Anatoli Skatchkov, Polina Tikanska, Raissa Klotzung und Victor Zlatkin, ihr seid in der Sowjetunion aufgewachsen und in den 90er-Jahren nach Deutschland gekommen. Was ist für euch typisch sowjetisch? Was ist typisch deutsch?
Anatoli Skatchkov: Sowjet bedeutet so viel wie »Rat«. Und das ist in der Tat die große Vorliebe sowjetischer Menschen: anderen ungefragt Rat geben. Egal in welcher Sache. Ich bin davon nicht ausgenommen. Ich habe einmal Medizin studiert, bevor ich mich meiner Leidenschaft gewidmet habe, Filme zu machen. Es kommt bis heute vor, dass ich ungefragt medizinische Ratschläge gebe. Ich versuche aber, das im Zaum zu halten. Was mir in Deutschland gefällt, ist, dass die Leute das hier nicht tun. Also zumindest nicht ungefragt.
Polina Tikanska: Ich muss an die sowjetische Schule denken, die sehr mathematisch und naturwissenschaftlich ausgerichtet war. Das hat zu mir gepasst. Ich habe mich immer für Mathematik interessiert und dann in der Ukraine Ingenieurwissenschaften studiert. In Deutschland hatte ich das Gefühl, dass man den Geisteswissenschaften einen höheren oder zumindest gleich hohen Stellenwert einräumt. Dort waren andere Dinge wichtig, und es wurde generell nicht so sehr auf Leistung geschaut.
Raissa Klotzung: Auch ich habe im Beruf sehr große Unterschiede festgestellt. Ich bin Pädagogin, und dadurch ist mir aufgefallen, wie gegensätzlich das Verständnis von Erziehung ist. In Russland gab es schon im Kindergarten für jede Altersstufe vorbestimmte Ziele und Förderprogramme. In Deutschland habe ich erst einmal einen Kulturschock erlebt. Hier ging es nur darum, dass sich die Kinder wohlfühlen. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es eigentlich gut oder schlecht ist, wie wir erzogen wurden. Schließlich prägt das ein ganzes Leben.
Anatoli: Mir fällt noch etwas typisch Deutsches ein: offen Neid zu zeigen und auch entsprechend über andere Menschen zu sprechen und zu meckern. Das war in der Sowjetunion verpönt. Ich habe versucht, mir das hier nicht anzugewöhnen.
Victor Zlatkin: Vielleicht, weil wir mehr zum Kollektivismus neigen und die Deutschen zum Individualismus. Russen sind sich in persönlichen Beziehungen viel näher als Deutsche.
Und bist du eher Individualist oder Kollektivist?
Victor: Ich bin in der Mitte.
Du wurdest vor 91 Jahren in Odessa geboren. Was war dein Bild von Deutschland, als du ein Kind warst?
Victor: Damals hätte ich niemals gedacht, dass ich einmal in Deutschland leben würde. Als die Nazis begannen, Odessa zu belagern, war ich fast sieben Jahre alt und habe viel verstanden. Wir wurden nach Stalingrad evakuiert, dann flohen wir nach Kasachstan. Ich habe deutsche Flieger über mir gesehen, Bombardierungen erlebt. Ich weiß, was Hunger ist. Ich habe Menschen gesehen, die von der Front ohne Hände oder Beine zurückkamen. Nach dem Krieg habe ich alle Details über den Holocaust erfahren. Die Nazis hatten meine Großeltern ermordet. Das ist eine schreckliche und schwere Geschichte für mich. Aber mit den Jahren werden diese Gefühle schwächer, und ich bin kein nachtragender Mensch. Als Professor unterrichtete ich ostdeutsche Studenten, und wir haben uns gut verstanden. In der Perestroika kamen viele Deutsche nach Odessa, um humanitäre Hilfe zu leisten, das hat mich beeindruckt. Später lebte ich in St. Petersburg, wo etliche deutsche Touristen durch die Straßen flanierten und sich sehr interessiert zeigten. Ich habe auch meine Frau kennengelernt, die als Germanistin deutsche Kultur liebte. Aber etwas ist dennoch geblieben.
