EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 54 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Thüringen

Fundstücke mit Haken und Ösen

Sven Ostritz, Präsident des Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie, zeigt die Fundstücke während einer Pressekonferenz bei der Vorstellung neuer Fundstücke aus dem Erfurter Schatz in der Alten Synagoge Foto: picture alliance/dpa

»Wir sind glücklich, dass diese vier Gewandschließen aufgetaucht sind«, so Dr. Maria Stürzebecher, UNESCO-Welterbebeauftragte und Kuratorin der Alten Synagoge. Drei der vier Gegenstücke sind seit 2009 in der Alten Synagoge ausgestellt, nachdem sie zuvor in Paris, New York und London gemeinsam mit dem jüdischen Hochzeitsring, Broschen, Trinkschalen, Gürtelteilen und Gewandschmuck zu sehen waren. »Ich freue mich darüber, dass die Alte Synagoge um diese Stücke bereichert werden wird«, so Prof. Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde. »Wir Juden könnten unser Erbe nicht allein schützen, deshalb bin ich froh, dass die Gesellschaft aktiv ist«, ergänzt er.

Vorausgegangen ist dieser Präsentation der Stücke ein regelrechter Krimi. Ein Anruf im Rathaus sorgt Anfang des Jahres für Fassungslosigkeit. Ein Mann bietet tatsächlich per Telefon vier Fundstücke aus dem Jahr 1998 an, die er offensichtlich während der Bauarbeiten in Erfurt damals heimlich eingesteckt hat. Der Anrufer gerät ausgerechnet an Dr. Karin Sczech, eine der beiden UNESCO-Welterbebeauftragten. Sie ist fassungslos. Was der Mann gemacht hat, ist kriminell. Denn es geht um Fundstücke aus dem jüdisch-mittelalterlichen Schatz aus dem 14. Jahrhundert. Alle Bauarbeiter wurden damals ausdrücklich befragt, ob sie die Fundstücke abgegeben haben. Sie bejahten, es gibt ein Protokoll. Auch der Anrufer tat das. Der Täter, denn die Unterschlagung von derlei Funden ist eine Straftat, will mit diesen vier Stücken Geld verdienen. Er hätte, so heißt es, »gern eine angemessene Summe für diesen Fund«.  Karin Sczech reagiert schnell und informiert das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie.

Nun wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, um den Verdacht der Unterschlagung juristisch zu klären. Doch die Verjährungsfrist für Unterschlagung endet nach fünf Jahren. Damit ist das Einstecken der Fundstücke als kriminelle Handlung vom Tisch. Thüringen ist dennoch Eigentümer des Erfurter jüdischen Schatzes. Dafür sorgt das sogenannte Schatzregal. Es besagt, dass Funde, die bei staatlichen Nachforschungen entdeckt werden und von großem wissenschaftlichem Wert sind, als Kulturgut gesichert werden müssen. »Sie gehören in die Mitte der Gesellschaft«, so Kultur-Staatssekretär Prof. Steffen Teichert.

Die Staatsanwaltschaft entschied deshalb auf einen Durchsuchungsbeschluss in Thüringen und in benachbarten Bundesländern. Von dort waren Bauarbeiter in den Neunziger Jahren in Lohn und Brot, unter anderem aus Hessen, woher der Anruf kam. Und die Polizei wurde fündig.

Die vier Teile der gotischen Gewandschließen wurden erstmals und vorerst letztmalig der Öffentlichkeit vorgestellt. Denn sie müssen restauriert und konserviert werden, verweist zu Recht Dr. Sven Ostritz, Präsident des Landesamtes für Denkmalschutz und Archäologie. Das braucht Zeit – möglicherweise bis zu einem Jahr. Maria Stürzebecher als Kuratorin der Alten Synagoge ist froh darum. Sie möchte in dieser Zeit zugleich erforschen, ob diese Stücke einen weiteren Aufschluss über das Leben im Mittelalter geben können.

Dass 1998 der Erfurter jüdische Schatz aus dem Mittelalter gehoben wurde, grenzt an ein Wunder. Denn in dem jüdischen Quartier in der Altstadt wäre er beinahe endgültig für die Öffentlichkeit verloren gegangen, geplant war ein Hausbau. Unter der Mauer eines Keller-Zuganges waren Münzen, Barren und Goldschmiedearbeiten und der Hochzeitsring verborgen.

Ob weitere Fundstücke ebenfalls von der Baustelle weggenommen wurden, lässt sich nicht sagen. Die Besitzer könnten jetzt aber ohne Angst vor Strafe die Stücke zurückgeben. Denn sie gehen – wie der hessische Bauarbeiter – straffrei aus.

Seele

Wenn alles zu viel ist

Erstarkende Extreme, Gedanken ans Auswandern, Rechtfertigen im Alltag – eine virtuelle Begegnung mit Jüdinnen und Juden und der Frage: Wie gehtʼs dir?

von Katrin Richter  27.10.2026

Ausstellung

Waschgefäß ohne Geschichte

Das Jüdische Historische Institut in Warschau zeigt Exponate aus dem ehemaligen Berliner Jüdischen Museum – ohne klare Verweise und mit auffälliger Distanzierung

von Ingo Loose  27.10.2026

Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens: Akademie öffnet

Es ist die erste Institution dieser Art in der Bundesrepublik. Was hat es damit auf sich?

 27.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026

Brandenburg

Neuer Staatsvertrag für jüdische Gemeinden in Brandenburg

In Brandenburg hat die Bekämpfung des Antisemitismus seit 2022 Verfassungsrang. Nun soll der Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden verbessert werden

 25.10.2026

Porträt der Woche

Die Erinnerung muss bleiben

Thomas Gabelin wurde in Theresienstadt geboren. Heute ist er aktiver Zeitzeuge

von Christine Schmitt  25.10.2026

Jubiläum

Brücke nach Israel

TAMAD feiert 25 Jahre Freundschaft und kulturellen Dialog mit dem jüdischen Staat

von Luis Gruhler  25.10.2026

Brustkrebs

»Vorsorge ist entscheidend«

Hannah Arbitmann über Mammakarzinome, Gentests und die Menopause

von Katrin Richter  23.10.2026

Würdigung

Bayerischer Walk of Fame

Zwei Lebensgeschichten, ein gemeinsames Zeichen: Charlotte Knobloch und Herzog Franz von Bayern werden für ihr Engagement geehrt

von Luis Gruhler  23.10.2026