Interview

»Ich biete einen neuen Blickwinkel«

Militärrabbiner für Norddeutschland: Shmuel Havlin Foto: picture alliance/dpa

Herr Rabbiner, nach Konstantin Pal sind Sie ein weiterer Militärrabbiner, der nun in sein Amt eingeführt wurde. Sie sind bereits seit zehn Monaten im Dienst. Waren Sie aufgeregt?
Für mich ist alles Neuland. Ich wusste nicht genau, was mich erwartet. Aber es war eine sehr, sehr gute Überraschung.

Sie sind für Norddeutschland zuständig.
Mein Gebiet ist ziemlich groß und umfasst fünf Bundesländer. Von Schleswig-Holstein bis Niedersachsen, darunter auch Bremen, wo ich wohne, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Das sind mehr als 60 Kasernen und zahlreiche Bataillone. Wir reden über ein wirklich großes Gebiet.

Wo steht Ihr Schreibtisch?
In der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Ich pendele jeden Tag aus Bremen. Aber ich bin in Norddeutschland viel unterwegs.

Was sind Ihre Aufgaben?
Ich bin sowohl für die jüdischen Soldaten als auch für die seelsorglichen Bedürfnisse aller Soldaten der Bundeswehr zuständig. Und natürlich für den Lebenskundlichen Unterricht und die Lebenskundlichen Seminare. Da behandeln wir allgemeine ethische Themen.

Werden Sie wegen des Krieges in Israel als Seelsorger mehr in Anspruch genommen?
Bisher nicht, er ist ja gerade erst ausgebrochen und scheint für viele noch weit weg. Aber es wird noch kommen, da bin ich mir sicher.

Was ist das Besondere an Ihrem Standort?
Es sind keine normalen Kasernen. Es ist eine Führungsakademie und somit für uns eine gute Gelegenheit, die Leute kennenzulernen und zu unterrichten. Die Generäle werden später in ganz Deutschland und auch in Nachbarländern ihren Dienst tun. Dabei sind sie auch Multiplikatoren für uns. Wir werden in hoffentlich naher Zukunft zehn Rabbiner in ganz Deutschland werden und möchten bundesweit präsent sein. Und wir möchten die Leute, die uns begegnen, auch als Multiplikatoren nutzen.

Ist das ein erfolgreiches Konzept?
Unbedingt. Das ist für mich keine Frage. Ich gebe, wie gesagt, ganz oft Lebenskundlichen Unterricht. Und ich führe ab und zu auch durch Synagogen. Das hat es, glaube ich, in der Bundeswehr lange nicht gegeben. Aber vor 100 Jahren gab es Militärrabbiner, die wurden Feldrabbiner genannt. In der Zeit des Ersten Weltkriegs waren es über 100.

Worüber sprechen Sie in den Lebenskundlichen Seminaren?
Wir reden über ganz neutrale ethische Themen wie zum Beispiel über Menschenwürde oder über die Inklusion von Minderheiten. Eigentlich haben die Seminare keine religiösen Bezüge. Allerdings nutze ich die ersten Minuten für eine Vorstellung des Militärrabbinats. Ich stelle mich natürlich auch selbst vor. Ich bin gebürtiger Israeli. Und ich bin auch orthodox – das interessiert die Menschen, sie stellen 1000 Fragen. Man merkt schon, dass es für die meisten Soldaten die erste Begegnung mit einem Juden oder einem Rabbiner ist. Und sie nutzen die Gelegenheit. Das finde ich positiv. Der Unterricht bleibt religionsneutral. Aber meine ganze Ausbildung als Rabbiner spielt natürlich auch mit hinein. Ich biete einen neuen Blickwinkel an.

Was hören Sie von Ihrer Familie, die ja noch in Israel lebt?
Das ist für mich sehr, sehr surreal. Am Donnerstag fand meine Amtseinführung statt, eigentlich ein sehr erfreuliches Ereignis. Ich habe vor Kurzem mit meiner Mutter gesprochen. Sie sitzt im Panikraum, im Bunker. Sie konnte natürlich nicht kommen. Meine beiden Kinder, die eigentlich in Israel zur Schule gehen, habe ich nach Deutschland geholt. Ich lebe jetzt in zwei Welten. Und ich versuche, die beiden irgendwie zusammenzubringen. Das ist sehr, sehr schwer. Aber leider leben wir in solchen Zeiten und müssen damit umgehen.

Mit dem Militärrabbiner sprach Christine Schmitt.

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