Erfurt

Interreligiöse Klassenfahrt

Weltbürger auf Sightseeing: die Teilnehmer des Classmates for Coexistence unterwegs in Erfurt Foto: Blanka Weber

Ich bin Weltbürger», sagt Fadi. Der sympathische junge Mann zeigt sein Armband. Freunde in Israel haben es ihm geschenkt, kurz vor seiner Abreise. Er ist nicht zum ersten Mal in Deutschland, erzählt der 23-Jährige mit dem Basecap.

Seine fröhlichen braunen Augen blitzen, und er möchte unbedingt die Story loswerden, jene, als er im vergangenen Jahr am Münchener Bahnhof umsteigen wollte und einige Zeit warten musste. Eine junge Frau malte ihn. Es entstand ein hübsches Porträt, erzählt er, und später ein Foto davon. Das trägt er noch heute bei sich. Mittlerweile studiert Fadi Geschichte und lernt Deutsch an der Universität in Haifa.

Tandem-Projekt Seit einem Jahr nimmt er an einem Tandem-Projekt teil. «Classmates for Coexistence» ist der Titel. Ein Projekt, in dem Juden, Araber, Christen und Drusen versuchen, friedlich nebeneinander zu studieren, einander zu begegnen und vielleicht eine Zukunft aufzubauen. Es geht um Koexistenz, betonen die Initiatoren. Das Projekt wird unter anderem von der Robert Bosch Stiftung und einer Initiative aus Hamburg, dem Deutschen Förderkreis der Universität Haifa, unterstützt.

Nun also: Summer-School in der Partnerstadt Erfurt. Zehn Tage lang sind die Studenten unterwegs, reisen durch Thüringen und fahren nach Berlin, diskutieren mit Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen. Doch es scheint, als reise der Konflikt mit ihnen.

Adin ist Jüdin, 25 Jahre alt, Studentin in Haifa. Ihre Vorfahren kommen aus Russland und der Ukraine. Auch sie weiß, was es bedeutet, eine Minderheit zu sein. Auf den neu ausgebrochenen Konflikt in ihrem Land blickt sie nüchtern: «Den Hass sollten wir stoppen, aber ich denke nicht, dass er das Hauptproblem ist. Das Hauptproblem ist, dass es keine Demokratie in Gaza gibt.» Wie könne man da Frieden schaffen?, fragt die blonde junge Frau.

Mitgefühl «Ich als jüdische Israelin hasse nicht die Menschen in Gaza. Im Gegenteil, ich fühle mit ihnen. Es ist schwer für sie derzeit, auch die Situation in den Flüchtlingslagern ist nicht schön.» Am gefährlichsten sei ihrer Meinung nach der Terrorismus, der radikale Arm der Politik, nicht die kleinen Leute.

Neben ihr steht eine Kommilitonin. Sharin hat ein türkisfarbenes Tuch um ihren Kopf geschlungen und trägt einen langen Mantel, darunter lässige Turnschuhe. Die arabische Studentin für Informatik sieht unendlich traurig aus und spricht nur ungern über die «Spirale der Gewalt». Sie stammt aus Nazareth und studiert wie Adin in Haifa. Wenn sie der Konflikt im eigenen Land an einem sonnigen Nachmittag in Thüringen einholt, verschwindet jegliche Ferienfreude aus ihrem Gesicht.

«Als Erstes müssen wir Waffenruhe haben, dann ein Ende der Angriffe und den Menschen in Gaza mehr Frieden geben, sonst bleiben die Gegenangriffe aus Gaza immer eine Antwort.» Ihre jüdische Kommilitonin blickt in den Himmel und verkneift sich eine Antwort. Die Fronten sind klar und manchmal eben auch hier verhärtet, trotz des Versuchs, im Tandem durch das Leben zu kommen.

