Mit dem Erinnerungszeichen für Siegmund Oppenheimer, das im November des vergangenen Jahres in der Zweigstraße 6 angebracht wurde, fand ein umfangreiches Erinnerungsjahr in München seinen Abschluss. Die vergoldete Edelstahltafel erinnert an einen jüdischen Münchner, der nach der nationalsozialistischen Machtübernahme fliehen musste, im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte und darin 1938 fiel – fern seiner Heimat, ohne Grab.
Nach der Verhaftung seines Bruders Justin im April 1933, der ebenso wie der Vater ins Konzentrationslager Dachau verschleppt wurde, erkannte Oppenheimer, dass München für ihn keine sichere Heimat mehr war, und ging nach Spanien. Seine Biografie steht exemplarisch für viele Geschichten, die im vergangenen Jahr durch neue Erinnerungszeichen wieder sichtbar wurden.
Erinnerungszeichen seit 2018
Seit 2018 bringt die Landeshauptstadt München Erinnerungszeichen an jenen Orten an, an denen Menschen lebten, die zwischen 1933 und 1945 verfolgt, entrechtet und ermordet wurden. Die Tafeln und Stelen geben den vielen vergessenen Opfern ihre Namen und ihren Platz im Stadtbild zurück. Mit jeder neuen Anbringung wird, so das Ziel des Projekts, das »Netz der Erinnerung enger geknüpft«. Derzeit liegen dem Team der »Koordinierungsstelle Erinnerungszeichen« rund 100 Anträge zur rechercheintensiven Prüfung vor.
Im Jahr 2025 wurden an rund 20 Orten Erinnerungszeichen für mehr als 50 Personen übergeben. Im März gedachte die Stadt ihrer fünf ehemaligen Einwohner Minna Hirschberg, Hermine Bernheimer, Hermann Binswanger sowie Erna und Friedrich Siegmund Marx, die zwischen 1942 und 1944 ermordet wurden. Ebenfalls im Frühjahr wurden Erinnerungszeichen für den Ingenieur Arthur Schönberg, einen Cousin des berühmten Komponisten Arnold Schönberg, und seine Familie angebracht.
Im April folgten sieben Zeichen für Mitglieder der Familien Holzer und Spatz, deren Weg über das »Judenhaus« in der Trogerstraße 44 bis zur Deportation führte. Nach dem Tod ihres Mannes Hermann Spatz im Mai 1940, möglicherweise infolge der Misshandlungen im KZ Dachau, kam seine Frau Cäcilie mit ihrem Sohn Willi in die Trogerstraße. Am 20. November 1941 wurden Mutter und Sohn – er war gerade 16 geworden – mit rund 1000 weiteren Münchner Juden ins litauische Kaunas deportiert und dort wenige Tage später erschossen.
Mit jeder neuen Anbringung wird das »Netz der Erinnerung enger geknüpft«.
Zu den eindrücklichen Initiativen im Bereich der Erinnerung zählte ein Projekt in Sendling, bei dem Auszubildende der »Münchner Wohnen GmbH« im Sommer die Biografien früherer Bewohner erforschten. Hier zeigte sich die ganze Bandbreite der Opfergruppen: Karl Simon, der als Jugendlicher wegen Epilepsie Opfer der NS-»Euthanasie« wurde, sowie Betty Landauer, Lisette Lilie und Julian Marcuse, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ermordet wurden.
Im Oktober wurden in Schwabing und der Maxvorstadt weitere 14 Erinnerungszeichen gesetzt. Zwölf von ihnen erinnern an jüdische Verfolgte, darunter Anneliese van Wien, die Opfer der NS-Krankenmorde wurde. Andere Zeichen gelten Georg Bautler, verfolgt als Homosexueller, sowie Franz Fellner, einem Marinesoldaten und Kriegsdienstverweigerer, der wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt wurde.
Teil der Münchner Stadtgesellschaft
Bei etlichen Veranstaltungen war Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, anwesend. Anlässlich der Übergabe des Erinnerungszeichens für Siegmund Oppenheimer im November erinnerte sie daran, dass Oppenheimer sich wie so viele selbstverständlich als Teil der Münchner Stadtgesellschaft verstanden hatte.
Seine Biografie, so Knobloch, verdeutliche jedoch, wie folgenschwer sich das Schweigen der Menschen in seinem Umfeld auswirkte: »Ihre Untätigkeit machte es den Nationalsozialisten erst möglich, ihren Wahn in die Tat umzusetzen.« Erinnerung, betonte die IKG-Präsidentin, sei daher mehr als ein symbolischer Akt; sie sei demokratische Notwendigkeit – »eine Brandmauer für eine lebendige Demokratie«.
Bürgerschaftlicher Einsatz und die Arbeit öffentlicher Stellen bilden die Grundlage des Projekts.
Diese Brandmauer hält nur durch Engagement in der Gegenwart. Erinnerungszeichen werden auf Antrag gesetzt und entstehen durch die Initiative von Angehörigen, Nachbarn, Schulklassen, Vereinen oder Hausgemeinschaften. Dieser bürgerschaftliche Einsatz im Verbund mit der Arbeit öffentlicher Stellen bildet die Grundlage des Projekts.
Herausragendes Beispiel für solch eine Kooperation war das Ausstellungsprojekt Jüdisches Leben in der Ohmstraße in der Ohmstraße 13 in Schwabing, für das Anwohner die Schicksale 14 früherer jüdischer Bewohner ihrer Straße untersuchten. Den Anstoß sowie finanziellen Anschub hatte ein lokaler Unternehmer gegeben.
Die Erinnerungszeichen holen individuelle Lebensgeschichten zurück an jene Orte, von denen die Betroffenen einst verdrängt wurden, und schreiben sie dauerhaft ins Stadtbild ein – dies gilt auch für das Jahr 2026. Charlotte Knobloch brachte diesen doppelten historischen und aktuellen Anspruch auf den Punkt: »Mit Erinnerungszeichen kehren diejenigen Menschen zumindest symbolisch an die Orte ihres Lebens und Wirkens zurück, die das Wüten der Nationalsozialisten einst von dort hatte austilgen wollen.« In diesem Sinne sind die Stelen weit mehr als Rückschau: Sie verweisen auf Verantwortung im Heute – sichtbar im öffentlichen Raum, beständig und mitten im Alltag.