburger Tor

Ein Fototermin setzt ein Zeichen: Rabbiner zeigen, wie jüdisches Leben heute Europa prägt. Was beim Treffen sonst noch auf dem Programm steht

 11.03.2026