Sind diese Gefühle aus deiner Kindheit also nie ganz verschwunden?
Victor: Die Vergangenheit ist für mich unvergesslich. Aber das sind jetzt keine Gefühle, das ist nur Geschichte. Meine Frau konnte mich überzeugen, dass Deutschland ganz anders ist. Schließlich sind wir sogar dorthin umgezogen. Gleichzeitig halte ich hier die Augen offen. Ich kann heute auch manchmal noch verschleierte nationalsozialistische Anzeichen erkennen. Das macht mir Sorgen.
Polina, auch du hast Familie, die die Schoa erlebt hat. Du bist 1958 geboren, also nach dem Krieg. Wie hast du vom Holocaust erfahren?
Polina: In der Familie wurde überhaupt nicht darüber gesprochen, auch nicht darüber, dass wir jüdisch sind. Ich erinnere mich nur an ein paar Sätze, die ich irgendwie als Kind mitbekommen habe. Mein Vater hatte wirklich kein einfaches Leben. Er wollte nicht, dass wir Kinder davon zu viel wissen. Ich bin also mit dem Geschichtsbild aufgewachsen, das wir in der Schule aus Büchern gelernt haben. Aber ich habe schon geahnt, dass das nicht 100-prozentig stimmt.
Was bedeutete es damals für dich, jüdisch zu sein?
Polina: Dass du besser sein musst als die anderen, um Anerkennung zu bekommen. Das habe ich schon in der Schule gemerkt. An vielen sowjetischen Universitäten gab es inoffizielle Quoten: Juden wurden nur begrenzt aufgenommen, und es gab schwerere Aufgaben beim Bewerbungsverfahren.
Du bist in Krementschuk, einer Kleinstadt in der Zentralukraine, aufgewachsen. Gab es dort noch andere Juden?
Polina: Ja, auch wenn wir nicht offen darüber sprachen. Uns verband das Gefühl, dass wir irgendwie anders sind und irgendwie schlechter als die anderen. Aber es gab natürlich keine offizielle Gemeinde. Meine Mutter arbeitete damals in einer Nähfabrik, ausgerechnet in dem Gebäude, in dem vor dem Krieg eine Synagoge war. Heutzutage ist das Haus restauriert, es finden wieder Gottesdienste statt. Aber zu meiner Zeit war das einfach Mamas Arbeitsplatz. Ich habe viel später von der Geschichte des Gebäudes erfahren. In eine Synagoge bin ich zum ersten Mal in Deutschland gegangen.
Victor: Auch wir feierten keine jüdischen Feste. Meine erste Mazza aß ich, als ich 40 Jahre alt war – meine Mutter schickte sie mir in den letzten Jahren der Sowjetunion aus Odessa. Und es schmeckte! Ich glaube, das ist etwas Angeborenes.
Raissa: Auch ich erinnere mich, dass uns von unseren Verwandten aus Moskau ein paar Mazzot geschickt wurden. Das war eine der wenigen Traditionen, die überlebt hatten.
Anatoli: In meiner Kindheit war das ganz anders! Dabei bin auch ich in der Ukraine aufgewachsen, allerdings wiederum eine Generation später und ganz im Westen, in der Stadt Czernowitz, der wohl jüdischsten Stadt der Ukraine. Dort war alles viel offener. Meine Oma hat mich morgens um vier Uhr zum Markt mitgenommen, dann haben wir ein lebendiges Hühnchen gekauft und uns damit in die Schlange beim jüdischen Fleischer gestellt, der es auf koschere Art geschlachtet hat. Und alle in dieser Schlange sprachen Jiddisch! Später habe ich in Sibirien Medizin studiert, und sämtliche Professoren waren Juden, weil Stalin sie aus Moskau in diese Einöde geschickt hatte. Das war ein Riesenglück für mich. Denn ansonsten gab es dort kaum jüdisches Leben, und meine russischen Freunde verstanden gar nicht, was mir dort fehlte.
