Ausstellung

Für die Zukunft

Eins vorweg, ein Knaller der Ausstellungseröffnung von »Mit eigener Stimme. 75 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland« im Stadtmuseum Braunschweig sind für viele Besucher Jugendfotos des aktuellen Präsidenten Josef Schuster aus den 70er-Jahren.

Dwora aus Düsseldorf entdeckt noch mehr an der Schauwand über die Anfänge der Jugendarbeit. »Das da oben war mein Mann!«, sagt sie und zeigt strahlend auf das Foto eines coolen Lockenkopfs. Sie habe ihren Micki 1974 bei einem sogenannten Winterseminar der IGJZ (Initiativgruppe für Jugendfragen beim Zentralrat) in Bad Sobernheim kennengelernt. Da wurde gefeiert, getanzt und auch über die Zukunft der Juden in Deutschland oder in Israel diskutiert. »Das sind Flashbacks in die eigene Jugend! Das ist sehr bewegend für mich«, sagt die 71-Jährige.

Bewegend ist diese Eröffnung auch für Familie Barkon, die extra aus Haifa angereist ist. Sie steht neben einer Vitrine zum Thema »Bewahrung der jüdischen Werte«, in der unter anderem Erinnerungen an den einstigen Gemeinderabbiner von Frankfurt und Landesrabbiner von Hessen, Isaak Emil Lichtigfeld, liegen, von denen die Barkons mehrere beigesteuert haben. 

Als orthodoxer Vorsitzender der 1952 gegründeten Rabbinerkonferenz kämpfte Lichtigfeld gegen den Bedeutungsverlust von Religion und Glauben. Dank ihm hatte Frankfurt ab 1966 wieder eine jüdische Schule. Ihr Großvater, sagt seine Enkelin Elisheva Barkon, sei ein imposanter Mann gewesen, der ihr und ihrer Schwester neben jüdischen Werten auch Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben habe, der sie bis heute folge. 

Diese Ausstellung, tatsächlich die erste in der Geschichte des Zentralrats, wird immer wieder ganz persönlich. Was die existenzielle Bedeutung dieser Institution umso sichtbarer macht. 

Dass der Zentralrat der Juden die jüdischen Gemeinden des Landes repräsentiert, wissen viele. Dass er nach der Schoa eigentlich ein Provisorium war, das den Überlebenden dabei helfen sollte, so schnell wie möglich das Land der Täter zu verlassen, wissen manche. Aber dass der Zentralrat – als klar wurde, dass es auch Juden gab, die in Deutschland bleiben wollten – beschloss, dafür zu sorgen, dass sich so etwas wie die Schoa niemals wiederholt, und zu diesem Zweck zu einem Kern der Demokratiewerdung ebendieses Landes wurde, dessen ist sich kaum jemand bewusst. 

»Die heutige Bundesrepublik wäre ohne den Zentralrat nicht denkbar.«

  Museumsdirektor Peter Joch

Um das Wiedererstarken von Nazismus, Rassismus und Antisemitismus zu verhindern, brauchte es ein stabiles ethisches und rechtliches Fundament. Dafür habe der Zentralrat von Anfang an gekämpft und wurde »zum Anwalt des Grundgesetzes«, sagt Museumsdirektor Peter Joch. »Die heutige Bundesrepublik wäre ohne den Zentralrat nicht denkbar.« Das zu zeigen, sei Ziel dieser Ausstellung. Aber auch abzubilden, wie vielfältig, bunt und mit welchem Spaß der Zentralrat tagtäglich an die Arbeit gehe. Joch zögert kurz und sagt dann sichtlich ergriffen: »Das hier, die Eröffnung dieser Ausstellung, ist etwas Bedeutendes!«

Und es war harte Arbeit, sie zustande zu bringen. Im Anschluss an die berüchtigte documenta fifteen im Jahr 2022, als der offizielle Umgang mit antisemitischer Propaganda im öffentlichen, staatlich finanzierten Raum für einen Riss im Vertrauen auf die Stärke der deutschen Demokratie sorgte, war Museumsdirektor Joch auf Stella Leder, Leiterin des Instituts für Neue Soziale Plastik, das die jüdische Stimme im Kunstbetrieb stärken will, zugegangen. »Er war der Einzige, der fragte: ›Was kann ich machen?‹«, sagt Leder. Sie seien sich einig gewesen, dass eine weitere Anti-Antisemitismus-Ausstellung nichts bringe. »Warum nicht zeigen, was die positiven Energien des Judentums in Deutschland sind, warum nicht eine Ausstellung darüber, warum der Zentralrat so toll ist?«

Joch verstand sofort und die Arbeit am Konzept begann. In enger Zusammenarbeit mit Hannah Dannel, damals Referentin für Kultur und Kommunikation des Zentralrats, und dem Frankfurter Historiker Fedor Besseler wurde diese wortwörtlich unglaubliche Geschichte des Glaubens an eine jüdische Zukunft in Deutschland zusammengetragen, destilliert und schließlich in 16 Kapiteln aufgestellt. 

