Statistik

Hauptproblem Armut

Das Diagramm zeigt es: 45 Prozent der Gemeindemitglieder sind älter als 61 Jahre. (Stand 2014) Foto: Marco Limberg, Quelle: ZWST

Armut ist nicht immer sichtbar. Erst recht nicht bei russischsprachigen Zuwanderern der jüdischen Gemeinschaft. Das verbietet ihnen ihr Stolz, ihre Würde. »Von Armut im Alter mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit betroffen sind Zuwanderer, die vom Arbeitsmarkt nicht absorbiert wurden oder deren Erwerbszeiten in Deutschland nicht ausreichen, um einen Rentenanspruch zu begründen«, beschreibt Günter Jek, Leiter des Berliner Büros der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), die Lage. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Bundesagentur für Arbeit erhebt keine entsprechenden Statistiken bei Migranten.

Die jüdische Wohlfahrtseinrichtung schätzt die Zahl der Bedürftigen derzeit jedoch auf rund 30.000. Das wäre fast ein Drittel der Mitglieder in den Gemeinden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Somit bezöge jeder Dritte aufgrund seines Umzugs nach Deutschland keine Rente und wäre im Alter auf staatliche Grundsicherung angewiesen.

Kleine Anfrage Der Grünen-Politiker Volker Beck griff in den vergangenen Jahren immer wieder die Frage auf, warum die Rentenregelung, die für Spätaussiedler gilt, nicht auch auf Kontingentflüchtlinge angewendet werden könne – jüngst wieder mit einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung. Diese hat nun geantwortet und sich auf die Volkszugehörigkeit berufen.

Zentralratspräsident Josef Schuster bedauert die Einlassung der Bundesregierung, habe sie doch einst zugesichert, sich für den Aufbau und Erhalt jüdischen Lebens in Deutschland einzusetzen. Außerdem, so Schuster, hätten auch die Kontingentflüchtlinge oftmals deutsche Wurzeln. Ihnen sei es darüber hinaus zu verdanken, dass mit ihrer Zuwanderung seit Anfang der 90er-Jahre jüdisches Leben in Deutschland wieder aufgeblüht, ja möglich sei.

Das bestätigen auch die Zahlen der ZWST. Seit 1989 stiegen die Mitgliederzahlen kontinuierlich von rund 28.000 auf ihren Höchststand von 107.677 an. Das war vor zehn Jahren. Doch nach zwischenzeitlicher Euphorie und einer Zeit, in der jüdisches Leben im deutschen Alltag immer präsenter und sichtbarer wurde, indem Synagogen gebaut und jüdische Gemeinden wieder neugegründet wurden, scheint seit 2005 die Demografie erneut in die Gegenrichtung zu zeigen. Mit diesem Datum ist auch die Neuregelung im Zuwanderungsgesetz verbunden, die den Zuzug fast zum Erliegen gebracht hat. Die Mitgliederzahlen nehmen seitdem leicht, aber kontinuierlich ab.

Das verdeutlichen auch die monatlichen Angaben aus Düsseldorf, Köln, Frankfurt oder Stuttgart. So notiert etwa die Gemeindezeitung in Düsseldorf in der Oktober-Ausgabe dieses Jahres drei Wegzüge, sechs Austritte und zehn Todesfälle im dritten Jahresviertel. Neun Zuzügen im Oktober und November stehen neun Wegzüge, zehn Austritte und acht Todesfälle bei einer Gesamtmitgliederzahl von etwa 6850 gegenüber.

Simches Nicht sehr viel anders sieht es in Frankfurt aus. Unter Simches – zugegebenermaßen kostenpflichtige Anzeigen – wird im Zeitraum September bis Ende November die Namensgebung eines Mädchens gefeiert, es sind dagegen aber 30 Todesfälle verzeichnet. Frankfurt hatte laut ZWST-Statistik mit Stand 2014 exakt 6667 Mitglieder. In Stuttgart und den Zweigstellen der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) waren es im selben Zeitraum 14 angezeigte Todesfälle bei 2908 Mitgliedern.

Bedenkliche Zahlen, die sich auch der allgemeinen Statistik der ZWST entnehmen lassen. So erreichten die Zentralratsgemeinden neun Jahre nach dem Höchststand 2005 jetzt nur noch 100.437 Personen. Das waren 901 Personen weniger als ein Jahr zuvor. In 102 von 107 Mitgliedsgemeinden überstieg die Zahl der Abgänge durch Tod oder Abwanderung die Zahl der Neuzugänge. Nur in Brandenburg (+10), in Frankfurt am Main (+18), München (+3), Nürnberg (+40) und Schleswig-Holstein (+18) verzeichnete die ZWST mehr Zu- als Abwanderungen. Insgesamt sind es 1828 Zugänge gegenüber 2625 Abgängen.

Alarmierend dabei ist die Altersstruktur. Nur 21 Prozent der Gemeindemitglieder sind 30 Jahre und jünger. 45 Prozent jedoch sind älter als 61 Jahre, in absoluten Zahlen heißt das, dass im vergangenen Kalenderjahr 56.984 Gemeindemitglieder älter als 61 Jahre waren. Hinzu kommt die Gruppe der 51- bis 60-Jährigen, die allein 14 Prozent ausmacht.

Angebote »Vor dem Hintergrund der zunehmenden Überalterung wird es auch zukünftig das Anliegen der ZWST sein, attraktive und zielgerechte Angebote für die älteren Gemeindemitglieder zu schaffen«, heißt es in der Zusammenfassung der Mitgliederstatistik der jüdischen Gemeinden 2014 der ZWST. Und mit der Überalterung geht auch zunehmende Altersarmut einher.

»Armut in einer Wohlstandsgesellschaft bedeutet ein Leben unterhalb des sozialkulturellen Existenzminimums und ist Ausdruck sozialer Ungleichheit«, betont Günter Jek. »Mit der geringen Kaufkraft einher geht eine Verdrängung in schlecht erschlossene Randwohnlagen ohne fußläufige Einkaufsmöglichkeiten und kulturelle Angebote.« Dies alles führe zu einer Ausgrenzung älterer Migranten. »Das wird sicherlich eine der kommenden Herausforderungen jüdischer Sozialarbeit sein, diese drohende Isolation abzumildern«, beschreibt Jek die Aufgaben der ZWST in den nächsten Jahren.

Die Hälfte der rund 57.000 Gemeindemitglieder über 60 Jahre wird in wenigen Jahren auf staatliche Transferleistungen angewiesen sein, wenn es nicht bald gelingt, eine Rentenregelung für Zuwanderer zu erreichen. Die betroffenen Gemeindemitglieder verstehen es zwar, den Euro dreimal umzudrehen, bevor sie ihn ausgeben – doch ein würdevolles Leben im Alter ist mit 399 Euro für Alleinstehende und jeweils 360 Euro für Eheleute schwer zu meistern.

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Sie haben Deutschland verlassen und sich für ein Leben in Israel entschieden. Was hat sie dazu bewogen? Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026