Corona-Pandemie

Jüdische Seniorenheime: Hilfe in der Krise

Im Einsatz für ältere Menschen: Pflegerin in einem jüdischen Seniorenheim Foto: Getty Images

Corona-Pandemie

Jüdische Seniorenheime: Hilfe in der Krise

Die Einrichtungen bemühen sich auf vielfältige Weise, als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben und dem gegenwärtigen Fachkräftemangel zu trotzen

von Christine Schmitt  18.11.2021 11:38 Uhr

Wenn Oliver Zarrath morgens an seinem Arbeitsplatz den Personalbestand des Tages prüft, dann hofft der Leiter des Pflegezentrums der Henry und Emma Budge-Stiftung in Frankfurt am Main, dass sich keiner der Beschäftigten, insbesondere der Pflegefachkräfte, arbeitsunfähig gemeldet hat und er deshalb bei einer Zeitarbeitsfirma Personal anfragen muss. »Die Auswirkungen des Fachkräftemangels sind auch für uns deutlich spürbar. Der Markt an Pflegefachkräften ist derzeit hoch umkämpft«, sagt er.

Die Gründe hierfür seien sehr vielfältig. Manche private Pflegeanbieter zahlten beispielsweise »äußerst attraktive Gehälter, um Pflegefachpersonal zu binden«. Die Budge-Stiftung habe sich als Teil eines Mitgliedsverbands der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) jedoch bei der Festlegung der Gehälter an den Vorgaben des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst (TVöD) zu orientieren. Trotzdem gebe es aktuell mehr Personal im Pflegezentrum, als der gesetzliche Pflege- und Betreuungsschlüssel fordere. »Gefühlt könnte es aber dennoch immer mehr sein«, sagt Zarrath.

Bei Stellenausschreibungen kann es schon mal vorkommen, dass es keinen einzigen Interessenten gibt. Dazu komme, dass der Krankenstand gegenüber anderen Branchen höher sei. Etwa 100 Mitarbeiter sind für aktuell 125 Bewohner im Pflegezentrum im Einsatz, darunter elf Auszubildende. Die Stiftung ist praktischer Ausbildungsbetrieb, um dem Fachkräftemangel aktiv entgegenzuwirken, so Zarrath.

UMGANG Zwei Stellen sind derzeit beim Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf ausgeschrieben. »Ein paar Mitarbeiter gehen in den Ruhestand«, sagt Bert Römgens, Geschäftsführer der Maimonides gGmbH, die das Nelly-Sachs-Haus betreibt. »Wir versuchen, unser Personal zu halten, und legen deshalb Wert auf einen respektvollen Umgang.« Bonuszahlungen seien nicht alles, denn die Mitarbeiter sollen auch wissen, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird.

Deshalb möchte die Leitung auf deren Bedürfnisse eingehen, beispielsweise mit flexiblen Arbeitszeiten. Zusätzlich wurde die Einrichtung mit einem ambulanten Bereich erweitert, sodass die Mitarbeiter aus dem Bereich Pflege auf den stationären Etagen im Einsatz sind, aber auch in der ambulanten Pflege oder der häuslichen Krankenpflege arbeiten können. Derzeit sei mit fünf Klienten im Umfeld der Einrichtung ein erster kleiner Kundenstamm angelegt, »und erst, wenn das Team sagt, dass noch mehr kommen können, werden wir es machen. Deshalb kann es nun auch vorkommen, dass wir Interessenten absagen müssen«.

Ihm sei es wichtig, das Team mitzunehmen und nicht über dessen Köpfe hinweg zu entscheiden. Aktuell bietet das Haus 110 Senioren einen Platz. Für deren Betreuung sind rund 30 Pflegefachkräfte, 30 Pflegeassistenten und fünf Auszubildende im Einsatz. »Mitarbeiter sind unsere Ressource.« Und Römgens möchte, dass sie in dieser Einrichtung bleiben. Doch auch er kennt die Situation, dass Personal ausfällt und er auf Zeitarbeitsfirmen zurückgreifen muss.

»Wenn bei uns jemand länger ausfällt, dann bitten wir bei einem Dienstleister um einen Mitarbeiter, der zunächst einen Tag bei uns hospitiert.« Wenn derjenige ins Team passe, werde er eingesetzt. Mit drei Firmen arbeitet er zusammen, deren Vermittler die Besonderheit des jüdischen Hauses kennen.

