Porträt der Woche

»Ich mache mein Ding«

»Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein«: Tamir Gorodeiski lebt in Bremen. Foto: Till Schmidt

Porträt der Woche

»Ich mache mein Ding«

Tamir Gorodeiski ist Koch in Bremen und lebt seinen Traum

von Till Schmidt  05.09.2020 20:51 Uhr

Das Kochen habe ich nie über eine Ausbildung gelernt. Schon als Kind war ich allerdings ein guter Esser. Nach dem Sechstagekrieg hat meine Familie mit Freunden häufig Ausflüge ins Westjordanland unternommen, und am Ende sind wir immer in einem arabischen Restaurant gelandet. Das hat mich geprägt. Lange Zeit habe ich meine Kochkurse aus Respekt vor der arabischen Küche »arabische Kochkurse« genannt.

Ich bin aschkenasischer Jude, meine aus Deutschland stammende Mutter kochte ab und zu auch deutsches Essen. Zu Rosch Haschana gab es Gefilte Fisch oder Zimmes, im Alltag auch Waldorf- oder Kartoffelsalat. Das orientalische Essen mochten wir allerdings viel lieber. Und ich muss sagen: Meine Mutter konnte das einfach nicht so gut kochen wie in den Restaurants, die von Arabern, aber auch von Mizrachim aus dem Jemen oder dem Irak betrieben wurden.

Feinkost In Bremen und Umgebung beliefere ich Feinkost-Delikatessengeschäfte, zudem gebe ich Kochkurse und stehe mit meinem Imbisswagen auf dem Wochenmarkt am Benqueplatz im Stadtteil Bremen-Schwachhausen. Bei meinen Caterings begleite ich die Menschen noch lange nach der Eröffnung des Buffets. Sie können fragen, was immer sie wollen. Zu Beginn gebe ich ihnen mit einer kurzen Rede immer eine Art geistigen Aperitif. Ich erzähle etwas über meine Kreationen, deren Zutaten und geografische Ursprünge.

Mein Vater erbte eine Zitrusplantage – dadurch hatten wir nie finanzielle Sorgen.

Meistens sind meine Gäste Leute in meinem Alter, Menschen um die 50 also, die das Leben kennen, vieles gesehen und viele Erfahrungen gemacht haben. Ich versuche, diese Veranstaltungen immer sehr persönlich zu gestalten, und habe gemerkt: Was der Bauer nicht kennt – bei mir frisst er’s doch.

HEILPÄDAGOGE Nach Deutschland bin ich 1989 gekommen, um am Bodensee eine heilpädagogische Ausbildung in einer Camphill-Lebensgemeinschaft zu machen. Später dann begann ich ein Studium der Kunsttherapie in Ottersberg bei Bremen. Dass ich überhaupt nach Deutschland kam, hat über Umwege auch mit meinen Erfahrungen nach dem Militärdienst zu tun.

Wie viele Israelis bin ich nach der Armee auf eine längere Reise gegangen. Ich war ein Jahr lang mit dem Rucksack in Südamerika und auch in Europa unterwegs, habe dort mit Drogen und mit meiner Spiritualität experimentiert.

Wie verwandelt kam ich wieder nach Hause und landete in Harduf, einem Kibbuz im Norden Israels, dessen Mitglieder nach der von Rudolf Steiner begründeten Weltanschauung der Anthroposophie leben. Vier Jahre lang hörte ich dort Vorträge, arbeitete als Schäfer, pflegte Kontakte zu Beduinen und lernte auch die Mutter meiner ersten Tochter kennen.

Im Kibbutz hörte ich von der Heilpädagogik-Ausbildung am Bodensee – und bin dorthin. Auf mein Bauchgefühl konnte ich mich immer verlassen.

GEHEIMDIENST Das war auch schon so, als ich während des Militärdienstes von der Nachal-Infanterie-Brigade und unseren Operationen im Westjordanland weg wollte und anschließend beim Geheimdienst gelandet bin.

Kurz danach begann der Libanon-Krieg, und ich bin mir sicher, ich wäre dorthin eingezogen worden. Ehemalige Kollegen waren vor Ort – und sind gefallen. Unmittelbar nach meinem Militärdienst hatte ich bereits den Impuls: Ich muss hier raus.

Auf mein Bauchgefühl konnte ich mich immer verlassen.

Heute mache ich mein Ding, widme mich meiner Kunst, entfalte mein Können. Mit meinem kleinen Gastro-Unternehmen lebe ich meinen Traum. Dazu gehört nicht nur meine eigene Gastro-Küche im Nebengebäude meines Hauses in Buchholz bei Vorwerk. Seit Kindheitstagen bin ich zudem passionierter Zeichner.

MAXIME Mich faszinieren die Gesichter von Menschen. Mich interessiert, wie die Elemente des Gesichts einer Person zueinander stehen, und ich versuche herauszufinden, wie das die Persönlichkeit des Individuums widerspiegelt. Das ist vielleicht ähnlich wie bei der individuellen Handschrift. Ich habe bislang mehr als 30.000 Personen gezeichnet.