Ein Teil deiner Familie ist aber auch nichtjüdisch. Hat das zu Konflikten geführt?
Anatoli: Ich hatte eine chinesische Oma auf der väterlichen Seite, die eine überzeugte Kommunistin war. Das ist eine meiner Lieblingserzählungen aus der Kindheit: Wir sitzen bei meinen Großeltern in Moskau, und diese Oma erzählt mal wieder etwas Ideologisches. Ich als Kind höre das und sage: Aber Oma, wir sind doch »Jewrezki«! Dieses Wort gibt es im Russischen gar nicht, aber es klingt wie eine Volksbezeichnung für Juden, so wie »Judeaner«. Das sage ich also zu dieser chinesischen Oma, die sich natürlich nicht als Chinesin, sondern frei von nationalistischem Denken als Sowjetmensch begreift. Sie war total schockiert. Schon in der Kindheit war mir klar, dass Judentum und Kommunismus nicht gut zusammenpassen können.
Diese Anekdote zeigt aber auch, dass Jüdischsein in der Sowjetunion wie eine Nationalität behandelt wurde. Es stand sogar unter dieser Kategorie im Pass und wurde über den Vater »vererbt«.
Raissa: Das führte später bei der Migration nach Deutschland zu viel Verwirrung, insbesondere bei denjenigen, die in der Sowjetunion als jüdisch galten, in den deutschen Gemeinden aber kein Mitglied werden konnten. Religionsrechtlich wird das Jüdischsein über die Mutter weitergegeben.
Bei dir war es ähnlich: Du bist halachisch nicht jüdisch, aber in St. Petersburg in einem jüdischen Umfeld aufgewachsen.
Raissa: Das stimmt, aber gleichzeitig spielte es in meiner Kindheit kaum eine Rolle. Ich ging auf eine Schule mit vielen jüdischen Kindern, Lehrern und sogar einer jüdischen Direktorin. Wir Kinder hatten wegen solcher Identitätsfragen nie Streit. Viele unserer Eltern verstanden sich ohnehin eher als Kosmopoliten, mit Religion hatte niemand etwas am Hut. Das war vielmehr ein kulturell offenes und intellektuelles Milieu, in dem ich aufwuchs, und dazu zählten eben viele Menschen mit jüdischen Wurzeln. St. Petersburg – damals hieß es noch Leningrad – war eine internationale Stadt. Ich habe später auch meinen jüdischen Mann dort kennengelernt. Er ist allerdings in der Ukraine aufgewachsen und hat dort eine ganz andere Erfahrung gemacht: Als Kind wurde er von nichtjüdischen Kindern geschlagen und geärgert.
Wann ist der Antisemitismus für dich ein Thema geworden?
Raissa: Erst später, in der Perestroika. Mit dem Ende der Sowjetunion zerfiel eine Ordnung, ein ganzes System zerbrach, und für manche waren Juden die Sündenböcke. Auf dem Newski-Prospekt kam es zu Demonstrationen russischer Ultranationalisten, die unseren Tod forderten. Meine Tochter schickte ich damals zur jüdischen Sonntagsschule. Wir Eltern organisierten uns so, dass die Kinder nie unbeaufsichtigt blieben. Es wäre zu gefährlich gewesen.
In dieser Zeit beschlossen viele Juden, das Land zu verlassen. Rund 200.000 Menschen gingen nach Deutschland, auch ihr. Was waren eure Gründe?
