München

Glühender Patriot und gläubiger Jude

In den frühen 30er-Jahren: Karl und Karolina Süßheim mit ihrer Tochter Margot Foto: Privatnachlass Karl Süßheim, Margot Suesheim (New York) und Familie

Jahrzehntelang war Karl Süßheim – ebenso wie viele andere in der NS-Zeit unfreiwillig aus Deutschland Geflüchtete – vergessen. Dabei ist seine Familiengeschichte eine besondere und bemerkenswert für die Zeit von Umbruch und Aufbruch, von Integration und Assimilation, wie sie im 19. Jahrhundert begann und 1933 eine traumatische Wende nahm.

Im Jahr 2006 tauchte Süßheims Name im Kontext der Ausstellung Mitten unter uns. Jüdisches Leben in Au und Haidhausen auf, schließlich wohnte er mit seiner Ehefrau Karolina und den Töchtern Margot und Gioconda in der Preysingstraße 12 in besagtem Viertel.

gedenktafel Im Vorraum der Pfarrkirche St. Johannes am Preysingplatz, wo sich ein in der NS-Zeit tätiger Diakon rührend um die Familie kümmerte, gedenkt eine Tafel des »jüdischen Gelehrten von Haidhausen bis Istanbul«. Das Stadtarchiv Nürnberg erinnerte mit einer Ausstellung nebst Publikation an einen der bedeutendsten Söhne der fränkischen Stadt.

Vor Kurzem stellte Kristina Milz ihre Biografie von Karl Süßheim Bey (1878–1947) im Literaturhaus München vor. Die Stadt, so hieß es in der Begrüßung, schulde dem »verdrängten Intellektuellen« Süßheim »Wiedergutmachung«. Und wie verdient gerade diese einer alteingesessenen jüdischen Familie gegenüber wäre, wenngleich nur symbolisch, belegte der Abend in würdiger Weise.

Kristina Milz, mit Berufserfahrung am Institut für Zeitgeschichte und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, studierte viele Jahre das Leben und Werk des Historikers und Orientalisten Karl Süßheim. Dessen Familie gehörte dem Bildungsbürgertum an, der Vater der Mutter, David Morgenstern (1814–1882), wurde 1848 für den Wahlkreis Erlangen-Fürth erster jüdischer Abgeordneter im Bayerischen Landtag. Denselben Weg schlug der Enkel und Karls zwei Jahre jüngerer Bruder Max Süßheim ein. Der Vater war Hopfenhändler.

heimat Im Studium befasste sich Karl Süßheim mit seiner fränkischen Heimat. Sein Interesse für Orientalistik mündete in Aufenthalte in Istanbul und Kairo. Gleichzeitig war er ein glühender Patriot und wurde zu einem solchermaßen traditionell gläubigen Juden, dass er trotz christlicher Ehefrau darauf bestand, dass seine Töchter jüdisch erzogen wurden, was in der NS-Zeit keine Kleinigkeit bedeutete.

Befragt vom Zweitkorrektor des Buches, dem Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Andreas Wirsching, und im Gespräch mit dem Historiker Michael Brenner erläuterte Milz, wie Süßheim »die Grenzen seiner Zeit« auf den verschiedensten Gebieten herausforderte. Wie aus Erinnerungen der aus den USA angereisten Süßheim-Enkelin Lisa R. D’Angelo, Tochter der jüngeren Süßheim-Tochter, hervorging, erfuhr sie vom Jüdischsein des Großvaters erst mit zwölf Jahren anlässlich eines Besuchs auf dem jüdischen Friedhof in Istanbul, wo ein Davidstern auf seinem Grabstein prangt.

Für die Enkelin wurde die Sichtung des Nachlasses, gemeinsam mit Kristina Milz, die Arabisch lernte, um Süßheims Aufzeichnungen – anfangs in Osmanisch, später in Arabisch (unter anderem auch über seine Inhaftierung im KZ Dachau nach dem 9. November 1938) – im Original lesen zu können, zu einer Reise in unbekannte Sphären ihrer Familiengeschichte.

Kristina Milz: »Karl Süßheim Bey (1878–1947). Eine Biografie über Grenzen«. Mit zahlreichen Abbildungen. Metropol, Berlin 2022, 789 S., 44 €

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Neuanfang

Erste Klasse

Zwischen Schultüte und Blumen: Jüdinnen und Juden öffnen ihre Fotoalben und blicken auf ihre Einschulung zurück – in Israel, im Baltikum, in der Sowjetunion sowie in Ost- und West-Berlin

von Christine Schmitt  26.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  26.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  25.08.2026

München

Von Deutschland in die Welt

Eine Ausstellung widmet sich dem Wirken jüdischer Architekten, deren Karrieren von Verfolgung und Exil bestimmt waren. Ihre Bauten beeinflussten die Moderne maßgeblich

von Ellen Presser  25.08.2026

Dresden

Ausstellung würdigt jüdische Sportlerinnen und Sportlern

Deutsch-jüdische Sportlerpersönlichkeiten stehen im Mittelpunkt einer Präsentation. Anlässlich des Jahres der jüdischen Kultur wird sie in Dresden gezeigt

 25.08.2026

Spremberg/Forst

Stolpersteine gestohlen

Der Staatsschutz ermittelt

 24.08.2026

Dresden

Unbekannter entwendet Kippa

Der Staatsschutz der Dresdner Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen

 24.08.2026

Meinung

Jüdische Schulen: Orte der Zugehörigkeit

Der Wunsch nach jüdischer Bildung wächst, während die Strukturen zunehmend fragil werden

von Eduard Steinberg  24.08.2026