Leipzig

»Jeder Hass macht blind«

Herr Haas, vor Ihrem Café haben vergangene Woche mehrere Kinder volksverhetzende Parolen gerufen. Eine Mitarbeiterin des Kaffeehauses ist durch den Wurf gefüllter Plastikflaschen leicht verletzt worden. Wie geht es den Angestellten?
Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht es gut. Natürlich war es erst einmal ein Schreckmoment, den man verarbeiten muss.

Wie haben Sie von dem Vorfall erfahren?
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich direkt bei uns und bei der Polizei gemeldet, und wir waren vor Ort. Wir waren übrigens selbst überrascht von der Medienberichterstattung, die durch den Polizeibericht ausgelöst wurde. Wir haben den Vorfall selbst nicht an die Medien gegeben.

Hatten Sie bereits Vorfälle dieser Art im oder in der Nähe des Cafés?
Uns ist es erst einmal wichtig zu betonen, dass wir ständig positive, wertvolle und berührende Begegnungen in unserem Café erleben. Seit der Eröffnung im Oktober 2022 haben wir überwältigend viel Wertschätzung von jüdischen und nichtjüdischen Besuchern und Freunden bekommen. Im Vergleich dazu gab es wenige hasserfüllte, aggressive oder sogar gewaltbereite Begegnungen.

Ist das Café Teil der IRG Leipzig?
Das HaMakom besteht aus einer Ausstellung und dem koscheren Café. Die Ausstellung »Aufdecken, Entdecken, Das Schweigen brechen« beschäftigt sich mit jüdischem Leben und der Schoa in Leipzig – und mit grundsätzlichen Fragen um Antijudaismus und Antisemitismus. Das Herzstück ist dabei die Einladung zur persönlichen Familienaufarbeitung der NS-Zeit. Diese Ausstellung wurde zuerst 2019 im Rahmen der Jüdischen Woche in einem Zelt in der Innenstadt von Leipzig veröffentlicht und hatte dabei innerhalb von vier Tagen 1600 Besucher. Dann wurde daraus eine Dauerausstellung. Das HaMakom ist aus der internationalen »Marsch des Lebens«-Bewegung heraus entstanden, zu der wir als evangelische Freikirche »TOS Gemeinde Leipzig« gehören und mit der wir uns in Leipzig und anderen Städten in Mitteldeutschland seit 2012 für diese Themen einsetzen. Es wurde in freundschaftlicher Beziehung mit der IRG Leipzig in Existenz gebracht, ist aber eigenständig. Träger des HaMakom ist der Verein »Christlich-soziale Dienste TOS Leipzig«. Das Projekt finanziert sich allein aus Spenden.

Weshalb haben Sie sich entschlossen, das Café koscher zertifizieren zu lassen?
Wir hatten zunächst ergänzend zur Ausstellung an einen kleinen Cafébereich gedacht, um die Möglichkeit zum Nachdenken und Gespräch über die Ausstellung zu geben. Die Idee, das Café koscher zu gestalten, kam aus einer Begegnung mit Gemeinderabbiner Zsolt Balla, der auch selbst die Koscher-Lizenz ausstellt und uns von Anfang an zusammen mit Jakow Kerzhner berät und begleitet. Gemeinderabbiner Zsolt Balla hat auch den Namen »HaMakom« vorgeschlagen. Viele unserer jüdischen Besucher und Freunde schätzen es sehr, dass das Café koscher ist. Es ist für sie ein besonderer Ausdruck von Wertschätzung für jüdisches Leben.

Was planen Sie für das Café?
Unser öffentliches Statement nach dem Angriff war: Gestern gab es einen spontanen Angriff von Jugendlichen auf unser Café – verbunden mit Gewaltbereitschaft und Israel­hass. Wir sind dankbar für viel Schutz. Wir stehen weiterhin in Freundschaft an der Seite jüdischen Lebens und gegen jeden Juden- und Israelhass. Dieser Hass galt nicht uns. Es ist die Atmosphäre, die unsere jüdischen Freunde leider häufig in unterschiedlicher Weise von den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppierungen erleben. Jeder Hass macht blind.

Die Fragen an den Vereinsvorsitzenden des »HaMakom« stellte Katrin Richter.

Zwiespalt

Purim-Fest in Deutschland unter dem Eindruck des Iran-Krieges

Feiern oder nicht? Purim ist ein fröhliches und ausgelassenes Fest. Gemeinden in Deutschland gehen mit Blick auf Nahost damit unterschiedlich um - zuweilen werden auch Feiern abgesagt

von Leticia Witte  02.03.2026

Verhandlung

Berufungsprozess nach antisemitischem Angriff

In Berlin beginnt am Donnerstag die Berufungsverhandlung nach dem antisemitischen Angriff auf den jüdischen Studenten Lahav Shapira

 02.03.2026

Köln

Jüdischer Karnevalsverein nimmt gestrandete Israelis auf

Nach dem Ausbruch des Iran-Krieges wussten sie nicht mehr, wie sie zurück nach Israel kommen sollten - Flüge wurden gestrichen. Nun beherbergen Kölner Karnevalisten fünf Israelis. Erst einmal auf unabsehbare Zeit

 02.03.2026

Jugendkongress 2026

Sollten Juden heute für Deutschland kämpfen?

Lange galt die Frage nach einer Wehrpflicht als abgehakt. Doch seit der Reform des Wehrdienstgesetzes wird sie auch unter jungen Jüdinnen und Juden wieder kontrovers diskutiert – so auch an diesem Wochenende beim Jugendkongress

von Mascha Malburg  02.03.2026

Jugendkongress 2026

»Wir wurden hier aufgefangen«

Ronja Nayeri war als Sprecherin des iranischen Jugendverbandes »Ayande« auf dem Jüdischen Jugendkongress, als Israel den Iran angriff. Ein Gespräch über ein Wochenende zwischen Sorgen, Freude und Solidarität

von Mascha Malburg  02.03.2026

Porträt der Woche

»Es ist schön, jüdisch zu sein«

Julia Markhovski wuchs zweisprachig auf und fand ihre Identität

von Eugen El  01.03.2026

Interview

»Der Kopf der Schlange wurde abgeschlagen«

Der gebürtige Iraner Armin Levy über den Tod Chameneis, Kritik aus Deutschland an dem Angriff der USA und Israel und einen persönlichen Wunsch

von Katrin Richter  01.03.2026

Deutschland

Höhere Sicherheitsmaßnahmen nach Angriff auf Iran

Hessen verstärkt die Sicherheitsvorkehrungen. Laut Innenministerium betrifft dies besonders jüdische, israelische und amerikanische Einrichtungen

 28.02.2026

Sachsen-Anhalt

Landespolizei verstärkt Schutz jüdischer Einrichtungen

Nach den Militärschlägen im Nahen Osten rückt die Polizei den Schutz jüdischer Einrichtungen in den Fokus. Das Innenministerium spricht von höchster Priorität

 28.02.2026