Raissa: Ehrlich gesagt wollte ich gar nicht nach Deutschland. Ich hatte schon angefangen, Hebräisch zu lernen, und träumte von Israel. Viele versuchten es dort. Um mich herum zogen alle Freunde weg, es entstand eine Leere. Meine Ideale hatten sich aufgelöst. Ich wollte nur weg. Aber mein Mann war dagegen. Drei Jahre lang habe ich abgewartet, dann stimmte er zu, zumindest nach Deutschland zu ziehen. Er hatte wissenschaftliche Artikel in deutschen Zeitschriften publiziert und hoffte, dort an seinen akademischen Erfolg anzuschließen.
Anatoli: Die Situation kenne ich. Es verging damals kaum ein Jahr, in dem nicht einer meiner Freunde oder ein Familienmitglied nach Israel, in die USA oder nach Kanada zog. Mir war klar, dass ich auch irgendwann ausreisen würde. Außerdem wollte ich nicht mehr Medizin studieren, sondern unbedingt Filme machen. Ich bin dann per Anhalter zu einem polnischen Regisseur gefahren, bei dem ich ein Jahr arbeitete. Danach habe ich ein Stipendium der Europäischen Filmakademie bekommen, um nach Berlin zu gehen. Ich kam also auf einem eher ungewöhnlichen Weg nach Deutschland, lebte als Künstler in Kreuzberg in einer schönen Altbauwohnung. Dann versuchte ich, für mich, meine Mutter und meine Großmutter Asyl zu beantragen. Das hat auch geklappt – nur war ich jetzt plötzlich nicht mehr der hippe Stipendiat, sondern ein Flüchtling, dem ein Wohnort zugeteilt wurde. Wir kamen nach Frankfurt am Main in ein Heim und durften da auch erst einmal nicht mehr weg. Das war ein Schock.
Victor: Auch für uns war diese Zuteilung eine böse Überraschung. Meine Frau und ich sind nach Sachsen-Anhalt geschickt worden. Meine Mutter, die nach dem Tod meines Vaters allein aus Odessa kam, wurde in einem Heim im Saarland untergebracht. Zum Glück beherrschte meine Frau Deutsch und konnte mit den Beamten diskutieren, sodass wir später alle im selben Flüchtlingsheim im Saarland zusammenkamen.
Polina: Wir lebten auch in einem Heim, in einem kleinen thüringischen Dorf. Am Anfang besaßen weder ich noch mein Bruder oder meine Mutter ein Auto, und der nächste Ort, wo man Brot kaufen konnte, war acht Kilometer entfernt. Die Menschen dort wollten nichts mit uns zu tun haben. Der Sohn meines Bruders kam in die Kita, doch nicht einmal da sprachen die deutschen Eltern mit uns. Ich war heilfroh, als ich eine Arbeit als Putzfrau in der Uniklinik Würzburg gefunden hatte. Das war für mich die Chance, aus diesem Dorf herauszukommen.
Raissa: Auch ich habe erlebt, dass das Verhältnis zu den Deutschen nicht einfach war. Ich engagierte mich sogar in einem Verein für Kulturaustausch, der »deutsch-russischen Brücke«. Doch eines Tages fragte mich ein deutscher Teilnehmer: »Warum bist du überhaupt gekommen? Es wäre doch besser, wenn du in Russland geblieben wärst.« Das habe ich damals nicht zum ersten Mal gehört. Bis heute sind nicht alle unsere Freunde.
Polina hat es schon erwähnt: Viele der jüdischen Kontingentflüchtlinge waren Akademiker, konnten aber nicht in ihren Berufen in Deutschland weiterarbeiten. Wie war das bei euch?