Begrüßt werden die Ausstellungsbesucher vom Makkabär, dem Maskottchen des jüdischen Sportverbands Makkabi, und von Videos des beliebten Tanz- und Gesangswettbewerbs Jewrovision. Voll positiver Energie können sie dann in die Geschichte des Zentralrats eintauchen, von Menschen erfahren, die ihn mit aufgebaut haben wie Jeanette Wolff, SPD-Politikerin und stellvertretende Zentralratsvorsitzende, oder Josef Neuberger, der nach der Flucht zurückkehrte, 1966 Justizminister in NRW wurde und im Direktorium des Zentralrats saß. Von Menschen, die aufgeklärt und bewahrt haben, die gekämpft haben, die ihre Zukunft selbst in die Hände nehmen und gestalten wollten.

Eine Ausgabe von Hendrik G. Van Dams »Das Bundesentschädigungsgesetz 1953« ist genauso zu sehen wie ein Bambi von Fernsehstar Hans Rosenthal und auch der Rolodex von Heinz Galinski. 31 Videos und 17 Audios sorgen für besondere Nähe zu Menschen und Geschichte: Ignatz Bubis im Streit mit Martin Walser, die Ordination der ersten Rabbinerin in Deutschland nach der Schoa, Alina Treiger, die Projekte »Mitzvah Day« und »Meet a Jew«, Paul Spiegel und der Aufstand der Anständigen, der Zentralrat und Willy Brandt, der Zentralrat und Israel, der Zentralrat und die Ankunft Tausender Juden aus der Sowjetunion, die sich in Deutschland ein neues Leben und eine neue Gemeinschaft aufbauen mussten. 

»Demokratische Kultur lässt sich nicht staatlich verordnen.«  

Josef Schuster, Zentralratspräsident

»Ich hatte es mir viel langweiliger vorgestellt«, sagt Angelika aus Frankfurt. Aber sie komme gar nicht mehr aus dem Lesen und Schauen heraus. »Und mein Mann hat gerade ein Bild seiner Schwester gefunden«, erzählt sie. Immer wieder wird aus dem Persönlichen die Bedeutung für das ganze Große und umgekehrt, und wer Glück hat, wird an diesem Nachmittag durch andere Besucher oder sogar durch den Kurator Fedor Besseler persönlich auf weitere besondere Details hingewiesen.

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Dann, vor einer schwarzen Wand rechts im weiß-blau gehaltenen Hauptsaal, ändert sich der Ton der Ausstellung. »Kolot« steht da in großen Lettern. Stimmen von Juden in Deutschland, die in Videos davon berichten, was der 7. Oktober 2023 für das jüdische Leben bedeutet. Ein paar Meter weiter sorgt auch das Schicksal von Philipp Auerbach für erschrockenes Schweigen: »Er hatte Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald überlebt, nicht jedoch die bayerische Nachkriegsjustiz«, steht an der Schauwand. Der Satz sage einfach alles, findet Angelika.

Es ist zutiefst beeindruckend, wie diese Ausstellung so viele Gesichter und Geschichten in einen Fluss zu bringen vermag, dem der Besucher frei folgen kann. Oder mal hier, mal da hineinspringen, um etwas über die Eröffnung der ersten Jüdischen Akademie in Frankfurt zu erfahren, den ersten Militärrabbiner oder auch die Allianzen mit anderen Minderheiten im Land. Bildung, Wiedervereinigung, Kultur und Skandale haben ihren Platz gefunden. Und auch die Geschichte dieser Zeitung, bei der Paul Spiegel, ehemaliger Zentralratspräsident, übrigens einst Volontär war, wovon ein Jugendbild zeugt.

Apropos Jugendbild: Zentralratspräsident Josef Schuster fand in seiner Eröffnungsrede eine Zusammenfassung dieser Ausstellung und ihres Anlasses, die hoffentlich vielen im Kopf bleiben wird: »Anstand und demokratische Kultur lassen sich nicht staatlich verordnen. Jeder Einzelne muss dafür kämpfen.« Dazu solle man sich ruhig das Konzept dieser Ausstellung notieren, »unsere Nachfahren werden uns dankbar sein«.

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