Wolfsburg

Judentum aus der Zauberkiste

Gemeindevorsitzender Dimitri Tukuser bietet eine Sonntagsschule für geflüchtete ukrainische Kinder an. Foto: Christine Schmitt

Wolfsburg

Judentum aus der Zauberkiste

Wie die Liberale Jüdische Gemeinde eine Lücke in der Kinder- und Jugendarbeit schließen will

von Christine Schmitt  17.08.2022 12:44 Uhr

An jedem Sonntag geht die Tür der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Wolfsburg für die Kinder auf. Die zehn bis 14 Kids und Jugendlichen sind mit ihren Müttern aus der Ukraine geflohen.

Und »nun möchten wir ihnen etwas anbieten, was sie hier in Deutschland auch brauchen, eine Sonntagsschule«, berichtet Dimitri Tukuser, Vorsitzender der Liberalen Jüdischen Gemeinde Region Braunschweig-Wolfsburg. Glücklicherweise konnte die Gemeinde vor Kurzem in ein neues Domizil ziehen. Denn das Haus, in dem sie bis dahin ihre Räumlichkeiten hatte, war in einem schlechten Zustand und ist mittlerweile abgerissen worden.

veranstaltungen Jetzt gibt es endlich einen großen Raum, in dem die Gottesdienste gefeiert werden und wo sich Mitglieder und Interessierte auch zu Veranstaltungen treffen können. Zusätzlich verfügt die Gemeinde über eine geräumige Küche, in der regelmäßig gemeinsam gekocht und gebacken werden soll. Wolfsburg zählt 125.000 Einwohner. Neben der Liberalen Gemeinde gibt es auch eine orthodoxe.

Jedes zweite Mitglied der Gemeinde engagiert sich und arbeitet ehrenamtlich mit.

An diesem Nachmittag mitten in der Woche ist schon alles für den kommenden Sonntag vorbereitet: Die fünf bis sechs Tische stehen wie kleine Inseln im Raum – und jeder lädt mit eigenen Materialien ein, sich hinzusetzen und loszulegen. Buntstifte liegen bereit, ebenso Papier, jeder kann Platz nehmen, um ein Bild zu malen. Auf dem Tisch daneben stehen Spiele, Materialien zum Rechnen auf einem weiteren.

»Es gibt viel zu tun, wir möchten helfen und haben beschlossen, den Kindern diese Stunden, in denen sie beschäftigt sind und gefördert werden, anzubieten«, so der Vorsitzende. Schulen und Kindergärten sind sonntags immer geschlossen. »Mit unserem Angebot versuchen wir, die Lücke in der Kinder- und Jugendbetreuung am Wochenende zu schließen und so den Kindern und ihren Eltern ein attraktives Angebot zu machen

Musik Jedes zweite Gemeindemitglied engagiert sich und arbeitet ehrenamtlich mit: Lehrer, Ingenieure und Buchhalter. «Es gibt keine ehemaligen», betont Dimitri Tukuser. Ein gemeinsames Essen ist mittlerweile zu einem netten Ritual geworden. Auch die Musik kommt nicht zu kurz: Singen steht ebenfalls auf dem Stundenplan dank Oleg Nikolenko.

«Wir singen ukrainische Lieder, die die Kinder bereits kennen, und lernen neue. Im Gesangsunterricht versuche ich, mit den Kindern Ukrainisch zu sprechen», so der 73-Jährige. «Warum mache ich das? Die Kinder sollten nicht vergessen, woher sie kommen und wer sie sind. Wir singen auch russische Lieder aus den Zeichentrickfilmen, die bei ihnen populär sind.» Und es würden jetzt auch deutsche Kinderlieder einstudiert, erzählt Nikolenko.

Mittlerweile fördern Gemeindemitglieder jeden Mittwoch die ukrainischen Mütter und deren Kinder mit einem zusätzlichen Angebot für Deutschunterricht. Ihr Interesse an der Sprache sei groß, so der Vorsitzende. Damit sie Deutschland besser kennenlernen, gibt es zudem Stadtführungen und kleine Ausflüge – nach Braunschweig, Goslar oder in den Harz. Dennoch sei die Organisation und Umsetzung der Sonntagsschule eine Herausforderung, so der 67-Jährige.