Raissa: Mein Pädagogikstudium wurde in Deutschland nicht ernst genommen. Es herrschte das Vorurteil, in Russland habe man autoritäre Erziehungsmethoden und würde Kinder schlagen. Ich habe der Dame auf dem Amt erst erklären müssen, dass ich natürlich auch die westlichen Größen der Pädagogik kannte: Fröbel, Montessori, Pestalozzi, Spock. Ich konnte sie überzeugen, musste aber noch ein Jahr lang eine Ausbildung in einem Kindergarten absolvieren, bis ich als Erzieherin anerkannt wurde. Eigentlich war ich dafür überqualifiziert: In Russland hatte ich zukünftige Pädagogen unterrichtet. In den ersten Jahren im Kindergarten habe ich oft mit meinen Kolleginnen diskutiert. Ich fand es wichtig, dass die Kinder ein paar Kenntnisse erlernen. Doch wenn ich etwas vorzeigen wollte, sagten meine Kolleginnen: »Lass die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen.« Das hat mich frustriert.
Victor: Mein Doktortitel und meine Diplome wurden amtlich anerkannt. Doch als über 60-jähriger Dozent gab es für mich keine Möglichkeit, wieder in das akademische Leben einzusteigen. Gleichzeitig hatte ich, wie viele Kontingentflüchtlinge, keinen Anspruch auf Rente.
Polina: Man muss das einmal festhalten, was für eine Ungerechtigkeit das war: Man hatte uns Kontingentflüchtlinge ja nach Deutschland gebeten. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hatte sich persönlich dafür eingesetzt, dass Gorbatschow Juden nach Deutschland ausreisen ließ. Ziel war es, die jüdischen Gemeinden wiederaufzubauen, doch wir durften gar nicht in die Städte mit größeren Gemeinden ziehen. Die Behörden erkannten weder unsere Abschlüsse noch unsere Berufsjahre für die Rente an – und natürlich bekamen wir erst einmal keinen deutschen Pass. Bei anderen Gruppen ging das: Die Russlanddeutschen beispielsweise, die gleichzeitig mit uns kamen, erhielten sofort die Staatsbürgerschaft. Als sogenannte Spätaussiedler hatten sie einen gesetzlichen Anspruch auf Anerkennung ihrer ausländischen Qualifikationen und konnten ihre Rentenansprüche aus den Herkunftsländern geltend machen. Wir nicht.
Viele jüdische Kontingentflüchtlinge lebten daher erst einmal von Grundsicherung. Was hast du gemacht, Victor?
Victor: Eine Zeit lang habe ich als Wächter für die Jüdische Gemeinde Frankfurt gearbeitet. Dann habe ich mich selbstständig gemacht und ein Reisebüro eröffnet: »Dr. Zlatkin Reisevermittlung« – mein Doktortitel wurde ja hier anerkannt. Ich habe sehr günstige Flugtickets verkauft, nach Russland, Kasachstan, in die Ukraine. Eben für unsere Leute. Doch irgendwann kam das Internet, und jeder buchte seine Reisen selbst. Ich habe mich auch an diese Zeiten angepasst und biete nun Kurse für ältere Menschen an, damit sie lernen, mit Computer und Smartphone umzugehen. Das mache ich auch heute noch ehrenamtlich, mit 91 Jahren.
Polina: Wir alle haben viel geleistet, um uns hier ein neues Leben aufzubauen. Das Gefühl, das ich am Anfang beschrieben habe – dass man als Jude besser sein muss als die anderen, um überhaupt eine Chance zu bekommen –, ist in Deutschland wieder in mir hochgekommen. Als ich meinen Deutschkurs absolvierte, haben mich die anderen Mitschüler ignoriert. Erst als ich die Beste war, wurden sie auf mich aufmerksam. Von meinen sechs Hochschuljahren wollte man in Deutschland nur anderthalb anerkennen. Ich wusste: Wenn ich jetzt noch einmal studiere, bin ich schon über 40. Wer stellt mich dann noch ein? Das war eine große Enttäuschung, eine Kränkung. Ich musste meine Erwartungen herunterschrauben. Ich habe viele Bewerbungen geschrieben und wurde selbst bei Leiharbeitsfirmen abgelehnt. Dann habe ich als Putzfrau angefangen. Später habe ich eine Arbeit in Frankfurt als Buchhalterin gefunden und bin dafür täglich vier Stunden mit der Bahn gependelt.
