Reaktionen

Historischer Tabubruch

Mit den Stimmen der AfD wurde Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten gewählt. (Februar 2020) Foto: imago images/Steve Bauerschmidt

Mit scharfer Kritik haben Vertreter der jüdischen Gemeinden in Deutschland auf die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum thüringischen Ministerpräsidenten am Mittwoch reagiert.

Schande Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, sagte dieser Zeitung: »Das unmoralische Angebot der AfD mit ihrem Null-Stimmen-Trick für den eigenen Kandidaten wurde durch CDU und FDP bewusst zum Gewinn des Ministerpräsidentenpostens genutzt.« Ein Ministerpräsident von AfD-Gnaden sei »eine Schande für Thüringen«, so Schramm. Die CDU-Führung hätte dies verhindern müssen.

Die »unmoralische Aktion, konzertiert oder nicht konzertiert,« sei vorhersehbar gewesen, aber man habe sie geschehen lassen, sagte Schramm. »Wie soll sich jüdisches Leben und jüdische Kultur in Thüringen entwickeln, wenn die AfD – sei es direkt oder indirekt, in einer Koalition oder duldend – Teil einer Landesregierung ist?« fragte Schramm.

TABUBRUCH Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main erklärte, die Wahl Kemmerichs sei »ein historischer Tabubruch« und eine »geradezu schaurige Vorstellung«.

»Die Unterstützung durch Rechtspopulisten, deren Vorsitzender das Denkmal für die ermordeten Juden Europas als ‚Denkmal der Schande‘ bezeichnet und eine 180-Grad-Wende der deutschen Erinnerungskultur fordert, ist ein moralischer Offenbarungseid und ebnet den Weg für künftige Kooperationen mit der AfD. Keine Partei, die sich der freiheitlich demokratischen Grundordnung verpflichtet fühlt, darf ein Bündnis mit der AfD zur Wahl eines Ministerpräsidenten eines Bundeslandes eingehen,« hieß es in einer Stellungnahme aus Frankfurt.

Nun seien FDP und CDU im Bund gefragt, ein klares Machtwort zu sprechen. Kemmerich müsse als Ministerpräsident zurückzutreten, so der Gemeindevorstand.

Auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, sprach von einem »Tabubruch«, der »ohne Beispiel in der jüngeren Geschichte unseres Landes« sei.

ISRAEL Der israelische Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, sprach von einem »gefährlichen Präzedenzfall«, da die Wahl Kemmerichs im Vertrauen auf eine Unterstützung durch die AfD erfolgt sei.

Issacharoff lobte dagegen die kritischen Reaktionen aus der deutschen Politik auf den Vorgang in Erfurt. »Das Wissen um die Integrität der führenden deutschen Politiker und die Verurteilungen von MdBs aus dem gesamten politischen Spektrum sind ein positives Zeichen«, sagte er der »Bild«-Zeitung.

Dies sei »ein Moment der Wahrheit für die deutsche Demokratie«, so der Botschafter, und weiter: »Die Herausforderung für Deutschland besteht jetzt – mehr denn je – darin, die dunklen Geister der Vergangenheit zu überwinden und ihnen jeden Platz und jede Legitimität in der politischen Szene zu verweigern«, so Issacharoff.

B’nai B’rith Die Leiterin des Brüsseler EU-Büros von B’nai B’rith International, Alina Bricman, erklärte auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen, die Firewall, die man gegen die AfD aufgebaut habe, funktioniere nicht. Es sei »ein besorgniserregender Fakt«, dass man anscheinend in Thüringen auf AfD-Stimmen angewiesen sei, um die Regierung zu bilden. »Dagegen müssen wir angehen: Eine rechtsextreme, antisemitische und rassistische Partei darf niemals wieder eine solche Macht ausüben,« sagte Bricman.

Reform

Hilfe im Alltag

Familien mit behinderten Kindern sorgen sich, dass ausgerechnet die Unterstützung gekürzt wird, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht

von Christine Schmitt  05.08.2026

Erfurt

Schicht um Schicht

Dort, wo eben noch Parkplätze waren, wird seit wenigen Tagen nach einem Stück jüdischer Geschichte gegraben. Erst mit dem Bagger, dann von Hand

von Katrin Richter  05.08.2026

Geschichte

Bedrohlich aktuell

Ein Forschungsprojekt von NS-Dokuzentrum und Lenbachhaus untersucht, wie völkische Gedanken vor dem Ersten Weltkrieg wirkten

von Luis Gruhler  05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026

Hamburg

Ruine mit Herz

Einst das Zuhause des Reformjudentums, stand der Israelitische Tempel kurz vor dem Verfall. Eine Bürgerinitiative und die Stadt wollen den historischen Ort nun neu beleben. Ein Besuch im Hinterhof

von Heike Linde-Lembke  02.08.2026

Geschichte

Die Pension in Mumbai

Ellie und Max Lesser aus Dresden waren zwei von vielen sächsischen Juden, die vor den Nazis Sicherheit in Indien suchten. Deren tragische Geschichte recherchierte nun die Journalistin Iris Völlnagel

von Thyra Veyder-Malberg  02.08.2026

Programm

Kultursommer, Führungen und Einstein vs. Hawking: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Juli bis zum 6. August

 02.08.2026

Porträt der Woche

Mehr als ein Beruf

Valerie Vorkul ist Sozialarbeiterin – und jüdischer, als sie lange Zeit annahm

von Leon Stork  02.08.2026

Bundeswehr

Anerkennung für eine Zeitzeugin

Verteidigungsminister Boris Pistorius würdigte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit dem Ehrenkreuz

von Luis Gruhler  01.08.2026