Bremen

Gemeinsam lernen

Zwölf Übertrittswillige kamen am vergangenen Wochenende zu einem Giur-Seminar in Bremen zusammen und lernten bei drei Rabbinern. Foto: Radio Bremen, Anna-Maria Meyer, Montage Grigori Pantijelew

Nadja Hübert ist extra nach Bremen gezogen. Die 66-Jährige wurde in Kirgistan geboren, wuchs in der russisch-orthodoxen Tradition auf, ist aber halachisch nicht jüdisch. Vor 20 Jahren kam sie nach Deutschland, jetzt will sie Jüdin werden und besucht das Giur-Seminar der Jüdischen Gemeinde im Lande Bremen. Am vergangenen Wochenende trafen sich neben Nadja Hübert noch elf weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Vorbereitungskurs für Übertrittswillige, den Bremens Landesrabbiner Shimon Netanel Teitelbaum gemeinsam mit Rabbinerkollegen aus Israel konzipiert hat und leitet.

Als er von 2004 bis 2008 Vorsitzender der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) war, habe er pro Jahr bis zu 900 Briefe von Menschen erhalten, die zum Judentum konvertieren wollten. Bis zu 80 Prozent der Giur-Interessenten seien abgelehnt worden oder hätten ihre Konversion zum Judentum aufgegeben. Die Giur-Seminare sollen Klarheit für den Übertritt schaffen. Bereiteten sie sich ganz allein auf den Übertritt vor, würden die meisten Bewerber an der Aufgabe vor dem Beit Din scheitern, weil sie möglicherweise Fragen nicht beantworten könnten.

veränderungen Zum Judentum zu konvertieren, bedeutet, sein Leben gründlich zu ändern, angefangen vom Tagesrhythmus über das Essen bis hin zu den Feiertagen und den Arbeitszeiten, wenn man beispielsweise den Schabbat einhalten will.

Doch warum wollen so viele Menschen zum Judentum übertreten? Ihre Gründe sind höchst unterschiedlich. Viele konvertieren aus Respekt vor den von Nazi-Deutschland ermordeten Juden während der Schoa. Andere wiederum sagen, Juden seien die besseren Menschen, und sie würden gern dazugehören. Oder sie wechseln ihre Religion, weil Juden eine Minderheit seien.

Das, so der 45-jährige Bremer Landesrabbiner, seien jedoch alles keine Gründe für eine Konversion. Wer die jüdischen Gemeinden in Deutschland unterstützen wolle, könne das auch, ohne Jude zu sein. Wer jüdisch leben will, könne das auch ohne Übertritt. Wer aber sage, er will Teil der jüdischen Gemeinschaft sein, dazugehören und mitmachen, der sei willkommen. So würden von den vielen Anfragen rund zehn Prozent zu tatsächlichen Giur-Kandidaten werden, abgesehen von den Vaterjuden oder denjenigen, die jüdisch heiraten oder wieder an jüdische Ursprünge in ihrer Familie anknüpfen möchten.

Anerkennung Teitelbaum, der seit 2010 Bremer Landesrabbiner ist, hat das Giur-Seminar mit der israelischen Organisation »Ami« mit Zustimmung des Vorstands der Jüdischen Gemeinde Bremen entwickelt. Er kommt vom Oberrabbinat in Israel, ein großer Vorteil, damit die Konversionen auch in Israel anerkannt werden, was bislang ein großes Problem war.

Die Seminarteilnehmer halten auch per Skype Kontakt.

Das Seminar umfasst neun Einheiten, dazu gehören das Erlernen der 613 Gebote, der Kaschrutregeln, des jüdischen Festtagszyklus sowie Kenntnisse vom Alltag einer jüdischen Familie, der mündlichen Lehre und der Tora. Zudem kann eine Internet-Plattform mit Büchern für Lehrer und Schüler genutzt werden.

Elul »Wir beantworten den Interessenten Fragen, beispielsweise zur koscheren Lebensführung«, sagt Grigori Pantijelew, stellvertretender Vorsitzender der Bremer Gemeinde. Dafür sei der Monat Elul, der am Sonntag begann, mit seinen besonderen Ereignissen ein guter Zeitpunkt für das Wochenend-Seminar gewesen. Außerdem habe der Wochenabschnitt Re’eh ohnehin die Speisegesetze thematisiert.

Die Rabbiner Zeev Weitmann und David Ben Nissan aus Israel waren als Experten eingeladen. Rabbiner Weitmann zertifiziert beispielsweise für den israelisch-chinesischen Nahrungsmittelkonzern Tnuva in Israel, der weltweit an 700 Standorten vertreten ist. Er ist auch Rabbiner von Tnuva. Rabbiner David Ben Nissan erteilte den Kandidaten Hebräischunterricht. Seminarsprachen sind Deutsch, Englisch und Hebräisch.

»Wir haben auch frühere Seminarteilnehmer eingeladen, die bereits die Prüfung vor einem Beit Din bestanden haben, und die neuen Kandidaten haben sich von ihnen viele Anregungen geholt«, sagt Pantijelew. Auch andere, langjährige Gemeindemitglieder hätten diesen Austausch unterstützt.

Begleitung »Es ist unsere Aufgabe, die Menschen zu begleiten und zu unterrichten, wenn sie zum Judentum konvertieren wollen«, sagt Pantijelew. Alle Kandidaten würden genau beobachtet und beraten werden. »Wir entscheiden nicht, vor welchem Beit Din sie geprüft werden. Wir bereiten sie vor. Die Hauptkurse finden hier bei uns statt, mittlerweile beteiligen sich auch andere Städte, und wir unterhalten uns mit den Kandidaten auch via Skype«, sagt der stellvertretende Gemeindevorsitzende.

Dabei gehe es oft um praktische Fragen des Alltags, beispielsweise darum, welche Produkte erlaubt seien, und wie man erkenne, was koscher ist. »Wir können durchaus im Supermarkt Lebensmittel einkaufen, weil sie koscher sind.« Vieles würde die Gemeinde für ihre Mitglieder auch über einen koscheren Großhandel bestellen. »Das Angebot steht auch Giur-Kandidaten zur Verfügung«, sagt Pantijelew.

Kosten Die Kosten für die Giur-Seminare, die rund ein Jahr bis 18 Monate dauern, würden denen von Volkshochschulen ähneln. Die zionistische Organisation »Over the Rainbow« unterstützt sie. Das Programm stehe jedem orthodoxen Rabbiner und jeder jüdischen Einheitsgemeinde zur Verfügung.

Die Bremer Gemeinde geht mit ihrem Programm einen neuen Weg: »Wir wollen jenen helfen, die mit aller Überzeugung zum Judentum konvertieren möchten, und sind so zum Zentrum für das Giur-Lernprogramm geworden, und das wird von vielen Rabbinern und Gemeinden europaweit anerkannt«, sagt Grigori Pantijelew zufrieden.

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