Schmargendorf

Haus des Stolperns

Die Stolpersteine wurden in der Berkaer Straße verlegt. Foto: Uwe Steinert

Das Saxofon spielte dezent im Hintergrund, während Stolperstein-Künstler Gunter Demnig mit geübten Handgriffen zwei kleine Messingplatten in das Gehwegpflaster vor der Hausnummer 31 in der Berkaer Straße in Berlin-Schmargendorf einließ. Sie sollen an das Ehepaar Hugo und Maria Heymann erinnern, die in dem rot-weißen Backsteinbau, in dem heute ein Pflegeheim untergebracht ist, während der Nazizeit ihren letzten selbst gewählten Wohnort bezogen.

Eine dem Anlass angemessene Stimmung wollte an diesem Montagmorgen dennoch nicht so recht aufkommen, trotz sichtlich bemühter Worte von Christoph Kreutzmüller, dem Vorsitzenden des Aktiven Museums, der versuchte, sich dem jüdischen Unternehmer und seiner nichtjüdischen Ehefrau über deren Biografien anzunähern. Die Veranstaltung wirkte vielmehr ein wenig steif und eher pflichtbewusst als emotional, fast so, als wollte man das Ganze einfach nur schnell hinter sich bringen.

fragen Das mag auch daran gelegen haben, dass zwischen Musik, Festklopfen der Messingplatten und der erinnernden Rednerstimme eine Frage mitschwang, die zumindest einen Teil der Anwesenden bewegte: Liegen die Steine am richtigen Ort? Ist die Berkaer Straße wirklich der »letzte frei gewählte Wohnsitz« der Heymanns – wie ein Kriterium für eine Stolpersteinehrung lautet?

Denn bis 1933 lebten die Heymanns in der Pücklerstraße 14 in Dahlem, in einer Villa, die sie nach der Machtergreifung der Nazis unter Druck und weit unter Wert an den NS-Verleger Waldemar Gerber verkauften und die heute Dienstwohnsitz des amtierenden Bundespräsidenten ist. Dort sollten die Stolpersteine bereits 2015 verlegt werden. So jedenfalls hatte es sich der Historiker und Jurist Julien Reitzenstein vorgestellt.

Er war es auch, der das Bundespräsidialamt (BPrA) 2014 auf den Fall Heymann hingewiesen hatte. Auf die offenbar unaufgeklärte Vergangenheit des Hauses – das vor dem Einzug des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler vom Bundeskanzleramt verwaltet worden war –, war Reitzenstein im Rahmen seiner Forschungen über die Wissenschaftsabteilung der SS gestoßen, die nahe der Pücklerstraße mehrere Grundstücke nutzte.

Gedenkstele Das Bundespräsidialamt beauftragte schließlich 2016 die Historiker Michael Wildt und Julia Hörath von der Humboldt-Universität mit einem wissenschaftlichen Gutachten zur Geschichte der Villa. Aufgrund der Aktenlage und ihrer Recherchen kamen sie »zum gleichen Schluss wie wir«, sagte Sophia Schmitz von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin: dass der letzte frei gewählte Wohnsitz der Heymanns die Berkaer Straße war. In Wildts Gutachten fehlen jedoch nähere Informationen zu Akten, die aus Zeitgründen nicht eingesehen werden konnten, sowie zum Käufer der Villa, darunter dessen »Entnazifizierungsakte«.

Diese »Lücken« wolle das Bundespräsidialamt nun mit einem »Ergänzungsgutachten« schließen, sagte Katharina Narbutovic, Leiterin des Referats Kultur und Gedenken beim BPrA, die ihre Behörde bei der Stolpersteinverlegung vertrat. Im Frühjahr sollen vor der Pücklerstraße eine Gedenkstele enthüllt und zudem eine Broschüre »zur Geschichte der Villa und zum Schicksal ihres Vorbesitzers« herausgegeben werden. Auch Julien Reitzenstein zeigte sich zufrieden. »Ich freue mich, dass sie liegen, wenn auch hier«, sagte er.

»Wir sind nicht hier, um darüber zu diskutieren, ob dies der richtige oder falsche Ort für die Stolpersteine ist«, erinnerte Christoph Kreutzmüller noch einmal am Ende der Zeremonie, »sondern um der Personen zu gedenken, für die wir hier Stolpersteine verlegt haben.«

Wuppertal

Am helllichten Tag

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge geht das Gemeindeleben in der nordrhein-westfälischen Stadt weiter. Aber was bedeutet diese Normalität?

von Helmut Kuhn  01.10.2026

Rostock

Zunehmend sprachlos

Die Gemeinde hatte Schlimmeres befürchtet, doch Sorgen bleiben auch nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

 01.10.2026

Wiedervereinigung

Zeit der Blüte

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Für jüdische Gemeinden in Ost und West war dies ein neuer Anfang, für manche auch die Rettung. Drei Gemeindemitglieder erzählen, wie sie diese Zeit erlebten

von Christine Schmitt  01.10.2026

Deutschland

Holocaust-Überlebende: Regierung der Linkspartei in Berlin wäre eine Katastrophe

»Hier muss die Politik gründlich aufpassen, dass das nicht passiert«, sagt Charlotte Knobloch bei »Maischberger«

 01.10.2026

Wahl

»Der Schock sitzt tief«

Jüdinnen und Juden blicken mit großer Skepsis auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der Linken. Sie fordern klare Zusagen zum Kampf gegen Antisemitismus

von Christine Schmitt  30.09.2026

Rathaus Neukölln

Berlin

Hillel zieht seine Chanukkia aus dem Rathaus Neukölln ab

Der jüdische Bildungsverein will seine Chanukka-Feier künftig an einem »neutralen Ort« abhalten. Für den scheidenden Bürgermeister Martin Hikel ist die Entscheidung ein Schock

 01.10.2026 Aktualisiert

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026

Chemnitz

Gestohlener Davidstern sichergestellt

Unbekannte hatten laut Polizei in der Dauerausstellung des Lern- und Gedenkortes eine Schautafel beschädigt und den Davidstern mitgenommen

 28.09.2026

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026