Hast du deine Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, je bereut?
Polina: Nein. Ich hatte Heimweh, aber ich bin es gewohnt zu kämpfen. Wenn ich einmal wieder eine Absage bekam, sagte ich mir: Morgen stehst du auf und machst weiter. Was mir half, waren andere jüdische Flüchtlinge, die meine Freunde in Würzburg wurden. Später half mir die Gemeinde dort auch, meine Mutter zu versorgen, als sie älter wurde. Das erste Mal in einer Synagoge war ich allerdings woanders. Wir machten damals eine Reise nach Auschwitz. Auf dem Rückweg hielten wir in Augsburg, und ich überzeugte den Hausmeister, uns in das alte Gebäude hineinzulassen. Ich bin kein religiöser Mensch, aber das war mir wichtig. Ich bin auch über die Gemeinde in das koschere Hotel in Bad Kissingen gereist, wo ich einen echten Schabbat miterleben durfte. Aber für religiöses Leben hatte ich meistens weder Zeit noch Kraft.
Victor: Auch ich konnte in Deutschland ein bisschen mehr über das Judentum erfahren. Ich wusste davon ja nur aus schöner Literatur. Am religiösen Leben nehme ich aber nicht viel teil. Unsere Religion ist ein bisschen zu fröhlich für meine Natur. Ich bin drei oder vier Feiertage pro Jahr gewohnt, nicht jede Woche mit Wein und großem Essen. Aber mir ist es sehr wichtig, Gemeindemitglied zu sein. Schließlich habe ich mich immer als Jude verstanden. Für mich bedeutet das Gemeindeleben vor allem, soziale Verbindungen zu pflegen.
Anatoli: Meine Beziehung zur jüdischen Gemeinde in Frankfurt war ambivalent. Alle unsere fünf Kinder waren hier im jüdischen Kindergarten, das war wunderbar. Doch weil meine Frau nicht jüdisch ist, konnten sie keine Gemeindemitglieder werden, und wir hätten für die jüdische Schule viel bezahlen müssen. Das konnten wir uns nicht leisten. Deshalb habe ich Abstand zur Gemeinde genommen. Doch als ich älter wurde, habe ich viel über meine eigenen Wurzeln nachgedacht. Ich habe Filme zu diesem Thema gedreht. Gleichzeitig war ich ein Weltmensch, arbeitete in einem internationalen Team, hatte Freunde von überallher. Ich habe meine Großeltern nie ernst genommen, wenn sie davon sprachen, dass die Welt da draußen voller Antisemiten sei. Doch dann kam der 7. Oktober 2023. Da habe ich bei Facebook auf einen Schlag 500 Freunde verloren. Und plötzlich war ich wieder auf meine Wurzeln zurückgeworfen: Ich bin jüdisch. Seitdem bin ich wieder in der Gemeinde aktiv. Es gibt hier einen Treffpunkt für Schoa-Überlebende und ihre Kinder sowie Kindeskinder. Zu den Treffen jener sogenannten Dritten Generation gehe ich nun öfter.
Hast du je in Erwägung gezogen, zurückzugehen?
Anatoli: Einige meiner Bekannten, die in Russland geblieben sind, haben in den ersten Jahren unter Putin unglaublich viel Geld gemacht. Ich bin dann tatsächlich auch einmal nach Moskau gefahren und habe einen Freund getroffen, der inzwischen einen großen Namen in der Filmbranche hatte. Er zeigte mir seine neueste Serie. Als ich sah, mit welchem Quatsch man dort Geld verdienen konnte, habe ich abgelehnt. Natürlich bin ich als Künstler in Deutschland nie reich geworden. Aber hier kann ich zumindest genau das machen, was ich will. Ich kann kreativ und frei sein. Und das ist mehr wert als jeder Scheck.
Das Gespräch führte Mascha Malburg im Treffpunkt der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. (Mitarbeit: Joshua Schultheis)