Wenn ich mich selbst im Spiegel beobachte, dann sehe ich an meinem Kinn Schwäche. Ich habe Stärken, ganz klar, aber nicht dort. Ich bin ein Mensch des Hier und Jetzt und lebe nach der Maxime: »Wie du leben willst, das gestaltest du mit.« Jeder Mensch möchte etwas verwirklichen, und bei mir ist es genau das, was ich jetzt mache. Das Gesicht ist eine unglaublich tolle Erscheinungsform, es berührt mich zu sehen, welche Kraft und Energie dahinterstecken.

In wenigen Minuten kann ich Menschen etwas über ihr Gesicht und ihre Individualität mitteilen, was sie vorher meist noch nie so wahrgenommen haben. Ich freue mich darüber, ihnen dies zu zeigen.

FAMILIE In Bremen und der Region kann man sehr entspannt leben. Manchmal vermisse ich jedoch die israelische Hitze, die Direktheit der Menschen und das Chaotische. Das alles ist ebenfalls ein Teil von mir. Bremen empfinde ich als sehr weltoffen.

Wenn hier – in Bremen oder allgemein in Deutschland – die AfD an die Macht kommen würde, wäre das aber eine rote Linie, und ich würde gehen. Wahrscheinlich nach Israel, denn ich besitze dort noch eine Häuserhälfte, und ich bin immer noch Israeli, ein Sabra – und das werde ich bis zum Ende meines Lebens bleiben. Auch wenn es wohl nicht leicht wäre, mich wieder einzuleben.

Ich bin ein Mensch des Hier und Jetzt und lebe nach der Maxime: »Wie du leben willst, das gestaltest du mit.«

Schon meine Mutter wusste irgendwann, dass sie gehen muss. Geboren als Edith Katz, hat sie das nationalsozialistische Regime sechs Jahre lang erleben müssen. Nach einer kurzen Inhaftierung meiner Großmutter ist die Familie 1939 ohne Hab und Gut und mit viel Glück nach Bue­nos Aires geflohen.

Meine Großmutter sagte: »Ich muss so weit wie möglich von Deutschland weg.« 1955 ist meine Mutter dann nach Israel gegangen. Seit Langem schon war sie in der zionistischen Bewegung aktiv. In Netanja traf sie schließlich auf meinen Vater.

Dessen Großfamilie mit elf Kindern kam Ende des 19. Jahrhunderts nach Palästina und gründete die Stadt Rehovot mit. »Wenn du in Rehovot einen Stein wirfst, dann triffst du einen Hund oder einen Gorodeiski«, pflegten die Araber damals zu sagen. Mein Vater hatte die Zitrusplantage meines Großvaters geerbt und arbeitete für das Israel Citrus Council. Durch sein Erbe wurde mir – und meiner Tochter – eine tolle Zukunft ermöglicht. Von meinen Eltern habe ich zwei Porträts gezeichnet, wenn ich sie morgens sehe, denke ich: Vielen Dank, toda raba.

FESTE In Israel wuchs ich in europäisch-jüdischer Umgebung auf. Wir gingen regelmäßig in die alte Synagoge in Rehovot. Bis heute beeindrucken mich die Festlichkeit, wie wir uns schick gemacht und zusammen gegessen haben, sowie die Gesangskünste des Chasan.
Heute habe ich jedoch fast alles vergessen, sodass mir in Bremen Konvertiten schon mal unter die Arme greifen mussten.

Ich bin nicht religiös, genieße aber die Zusammengehörigkeit, die Gemeinschaft, dass man zu etwas gehört, das eine lange Tradition und Geschichte hat. Das ist mir gerade bei den letzten Synagogenbesuchen besonders aufgefallen.

Von meinen Eltern habe ich zwei Porträts gezeichnet, wenn ich sie morgens sehe, denke ich: Vielen Dank, toda raba.

Da ich mit einer nichtjüdischen deutschen Frau verheiratet war und ich es als Vater schlicht versäumt habe, spielte das Jüdische in der Erziehung meiner Kinder keine große Rolle. Ich erinnere mich aber daran, wie ich am Totenbett meiner Schwiegermutter das Schlaflied »Numi Numi« sowie »Eli Eli« gesungen habe. »Mein Gott, mein Gott / Der nie zu Ende gehen wird / Der Sand und Meer / Das Rauschen des Wassers / Der blitz des Himmels / und das Gebet des Menschen«, heißt es dort. Eine Zeit lang habe ich in Fischerhude Grundschülerinnen und -schülern die wichtigsten Festtage des Judentums beigebracht.

Seit dem Tod meiner Eltern versuche ich, jedes Jahr ein, zwei Mal nach Rehovot zu reisen, zumal dort auch mein Bruder lebt. Mich macht es traurig, dass es nun nicht mehr die Möglichkeit gibt, bei beiden Dinge nachzufragen, denn gerade mein Vater war ein toller Geschichten- und Anekdoten-Erzähler mit einem unglaublichen Erinnerungsvermögen.
Dass ich ein bescheidener Mensch bin, habe ich von ihm geerbt. Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Und das, was ich aktuell tue, wie ich mein Leben im Hier und Jetzt lebe, das ist genau das, was ich will.

Aufgezeichnet von Till Schmidt

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