Der Einsatz von Leiharbeit macht Teams kaputt, meint Wolfgang Brockhaus.

Dazu kommt noch, dass Fachkräfte aus Drittstaaten im Einsatz sind, die auf Kosten des Hauses eine Sprachschule absolviert haben und in Deutschland noch einmal eine Prüfung bestehen mussten, um ihre berufliche Anerkennung zu bekommen. Bevor die Pandemie ausbrach, war Bert Römgens noch nach Nordmazedonien gereist, um Pflegefachkräfte zu rekrutieren und sie zu einer Hospitation nach Düsseldorf einzuladen. Doch dann kam Corona. Er hofft, dass es mit dem Vorhaben nach der Pandemie weitergeht.

atmosphäre 27 junge Menschen werden derzeit im Adolf-Hamburger-Heim, dem Seniorenwohn- und Pflegeheim der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg (IKGN), zu Pflegefachkräften ausgebildet. Über 90 Plätze verfügt die Einrichtung, die alle vergeben sind. Etwa 130 Mitarbeiter pflegen und betreuen die Menschen. »Wenn jemand als Pflegeassistent arbeitet und dabei Potenzial zeigt, dann reden wir mit demjenigen, dass er oder sie weiter lernen sollte zur Pflegefachkraft«, sagt Einrichtungsleiter Wolfgang Brockhaus.

So wachse qualifiziertes Personal nach. Nicht nur das Gehalt alleine zähle, auch die Atmosphäre sei wichtig – und die stimme in dem Heim, so seine Einschätzung. Bewerbungen von außerhalb habe das Haus in letzter Zeit allerdings so gut wie keine einzige erhalten. Aber: »Bisher haben wir es dank dieser Strategie hinbekommen, dass wir notwendige Stellennachbesetzungen aus der eigenen Ausbildung heraus sicherstellen konnten und keine Zeitarbeitsfirma in Anspruch nehmen mussten.« Der Einsatz von Leiharbeit mache seiner Meinung nach Teams kaputt.

Vor Kurzem habe eine langjährige, bewährte Kollegin gekündigt: »Ihr ist die Belastung unter den unsäglichen Rahmenbedingungen der stationären Langzeitpflege zu viel geworden, weshalb sie in eine Tagesklinik mit Arbeitszeiten von Montag bis Freitag gewechselt ist.« Eine andere Kollegin sei umgezogen, weil ihr die Miete in Nürnberg zu teuer geworden ist.

Seit einem Jahr gibt es nun auch den ambulanten Pflegedienst »Neria« der IKGN, der weiter ausgebaut wird. Mittlerweile werden 50 Menschen zu Hause versorgt, aber es könnten bis zu 120 werden, so Brockhaus. »Es gibt immer wieder neue Herausforderungen, sie halten mich kognitiv jung«, sagt er mit einem Schmunzeln.

ZUGEHÖRIGKEIT Auch das Jüdische Seniorenheim Hannover, ehemals Lola Fischel Haus, setzt auf Ausbildung. »Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, Pflegehelfern, die bei uns arbeiten, anzubieten, sich zu examinierten Kräften fortzubilden«, sagt der Leiter Lars Helbsing. Das habe den Vorteil, dass sie die Abläufe und den Alltag kennen und eine langjährige Unternehmenszugehörigkeit entstehe.

»Manche Helfer kommen mit der Idee einer Ausbildung zu uns, andere sprechen wir an.« Über 75 Mitarbeiter verfügt das Heim derzeit, von denen sich drei in der Ausbildung befinden. 84 Plätze stehen im Pflegebereich für Bewohner zur Verfügung. In Niedersachsen sei das Jüdische Seniorenheim Hannover die einzige Einrichtung für pflegebedürftige Menschen, in der der Alltag nach jüdischer Tradition gestaltet wird.

Ihm wäre es wichtig, dass die Pflege den Wert in der Öffentlichkeit bekommt, der ihr zusteht, so Helbsing. Beispielsweise wurde den Pflegern ein Corona-Bonus versprochen – es habe aber lange gedauert, bis dieser auf den Konten eingegangen sei. »Als noch keiner wusste, was das Virus auslöst, waren die Pfleger an Ort und Stelle und haben auf einem hohen fachlichen Niveau gearbeitet. Davor ziehe ich meinen Hut.«

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