Koexistenz «Wir reagieren darauf», sagt Nicola Teuber vom Deutschen Förderkreis der Uni Haifa, die an jenem Tag auch nach Erfurt gekommen ist. Sie betreut das Projekt, kennt die Teilnehmer und die vielen Begegnungen in Haifa. Einmal pro Woche haben sich die Studenten, jeweils ein arabischer und ein jüdischer sowie Christen und Drusen getroffen, um ihre Sprachkenntnisse zu trainieren, zu reden und vor allem einander kennenzulernen. «Es funktioniert tatsächlich, zumindest bei uns im Kleinen», sagt Nicola Teuber und erzählt, dass Freundschaften entstanden sind. Auch wenn sich angesichts des Konfliktes Ratlosigkeit breitmache, für die Organisatorin ist klar: «Wir müssen eine Basis legen, um Koexistenz zu fördern.»

Reiner Prass ist an jenem Nachmittag in Erfurt Stadtführer der israelischen Reisegruppe. Er zeigt edle Patrizierhäuser aus dem 16. Jahrhundert, erklärt Bilder und Plastiken an den Wänden und hat die Namen jener parat, die, wie Jakob Naffzer, im Mittelalter als Waidhändler, Oberratsmeister und Patrizier zu Ruhm und Reichtum kamen und noble Häuser bauen ließen.

Er lotst die Gruppe durch das quirlige Altstadtleben an die stillen Orte der Alten und Kleinen Synagoge. «Uns gefällt Erfurt», betonen die Gäste aus Haifa immer wieder. Einige sind zum ersten Mal in Deutschland, in jenem Land, dessen Geschichte des Nationalsozialismus die Biografien der meisten ihrer Landsleute geprägt hat.

Landesgemeinde «Wir können gerne Russisch reden!», begrüßt sie Reinhard Schramm, der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Er verteilt Kippot und führt die jungen Gäste aus der Erfurter Partnerstadt Haifa in die Gemeindesynagoge. In der ersten Reihe nehmen auch Sharin und ihre muslimische Kommilitonin Platz. «Die Synagoge steht auf dem Platz, wo auch früher die Synagoge gestanden hat», erklärt Schramm. Mit «früher» meint er die Zeit vor der Nacht auf den 10. November 1938.

Die Blicke der Studenten wandern durch den nüchternen Raum und gedanklich in die deutsche Geschichte. «Die Wiedereröffnung einer Synagoge in der DDR 1952 ist insofern bedeutsam, als dies in eine Zeit fiel, wo in der Sowjetunion starker Antisemitismus herrschte.» Reinhard Schramm erwähnt den Slansky-Prozess in Prag und die Ärzteprozesse in Moskau.

DDR-Geschichte Er erzählt von seiner Familie, von der nur er und seine Mutter überlebten. Ob er noch Wut verspüre?, fragen ihn die Studenten. «Nein», entgegnet Schramm, aber schön sei es eben auch nicht, «wenn man als Kind ohne Verwandte aufwächst und eine Mutter hat, die an vielen Tagen des Jahres weint. An den Todestagen der anderen.»

Die Tafel ist gedeckt im Raum der Jüdischen Gemeinde, Wasser, Kaffee, Kekse. Man isst und trinkt gemeinsam. Arabische und jüdische Studenten sitzen nebeneinander. Adam ist ein junger Mann von 28 Jahren. Er ist Druse und wollte eigentlich Arzt werden, jetzt studiert er Jura und möchte vielleicht bei den Vereinten Nationen arbeiten.

Fadi, der junge Geschichtsstudent, der so gerne wüsste, wer die unbekannte Schöne auf dem Münchener Hauptbahnhof war, dreht sein Armband mit der Aufschrift «Weltbürger» vor und zurück und sagt auf die Frage, warum sie denn alle hier seien: «Damit wir mehr lernen von Ihnen, aber vielleicht auch andere von uns lernen können. Ich glaube daran, dass niemand perfekt ist und wir immer voneinander lernen können.»

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