Flucht Die 41-jährige Inna Bitter, die Mitglied der Gemeinde ist, ist sehr bewegt von den Schicksalen, die ihr hier begegnen. Beispielsweise das der Mutter, die mit ihren Kindern auf der Flucht aus Charkiw war und berichtete, dass sie oft im Flur ihrer Wohnung saßen, wenn die Bomben fielen, da er ihnen als sicherer Ort schien. Ihr Sohn sei nach den ersten Tagen der Bombardierung zunehmend ängstlich geworden.

Eine andere Frau erzählte, wie die Familie in einem nassen Keller ausharrte, bis die Kinder am zweiten Tag Fieber bekamen und sie spürte, dass sie die Stadt schnellstens verlassen mussten. Es sind Geschichten wie diese, die Inna Bitter und die anderen Ehrenamtlichen motivierten, aktiv zu werden.

Vor 17 Jahren wurde die Liberale Gemeinde gegründet. Heute zählt sie 31 «halachische Jüdinnen und Juden», wie Tukuser betont. Zweimal im Monat kommen sie zu Gottesdiensten zusammen, ebenso werden die jüdischen Feiertage begangen, zu denen ein Rabbiner und ein Kantor anreisen. «Wir unterstützen freitags auch gerne unsere Mitglieder, zu Hause Schabbat zu feiern. Das hat uns zu Coronazeiten sehr geholfen.»

Erfahrungen Die Gemeinde arbeitet mit mehreren Schulen zusammen. «Wir wollen den Kindern und Jugendlichen im Rahmen des Demokratieerlebnisprogramms ›Betzavta – Miteinander‹ spannende und authentische Erfahrungen ermöglichen», sagt Dimitri Tukuser, der viele Jahre als Sozialarbeiter an einer sogenannten Brennpunktschule gearbeitet hat.

Ferner bietet man allen Interessierten einen Diskussionskreis zur Modernen Haskala an, Vorträge zur jüdischen Wohlfahrtspflege, zu Kunst und Kultur und zu modernem jüdischen Leben in der Diaspora sowie Projekttage «Schritte gegen Tritte» und «VORFAHRT für VIELFALT». Für die kleinsten Besucher gibt es das «Judentum aus der Zauberkiste». In der Bibliothek stehen mehr als 1200 Bücher und andere Medien zu den Themen Juden und Judentum, Belletristik von jüdischen Autoren und jüdische Musik bereit.

Die Jüdische Gemeinde ist Teil des interreligiösen Trialogs in Wolfsburg.

Seit drei Jahren besitzt die Gemeinde sogar eine eigene Torarolle und einen Toraschrank – «was uns besonders glücklich macht, aber auch Verantwortung auferlegt». Ferner ist die Gemeinde Teil des interreligiösen Trialogs in Wolfsburg und aktives Mitglied der Israel-Jacobson-Gesellschaft.

kooperationen Zudem gab es in den vergangenen 17 Jahren Kooperationen mit anderen Schulen und Vereinen und vier große sowie einige kleinere Ausstellungen in Wolfsburg, beispielsweise Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte. Das Konzept wurde vom Anne-Frank-Haus in Berlin übernommen. Weitere Themen lauteten: «Kinder malen Krieg» und «Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben».

Trotz Corona hatte die Gemeinde im vergangenen Jahr den Vierten Jüdischen Kulturherbst in Wolfsburg auf die Beine gestellt. «Dank der Unterstützung des Zentralrats der Juden in Deutschland war es uns möglich.» Auch in diesem Herbst soll er wieder stattfinden. Zwei Themen werden dann im Mittelpunkt stehen: Janusz Kor­czak, der jüdische Pädagoge und Humanist, sowie der Angriffskrieg gegen die Ukraine. Gerade dieser verursacht einen großen Schmerz unter den Mitgliedern, weil viele von ihnen aus diesem Land kommen, betont der Gemeindevorsitzende.

München

Religiöse Heimat

Die Stadtteilsynagoge Sha’arei Zion in der Georgenstraße ist seit Jahrzehnten ein Zentrum jüdischen Lebens im Schwabing

von Esther Martel  22.02.2026

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Sie haben Deutschland verlassen und sich für ein Leben in Israel entschieden. Was hat sie dazu bewogen? Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026